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Lacrima hilft trauernden Kindern

„Weltuntergang“: Wenn Papa plötzlich nicht mehr da ist

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Die Kerze für seinen verstorbenen Vater gestaltete Alex im Trauerzentrum.

Der Tod seines Vaters stürzte den heute 15-jährigen Alex in eine schwere Krise – in einem Trauerzentrum der Johanniter fand der Junge Hilfe. Auch die Kunst spielte dabei eine Rolle.

Alex, 15, trifft sich gern mit Freunden. Er ist sportlich, fröhlich, gut in der Schule. Er lebt einen „normalen Alltag“, wie er sagt. Das ist nicht selbstverständlich. Denn vor dreieinhalb Jahren, Alex (Namen geändert) war elf Jahre alt, starb sein Papa. Ganz plötzlich. Herzstillstand. Eine Woche vor dem 49. Geburtstag. Der Schicksalsschlag traf den Sohn ins Mark, ein Abgrund aus Trauer und Verzweiflung tat sich auf. Das Kinder-Trauerzentrum Lacrima der Johanniter half Alex aus diesem dunklen Tal wieder heraus.

Der Bub mit den dunklen Locken schweigt über jenen schweren Moment, als Vater Michaelplötzlich nicht mehr da war. „Es war der Weltuntergang, das wünscht man niemandem“, sagt Mutter Sarah. Alex war mit seinem älteren Bruder und seiner Mutter zu Besuch bei der Oma im Ausland, als der Anruf kam: Papa ist tot. Mehr wollen beide nicht sagen. Zu groß ist die Angst, die Gefühle könnten wieder hervorbrechen.

Es gibt ein Kunstwerk, das ausdrückt, was in dem Elfjährigen vorging: Ein großes, weißes Blatt Papier, auf dem zwei Linien aufgemalt sind. Eine verläuft in Wellen und stürzt plötzlich tief ab: der Zeitpunkt, als der Vater starb. Langsam geht die Linie dann wieder bergauf. Die andere zeigt keinen Absturz, verläuft sanft auf und ab. Sie soll das Leben darstellen, wie Alex es sich vorstellt, wäre sein Papa nicht gestorben. Entstanden ist dieses Werk an einem der Nachmittage, die Alex im Trauerzentrum „Lacrima“ verbracht hat. „Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass wir dort ständig traurig waren und geweint haben“, sagt der 15-Jährige. „Ganz im Gegenteil: Wir haben sehr viel gelacht und herumgetobt. Es war laut, wild und lebendig.“ Etwa 80 Kinder zwischen sechs und 21 betreuen die Johanniter im Jahr. „Dort hatte man Verständnis für mich und keiner hat gebohrt“, erzählt Alex. Das habe er als sehr angenehm empfunden.

„Kinder gehen anders mit Trauer um“, erklärt Diakon Tobias Rilling von den Johannitern. „Sie springen in die Trauer wie in eine Pfütze hinein und wieder heraus. Bei Erwachsenen ist das eher ein Trauerfluss.“ Alex’ Mutter ist heute froh, dass ihr eine Freundin einen Zeitungsartikel über „Lacrima“ gab. „Wir besuchten einen Schnuppernachmittag“, sagt sie. Alex verzierte eine Kerze, auf die er alles klebte, was ihn an seinen Papa erinnert: dessen Namen, einen Fußball, eine Pizza aus Wachs. „Ich habe mich gleich wohl gefühlt“, sagt der 15-Jährige. Ab diesem Nachmittag ging er zwei Jahre lang alle zwei Wochen ins Trauerzentrum. Das Wichtigste war für ihn, Kinder zu treffen, die das gleiche Schicksal haben wie er. Die verstehen, wie es ist, ein Elternteil verloren zu haben. Seinen Mitschülern und Lehrern erzählte Alex nie, was passiert war. Dort fiel es auch nicht auf. Alex war immer da, hatte gute Noten. Nur im Schullandheim, in das die Klasse kurz nach dem Tod des Vaters fuhr, hielt er es nicht aus. „Da ging es mir gar nicht gut.“ Seine Mutter musste ihn abholen.

