„Eine schleichende Naturkatastrophe“

Tod durch Hitze: Münchens Kliniken schlagen Alarm

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Die aktuelle Sommerhitze ist für den Körper gefährlicher, als wir glauben.

München - Wie gefährlich ist dieser Sommer? Alte und Kranke leiden unter der extremen Hitze, Todesfälle häufen sich – und Münchens Kliniken reagieren darauf.

Für den Körper sind die hohen Temperaturen der vergangenen Wochen belastender, als wir denken. Durch längere Wärmeperioden verursachter Hitze-Stress ist in Großstädten zunehmend ein Problem, weil Beton und Asphalt die Wärme lange speichern. Vor allem chronisch Kranke und alte Menschen leiden darunter: „Im Hitzesommer 2003 gab es wegen der extremen Temperaturen in Europa 60 000 Todesfälle zusätzlich, in Deutschland waren es bis zu 7000“, sagt Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst. „Stürme und Fluten treten vielleicht heftiger auf – aber wenn man die Todeszahlen vergleicht, dann ist eine Hitzewelle eine schleichende Naturkatastrophe.“

In der Berliner Charité prüfen Klimatologen, Architekten und Mediziner deswegen, wie sich gekühlte Zimmer in Krankenhäusern auf die Genesung der Patienten auswirken. Bestimmte Krankenzimmer des Klinikums werden mit einer Flüssigkeit gekühlt, die durch Leitungen in Wänden und Decken fließt, die Auswirkung auf die Patienten wird minutiös gemessen.

In München müssen „normale“ Patienten in der Regel schwitzen. „Bogenhausen zum Beispiel heizt sich ordentlich auf“, sagt Martin Scheibel, der Sprecher der städtischen Kliniken. Wenn die Außentemperatur wochenlang um die 30 Grad beträgt, können sich die Krankenzimmer ebenso auf 28 Grad aufheizen. „Das kennt man ja auch von zuhause“, sagt Scheibel. Viel zu machen sei da nicht – denn konventionelle Klimaanlagen oder Ventilatoren dürften aus Hygienegründen nicht eingebaut werden. Sogar als Bakterienschleudern werden sie bezeichnet. In den städtischen Kliniken wird die Raumtemperatur lediglich auf Intensivstationen oder in den OP-Räumen mit speziellen Klimaanlagen gekühlt. „Die filtern die Luft vorher“, erklärt Scheibel.

Eine ähnliche Erklärung gibt auch Christopher Korn, der das Referat Betriebstechnik der LMU-Kliniken leitet. „In Bereichen mit erhöhten hygienischen Anforderungen, zum Beispiel in Intensivstationen und OP-Bereichen, sind Umluftkühler nicht zulässig“, sagt er. „Deshalb wird die Raumluft dort mit Klimaanlagen aufbereitet, die mit Filtern an den Lüftungsauslässen ausgestattet sind.“

Was die Patientenzimmer auf den anderen Stationen angeht, sind die Kliniken der LMU unterschiedlich ausgestattet. Die Zimmer in der Innenstadt werden nicht gekühlt, in Großhadern hingegen schon. „Auf den Normalstationen über die gleichen Geräte, die im Winter auch heizen, in den Wahlleistungsstationen mit Umluftkühlern und in den Intensivstationen mit Klimaanlagen“, erklärt Korn. Natürlich hänge die Raumtemperatur trotzdem von der Außentemperatur ab. „Beschwerden von Patienten sind mir nicht bekannt“, fügt er hinzu. Dass die Hitze gravierende Auswirkungen auf alte und kranke Menschen hat, ist dagegen unbestritten – das zeigt eine Studie des deutschen Wetterdienstes: Bis zu 1600 Menschen starben in Berlin in der Hitzeperiode 2003 zusätzlich.

Zahlen für München gebe es nicht, sagt Uwe Kirsche. Er betont jedoch, nach 2003 habe der Wetterdienst ein Hitzewarnsystem eingerichtet – man gebe also Bescheid, wenn sich eine heiße Periode nähert. „Es mag sich trivial anhören: Aber so können Krankenhäuser rechtzeitig bewegliche Betten von hitzeanfälligen Zimmern in andere Stockwerke verlegen, Altenheime können die Rationierung von Wasserflaschen erhöhen.“ Wegen des Warnsystems seien die Todeszahlen nie wieder so hoch gewesen wie 2003. „Wir passen uns an den Klimawandel an“, sagt Kirsche. „Aber eines ist klar: Es wird auch in Zukunft immer wieder Tote wegen Hitzewellen geben.“

Franziska Bär und Johannes Löhr

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