Wer ermordete den höflichen, hilfsbereiten 79-Jährigen in seinem Forstenrieder Hobbykeller?

Tod eines Gentleman

+
Finanzpräsident Hubert Albrecht (79) wurde in seinem Hobbykeller erstochen. Er verblutete hilflos und wurde erst zwei Tage später gefunden. Sein Mörder läuft noch heute frei herum.

Hubert Albrecht (79) hatte seine Freunde für den 26. Februar 1994 zum Kaffee eingeladen. So klingelte das Ehepaar an jenem Samstag wie ausgemacht um 15 Uhr am Haus des Gastgebers in der Fritz-Baer-Straße (Forstenried).

Doch die Tür wurde trotz mehrmaligen Läutens nicht geöffnet. Im Haus blieb alles still. Totenstill. Denn der einzige Bewohner der Zehn-Zimmer-Villa lebte nicht mehr. Hubert Albrecht – ehemaliger Staatssekretär im Bundessozialministerium und Finanzpräsident a. D. der Oberfinanzdirektion München – lag seit zwei Tagen tot im Hobbykeller. Durchbohrt von 18 tiefen Stichen. Die Tatwaffe lag noch dort: Ein so genannter Stechbeitel – ein sehr scharfes, längliches Schreinerwerkzeug aus Albrechts großem Hobbykeller. Wer derart brutal tötet, wird von Hass getrieben und vermutlich auch von panischer Angst. Jahrelang suchte die Kripo den Mörder daher im engsten Umfeld des vermögenden Opfers. Doch bisher konnte der Täter sein blutiges Geheimnis für sich behalten – seit nunmehr 14 Jahren.

Die Ehe des gebürtigen Niederbayern war kinderlos geblieben und wurde bereits 1956 geschieden. Seitdem zog er es vor, allein zu leben. Menschenscheu jedoch war er keineswegs. Bis zuletzt pflegte er seine Kontakte aus der aktiven Dienstzeit, blieb auch seinem „Finanzler-Stammtisch“ treu, fuhr in den Urlaub und machte Ausflüge mit Bekannten.

Bis Ende der 70er-Jahre wohnte Hubert Albrecht in Bogenhausen. Die Wohnung jedoch wurde ihm zu eng. Denn der Beamte war ein leidenschaftlicher Bildersammler und Hobby-Bastler, der gern mit Holz arbeitete und die Rahmen für seine Bilder selbst schnitzte.Der geräumige Hobbykeller war vermutlich ausschlaggebend für den Kauf des Forstenrieder Hauses. Er erwarb es fünf Jahre vor seinem Tod für 1,2 Millionen Mark. Die pikante Vorgeschichte der Zehn-Zimmer-Villa – dort vergnügten sich früher zahlende Gäste des Pärchen-Clubs Julischka bei verruchten Pool-Partys – störte Albrecht nicht. Er fand sie eher amüsant und machte seine Witze darüber. Nachbarn sahen manchmal junge Männer im Garten. „Das sind Studenten, die noch kein eigenes Zimmer gefunden haben“, pflegte Albrecht auf Nachfragen zu antworten.

Was am 24. Februar zwischen 14 und 15 Uhr in dem Haus geschah – das konnte die Mordkommission anhand der vorhandenen Spuren rekonstruieren. Albrecht hatte an jenem Donnerstag wie gewohnt die Zeitung und mittags die Post ins Haus geholt. Dazwischen fuhr er kurz zum Einkaufen in den C&C-Markt in der Balanstraße, gab laut Kassenzetteln 45 Mark aus. Seine letzte Mahlzeit bestand aus Weißwürsten. Um 14 Uhr telefonierte er noch mit der Sekretärin eines Bekannten. Kurz danach muss er Besuch bekommen haben. Besuch von seinem Mörder, den er offenbar hineinließ. Um 18 Uhr suchte ihn ein Bekannter. Da jedoch ging Hubert Albrecht nicht mehr ans Telefon.