Trauerbewältigung: Woraus Alex nach dem Tod seines Vaters Kraft ziehen konnte

Im Trauerzentrum lernt Alex, mit der Situation umzugehen. Zu Beginn jeder Stunde gibt es ein Begrüßungsritual. Jeder zündet eine Kerze für das verlorene Elternteil oder Geschwisterkind an. „Auch Kinder, die einen Bruder oder eine Schwester verloren haben, können zu uns kommen“, sagt Rilling. Die Erfahrung zeige allerdings, dass der Verlust eines Elternteils Kinder viel mehr in existenzielle Ängste stürzen kann. „Das zieht vielen komplett den Boden unter den Füßen weg. Das fängt bei ganz einfachen Dingen an wie der Frage, wer sie jetzt aus der Schule abholen kann“, sagt Rilling.

Ganz bewusst begreifen Kinder den Tod eines Elternteils, wenn das eigene Ich ausgebildet ist. Das, sagt Rilling, sei etwa mit Beginn der Schulzeit der Fall. „Vorher merken sie auch, dass etwas fehlt. Zweijährige fragen dann zum Beispiel ständig nach Mama oder Papa“, erläutert der Diakon. Sie könnten jedoch noch nicht konkret begreifen, was das für sie bedeutet. „Es kann sein, dass beispielsweise ein Zweijähriger, der ein Elternteil verliert, erst Jahre später die Trauerphase durchlebt.“

Für Alex war diese Trauer im geschützten Raum wichtig. In Kunstwerken fand er Trost. So bastelte er ein Feuerwerk aus Papierschnipseln. Zuvor hatte er auf diese Zettel seine Sorgen und Ängste geschrieben und das Papier dann in den Reißwolf gesteckt. Oder einen Vogel aus Pappe mit roten und blauen Federn. Unter dem „Seelenvogel“ klebt eine Streichholzschachtel, auf der „Freude“ steht. Wenn er die Schachtel öffnet, wird ihm all das bewusst, was ihm Freude bereitet – zum Beispiel Jazzdance. „Mir haben die Treffen sehr geholfen. Ich habe auch heute noch Kontakt zu einigen, die ich dort kennengelernt habe“, sagt Alex. Sein älterer Bruder wollte nicht mitkommen. „Er ging damit anders um“, sagt Mutter Sarah. „Aber jede Art zu trauern ist okay.“

Laut Rilling unterscheiden sich Mädchen und Buben in ihrer Art zu trauern. Während Mädchen einen besseren Zugang zu ihrer Emotionalität hätten und über ihre Gefühle reden, machten Jungs gerne auf Normalität oder verhielten sich aggressiv. Nicht immer erkennt der verbliebene Elternteil, dass ein Kind Hilfe braucht. „Vater oder Mutter sind oft selbst sehr in ihrer eigenen Trauer gefangen“, sagt der Diakon. Häufig falle Freunden, Verwandten, Mitschülern oder Lehrern eher auf, dass etwas nicht stimmt. „Oft verändert sich das Wesen eines Kindes, es kann eine Aufmerksamkeitsdefizit-Störung bekommen, anfangen, sich zu ritzen oder nicht mehr schlafen. Folge einer unterdrückten Trauer kann auch sein, dass Kinder schlechte Noten haben oder sich aus ihrem Freundeskreis zurückziehen. Damit wissen viele Freunde dann nicht umzugehen.“

Alex und Sarah sind froh, die richtige Hilfe gefunden zu haben. Die Lücke, die Michaels Tod gerissen hat, wird immer bleiben. „Aber der Tod ist keine große, schwarze Wolke mehr über dem Raum. Uns geht es jetzt ganz gut zu dritt“, sagt Sarah. Die Kerze, die Alex am Schnuppernachmittag gebastelt hat, erinnert ihn jeden Tag an seinen Vater. Angezündet hat er sie noch nie. Aber sie steht immer direkt an seinem Bett.

So können Sie helfen

Das Trauerzentrum Lacrima kann Geld- und Zeitspenden gebrauchen. Das Angebot ist für Familien kostenlos. Denn oft fällt mit dem Tod eines Elternteils auch ein Gehalt weg. Wer selbst als Ehrenamtlicher helfen will, muss mindestens 18 Jahre alt und gefestigt sein. Weitere Informationen unter www.johanniter-lacrima.de.

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