Todesrennen: Fahrer entschuldigt sich beim Witwer

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Johann S. zündet eine Kerze für seine Frau Margareta an. Ihr Bild hängt an der Wand

München - Ein Motorradfahrer (21) hat die Frau von Johann S. (72) totgerast. Der Witwer findet nur langsam zurück ins Leben. Jetzt hat sich der Raser bei ihm entschuldigt. Die tz zeigt Auszüge des Briefs.

Manchmal, wenn der Fußboden knarzt, glaubt Johann S. (72), alles ist gut. Gleich kommt seine Margareta ins Wohnzimmer, setzt sich zu ihm aufs Sofa. Sie fassen sich an den Händen, schauen fern. Schon eine Sekunde später weiß Johann S.: Es ist nur ein Traum, eine Phantasie. Seine Frau liegt im Perlacher Friedhof. Seit mehr als vier Monaten – totgerast von einem Motorradfahrer (21).

„Von einer Sekunde auf die andere war alles anders“, sagt Johann S. Er streicht mit der Hand über das Polster der Couch. „Hier saß sie immer.“ Jetzt ist der Platz leer, die ganze Wohnung ist leer. „Sie fehlt mir“, erzählt Johann S. Es sind die Gespräche, die fehlen. Und die gemeinsamen Stunden auf dem Sofa, die Urlaube im Schwarzwald.

Ende Juni, an einem lauen Frühsommerabend, wird Margareta S. aus dem Leben gerissen – und Johann verliert seinen Halt. 20 Jahre war er mit seiner Frau zusammen, 15 davon verheiratet. Sie wussten, auf was es in einer Ehe ankommt. „Für uns beide war es die zweite“, erzählt Johann S.

Vier Monate nach dem Unfall findet der Witwer nur langsam zurück ins Leben. Er musste viel lernen in dieser Zeit: mit der Einsamkeit zurechtkommen, der Stille in der Wohnung. Er hat gelernt, die Waschmaschine zu bedienen, zu bügeln, sich einfache Gerichte zu kochen. „Margareta hat alles gemacht, sie wollte es so.“

Auch das Einkaufen im „Tengelmann“ hatte sie übernommen. Unzählige Male ist Margareta S. die paar hundert Meter dorthin geradelt. Auch an diesem Montagabend im Juni. Es ist gegen halb sechs, als Margareta losfährt. „Ich wollte sie noch abhalten, wir hätten auch am Dienstag einkaufen können“, erinnert sich Johann S. Doch seine Margareta will es gleich erledigen. „So war sie.“

Johann S. setzt sich derweil in den Vorgarten an der Eschenstraße – und wartet auf seine Frau. Es ist kurz nach 18 Uhr, als sich der Rentner über die vielen Autos wundert, die plötzlich die enge Straße entlang fahren. Dann kommt eine Nachbarin, erzählt, dass auf der Naupliastraße gerade ein Radler totgefahren worden ist. Von einem Motorrad, mit höllischem Tempo. Der Verkehr wird umgeleitet.

Johann S. fragt nach: „Ein Mann oder eine Frau?“ Die Nachbarin weiß es nicht, die Leiche ist zugedeckt. Aber sie beschreibt das Radl. „Ein weinrotes.“ Und ein Fahrradkorb liegt auf der Straße, Lebensmittel sind auf der Fahrbahn verstreut, grüne Einkaufstaschen auch.

Es ist der Moment, als Johann S. ahnt: „Meine Frau kommt nicht zurück!“ Jetzt biegen zwei Polizisten um die Ecke. Johann S. bekommt Gewissheit. 150 Meter von ihm entfernt liegt seine Margareta auf der Straße. „Ich habe es nicht geschafft hinzugehen“, beschreibt er. Und wieder schießen ihm Tränen in die Augen.

Lange hat der Witwer einen großen Bogen um die Unfallstelle gemacht. „Ich wollte nicht die Stelle sehen, wo meine Frau gestorben ist.“ Nachbarn haben dort ein Kreuz und Kerzen aufgestellt.

Die Rentnerin hat auf dem Rückweg alles richtig gemacht. Margareta S. quert die durch einen Grünstreifen getrennte Naupliastraße über die Fußgängerfurt. Von hier will sie ihr Radl über die zwei anderen Fahrstreifen schieben. 300 Meter weiter vorne wartet der Fahrer einer Suzuki, ein 21-Jähriger aus der Nachbarschaft, an der roten Ampel am Mangfallplatz. Rechts daneben ein Porsche. Zeugen hören Motoren aufheulen. Als es grün wird, schießt die Suzuki nach vorne, das Vorderrad in der Luft.

Der junge Fahrer erfasst mit seiner Maschine Margareta S., die erst zwei, drei Schritte auf die Fahrbahn getan hat. Das Geschoss trifft sie mit Tempo 120, schleudert sie 50 Meter durch die Luft. Sie ist sofort tot.

Der Motorradfahrer ist wieder gesund, seine Verletzungen weitgehend verheilt. Manchmal sieht Johann S. den jungen Mann von Weitem. Begegnen möchte er ihm noch nicht. „Die Zeit wird kommen. Möglicherweise bei seinem Prozess. Wenn ich stark genug bin.“ Oliver H. hat ihm einen Brief geschrieben, eine Entschuldigung.

„Ich verspüre keinen Hass“, sagt Johann S. „Ich brauche meine Kraft für mich.“

J. Mell

Der ergreifende Brief des Todesfahrers

Er lag wochenlang im Krankenhaus, hatte schwerste Verletzungen an Kopf und Oberkörper. Der Todesfahrer Oliver H. überlebte den Unfall, der Margareta S. aus dem Leben riss. Gegen den jungen Mann ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung. Höchststrafe: fünf Jahre.

Mit dieser Maschine erfasste er die Rentnerin. Sie war sofort tot

Nach dem Aufenthalt im Krankenhaus schrieb der junge Mann einen Brief an Johann S., in dem er sich entschuldigt. „Der Gedanke, durch mich ist eine Frau umgekommen, macht mich fertig. Des Öfteren wache ich nachts auf und muss an Ihre Frau denken“, schreibt der Todesraser. „Auch mein letzter Gedanke vor dem Schlafengehen gilt ihr, verbunden mit einem Gebet. Ich bin nicht wirklich religiös, aber der Gedanke, Ihre Frau schaut auf uns hinab, hilft mir über die Tragödie hinweg.“

Der komplette Unfalltag sei aus seinem Gedächtnis gelöscht, schreibt der Informatiker und Motorrad-Freak weiter. „Aber die Vorstellung des Unfalls kommt immer wieder und wird mich den Rest meines Leben begleiten. Das ist ­natürlich nichts im Vergleich zu dem, was Sie und Ihre Familie durchmachen müssen. Dazu möchte ich Ihnen mein Beileid aussprechen.“

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