Schon in der holzgetäfelten Diele muss es es zum ersten Angriff gekommen sein. Der Mörder war dem keineswegs kraftlosen Senior offenbar körperlich deutlich überlegen. Es gelang ihm, Hubert Albrecht mit Gewalt über den Steinfußboden die Treppe hinunter in den Hobbykeller zu schleifen. Dort griff der Täter dann zum Stechbeitel. Er fügte dem 79-Jährigen mit großer Kraft eine Vielzahl tiefer Wunden zu, an denen der Senior ohne die geringste Chance auf Rettung in kurzer Zeit innerlich verblutete.

Einen Raubmord schloss die Mordkommission schnell aus. Nichts war durchwühlt. Zunächst vermisste 3000 Euro wurden im Kleiderschrank im Schlafzimmer wiedergefunden. Hubert Albrecht war ein Gentleman der alten Schule. Sehr gebildet, stets höflich, eher zurückhaltend gegenüber Fremden und großzügig und hilfsbereit gegenüber denen, die er für seine Freunde hielt. Dabei war er offenbar in Gefahr, ausgenutzt zu werden: „Ich habe seine geldgierigen Duz-Freunde kennengelernt“, sagte ein Bekannter später bitter.

Lesen Sie auch:

Sonja, wo bist du nur?

Das schreckliche Ende von Kristin

"Kustermann-Mörder": Der Biedermann mit dem Pepita-Hut

Michaelas feiger Mörder ist immer noch frei

In Albrechts Großzügigkeit sieht die Mordkommission noch heute den Schlüssel zur Lösung des Falles. Drei Monate nach der Ermordung des Finanzpräsidenten nahm die Polizei einen verschuldeten Gastronom (42) fest, der sich bei Albrecht 60 000 Mark geliehen hatte und weitere 16 000 Mark fürs Finanzamt benötigte. Es schien plausibel, dass dieser Mann seinen vermögenden Gönner am Nachmittag des 24. Februar noch einmal – vergeblich – anpumpte. Damit hatte er zwar ein Motiv, doch der Nachweis platzte. Die Kripo musste ihren Hauptverdächtigen wieder laufen lassen.

So landete die Mordakte Albrecht dort, wo alle rätselhaften Münchner Verbrechen landen: im Keller der ungeklärten Fälle tief unter dem Münchner Polizeipräsidium.

Eine Serie von Dorita Plange

Wer war Albrechts letzter Besucher?

Der Mörder im Fall Albrecht hat sich die größte Mühe gegeben, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. Ein Haufen nicht zugeordneter Zigarettenkippen und Hubert Albrechts Fingernägel wurden asserviert – in der Hoffnung, auch noch viele Jahre später geringste DNA-Spuren sichtbar machen zu können. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sich Hubert Albrecht im Todeskampf an den Mörder krallte und ihm kleinere Wunden zufügte, ist groß.

Auch Faserspuren an der Hose des Opfers und die Tatwaffe – der Stechbeitel – wurden gesichert. Bis heute jedoch konnte die Mordkommission nicht zweifelsfrei klären, wer Albrechts letzter Besucher am frühen Nachmittag des 24. Februars 1994 war. Auch Hinweise auf ein fremdes Fahrzeug in der Wohnstraße fehlen. Möglich ist auch, dass sich der Mörder später (vielleicht auch nur in vagen Andeutungen) jemandem anvertraut hat.

Auf die Klärung des Falles wurden 2500 Euro Belohnung ausgesetzt. Unter Tel. 089/29 10-0 bittet die Münchner Mordkommission um Hinweise.

Quelle: tz

Auch interessant

Meistgelesen

Schauspielerin Billie Zöckler tot: Jetzt kommt heraus, wie traurig ihr Lebensende war
Schauspielerin Billie Zöckler tot: Jetzt kommt heraus, wie traurig ihr Lebensende war
Nach Berliner Vorbild: Neues System soll Münchner U-Bahnen revolutionieren
Nach Berliner Vorbild: Neues System soll Münchner U-Bahnen revolutionieren
Sprengstoff-Angst: Mann schleudert Tasche in Linienbus und flüchtet - Fahrgäste schockiert
Sprengstoff-Angst: Mann schleudert Tasche in Linienbus und flüchtet - Fahrgäste schockiert
Irrsinn am Odeonsplatz: Mit Vollgas durch die Einbahnstraße
Irrsinn am Odeonsplatz: Mit Vollgas durch die Einbahnstraße

Kommentare