Todesdrama: Münchnerin (23) stirbt an tückischem Syndrom

+
Über 150 Freunde und Verwandte kamen am Mittwoch zum Begräbnis am Westfriedhof. Sie können den plötzlichen Tod von Nihal Y. nicht begreifen.

München - Mit starkem Fieber und Schmerzen in der Brust kam die junge Frau ins Klinikum Großhadern, doch die Ärzte fanden nichts und schickten sie nach Hause. Kurze Zeit später ist die 23-Jährige tot.

Nächsten Sommer wollte Nihal Y. ihren Verlobten heiraten, ein Meer aus gelben Rosen hatte sie sich für den schönsten Tag ihres Lebens gewünscht. Doch eine heimtückische Krankheit (siehe unten) riss die Münchnerin aus dem Leben - plötzlich und unerwartet starb die 23-Jährige kurz nach einer mehrstündigen ärztlichen Untersuchung. Die Klinik hatte sie wieder nach Hause geschickt.

Mit hohem Fieber, starken Schmerzen in der Brust, Schwindel und Atemnot wacht Nihal Y. am Morgen des 15. Februar auf und lässt sich sofort von ihrer Mutter in die Notaufnahme des Klinikums Großhadern bringen. Hier in der Klinik arbeitet sowohl Nihal selbst (als OP-Hilfe) als auch ihre Mutter (als Krankenschwester). Knapp acht Stunden lang werden Nihals Organe per EKG, Computertomografie und Ultraschall untersucht, auch eine Blutuntersuchung wird durchgeführt. Doch die Ärzte finden nichts. „Es konnte keine Ursache für die fieberhafte Erkrankung gefunden werden, insbesondere die zielführenden Laborwerte waren unauffällig“, sagt Professor Burkhard Göke, Ärztlicher Direktor des Klinikums. Schließlich entlassen die Ärzte Nihal Y. nach Hause. „Sie erklärten ihr, es sei eine schwere Erkältung, sie solle sich hinlegen und ausruhen“, sagt Kaan M. (24).

Wut auf die Ärzte

Kaan M. (l.) und Onkel Yusuf K. trauern um Nihal Y. (r.). Einen Tag vor ihrem Tod feierte Kaan mit seiner Verlobten Valentinstag.

Seine Verlobte habe sich heftig gegen die Entlassung gewehrt und wollte in der Obhut der Ärzte bleiben. „Mami, die glauben mir nicht, dass ich krank bin. Ich möchte hier bleiben“, habe sie zu ihrer Mutter Behiye Y. gesagt, die ihre Tochter im Rollstuhl zum Auto fahren musste, denn zum Gehen sei Nihal zu schwach gewesen. Daheim bringt die Mutter ihre kranke Nihal ins Bett und stellt das Telefon für den Notfall daneben - sie selbst muss zurück zum Dienst im Klinikum. Doch als Behiye Y. nach knapp zwei Stunden nach Hause zurückkehrt, liegt Nihal tot in ihrem Bett. In die Trauer ihres Onkels Yusuf K. mischt sich Wut auf die Ärzte. Laut Obduktionsbericht starb Nihal Y. am Waterhouse-Friderichsen-Syndrom - einer bakteriellen Blutvergiftung, die nur schwer zu diagnostizieren ist und die in wenigen Stunden zum Tod führen kann. Yusuf K. ist überzeugt: „Der diensthabende Arzt hätte die Krankheit bei der Blutuntersuchung erkennen müssen.“

Allerdings weisen viele Experten immer wieder darauf hin, dass die Diagnose in solchen Fällen äußerst schwierig ist. Professor Burkhard Göke: „Alle Abläufe bei der Versorgung der Patientin wurden genau geprüft. Bisher muss man davon ausgehen, dass es sich um einen tragischen Verlauf der akuten Erkrankung gehandelt hat.“ Wo und wie sich Nihal angesteckt hat, ist unbekannt. Nahe Verwandte von Nihal Y. wurden vorsorglich mit Antibiotika behandelt, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Weitere Krankheitsfälle am Klinikum sind nicht bekannt.

Die Mitarbeiter des Klinikums sind tief erschüttert - seit zwei Jahren arbeitete Nihal Y. als OP-Hilfe in Großhadern. Sie galt als hilfsbereite Kollegin. Am Mittwoch kamen über 150 Freunde und Verwandte zum Begräbnis. Nihals Verlobter hat ans Sterbebild eine gelbe Rose geheftet. Ihm bleiben nur Tränen.

Einer der heimtückischsten Erreger

Dr. Nikolaus Frühwein.

Der Tod droht innerhalb weniger Stunden: Kaum eine Krankheit ist so bedrohlich wie das Waterhouse-Friderichsen-Syndrom, an dem Nihal Y. (23) starb. „Es handelt sich um einen der heimtückischsten Erreger, den wir haben. Ungefähr 10 bis 20 Menschen sterben bundesweit pro Jahr daran“, sagt Infektiologe Dr. Nikolaus Frühwein, Präsident der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen. Die Patienten stecken sich mit Meningokokken-Bakterien an, die bei sehr engem Kontakt etwa über Husten und Niesen übertragen werden und meist zu Hirnhautentzündungen führen. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) traf das 2011 nur sechs Münchner, bundesweit infizierten sich 370 Menschen. Die Tendenz ist seit Jahren rückläufig. Bei etwa jedem zehnten Patienten mündet die Erkrankung in eine besonders schwere Blutvergiftung - das Waterhouse-Friderichsen-Syndrom. Laut RKI stirbt etwa jeder dritte Patient, andere Statistiken liegen viel höher. Unbehandelt führt die Krankheit zum Tod. Häufige Symptome sind hohes Fieber über 39 Grad, starke Atemnot, Schwindel sowie Blutungen unter der Haut - es kommt zum Ausfall der Nebenniere. „Dieses Syndrom ist für Ärzte extrem schwer zu erkennen“, sagt Frühwein.  „Manche Menschen kann man durch intensivmedizinische Mittel und die Gabe von Antibiotika retten.“ Da die Krankheit zu einer Verstopfung der Blutgefäße führt, müssen oft Gliedmaßen amputiert werden. Es gibt eine Meningokokken-Impfung, die für Kinder empfohlen wird, jedoch nur gegen eine Erreger-Unterart wirkt.

C. Lewinsky

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

31-Jähriger am ZOB niedergestochen: Neue Details
31-Jähriger am ZOB niedergestochen: Neue Details
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring
Die Stadt der Zuagroasten: Was Neu-Münchner anzieht
Die Stadt der Zuagroasten: Was Neu-Münchner anzieht
So ehrt München den „roten Schorsch“
So ehrt München den „roten Schorsch“

Kommentare