Tollwood: Das „alternative Oktoberfest"

München - Am Donnerstag hat das Tollwood in München begonnen. Pünktlich zum Festival-Beginn hat das Sommerwetter die Landeshauptstadt verlassen. Spaß macht es trotzdem: „Wir hatten noch nie ein Tollwood ohne Regen", sagt Festivalsprecherin Christiane Stenzel.

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Das Münchner Tollwood-Sommerfestival beginnt mit Regen. In weißen, leicht bläulich schimmernden Stofffäden fällt er aus einer metallisch-glänzenden Wolke. Die Wolke steht auf einem begehbaren Kubus - sie ist nicht echt, dieser Regen auch nicht. In dem Kunstwerk werden Lichtexperimente gezeigt und es ist auch ein Symbol für ein den Münchnern bekanntes Phänomen: Das Tollwood-Wetter. „Wir hatten noch nie ein Tollwood ohne Regen“, sagt Festivalsprecherin Christiane Stenzel und lacht. „Aber Spaß beiseite. Die Leute sollen anfassen, schmecken, erfahren und ausprobieren.“ Das sei das Besondere an Tollwood: „Die Mischung aus Kunst, Kultur, leckerem Essen und guter Musik. Multikulturell und alles an einem Ort.“

Bilder vom ersten Tollwood-Tag

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Noch bis zum 12. Juli können Besucher im Münchner Olympiapark die 240 Stände aus 20 Nationen erleben. Rund 850.000 Menschen kamen im vergangenen Sommer zu dem „alternativen Oktoberfest“. „Alternatives Oktoberfest - das hören wir hier eigentlich gar nicht so gerne“, sagt Stenzel und muss dabei schmunzeln. „Schließlich geht es bei uns nicht um Bier und große Festzelte.“ Verständlich sei es aber schon, wenn man die lockere Atmosphäre und die vielen Menschen sehe, die draußen sitzen und sich angeregt unterhielten. Aus allen Richtungen umspielen fremde Gerüche die Nase. Kaum ein Gast, der nichts Essbares in Händen hält - die Auswahl ist riesig und zudem, so die Werbung, biologisch wertvoll. Jeder Gastronomie-Stand muss mindestens ein Gericht auf der Karte haben, das ein Bio-Siegel trägt.

Viele der Kunsthandwerker haben sich verpflichtet, ein Viertel ihrer Kollektion aus fairem Handel zu beziehen - Tendenz steigend. „Bio und Fair-Trade sind ein Anliegen der Veranstalter“, erklärt Stenzel. Das werde von den Besuchern inzwischen gut angenommen, auch wenn sich viele erst daran gewöhnen müssten. „Außerdem ist unser Festival einst aus dieser Szene entstanden.“

Einst, das war 1988. Rita Rottenwallner, die heutige Chefin, eröffnet damals gemeinsam mit Initiator Uwe Kleinschmidt das erste Tollwood-Festival. Die Idee, Münchens Kleinkunstszene für einen Tag auf einer Bühne zu versammeln, findet schnell Anhänger. Konstantin Wecker und Hanns Söllner treten auf. Bereits im Folgejahr werden fünf Zelte aufgebaut. Das Festival dauert nun 16 Tage; erstmals gibt es einen Umweltmarkt.

Mehr als 20 Jahre später sind 190 Kunsthandwerker und um die 50 Gastronomen dreieinhalb Wochen im Olympiapark. In der Musik-Arena spielen internationale Größen wie die Simple Minds oder die Kaiser Chiefs. Die Welt scheint zu Gast in München. Spürbar wird das beispielsweise im Marrakesch. Unter dem Zeltdach fängt sich eine Wolke aus orientalischen Gerüchen, in der Mitte spielt eine Gruppe Marokkaner Gnaua, wie sich ihre Musik nennt. Nebenan schnitzt ein Mann kleine Holzfiguren. Kunstvoll führt er mit den Füßen einen Hobel, den er mit Hilfe eines Streichbogens hin und her bewegt. „Diese Kunsthandwerker sind extra aus Marokko eingeflogen, um dieses neue Zelt möglich zu machen“, sagt Stenzel. Auf großzügigen Kissen sitzen Junge und Alte bei einer Shisha, einer orientalischen Wasserpfeife. Fast meint man, man sei schon gar nicht mehr in Bayern.

Das ändert sich schnell, betritt man das gegenüberliegende Zelt. Bei Viktoria Raith sollten eigentlich nur Bands aus der Umgebung spielen: „Da wir nur wenig Geld haben, können wir den Musikern keine langen Anfahrten zahlen“, sagt die Wirtin des Andechs-Zelts. Viele kämen trotzdem von weiter weg. Nicht wegen der Gage, wie die Raith sagt, sondern wegen des Publikums: „Bei uns wird man nicht reich, aber berühmt.“ Seit 1995 gibt es das Zelt beim Tollwood und seitdem ist Frau Raith die Wirtin. Eigentlich wollte sie es nur ein Jahr lang machen, „um zu sehen, ob man diesen speziellen musikalischen Charakter aufs Festival bringen kann“. Heute ist sie stolz auf die 80 Konzerte, die hier in 25 Tagen gespielt werden. Abseits der Zelte, auf den Hügeln des Olympiageländes, wird es jeden Abend langsam voller. Die Menschen sitzen unterhalb von riesigen Holzskulpturen, Symbolen ferner Kulturen. Genau so soll ein gelungener Festivalbesuch nach Ansicht von Christiane Stenzel ausklingen.

von Simon Bock

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