Er zog einen Mann aus dem Gleis

Vom U-Häftling zum Lebensretter

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U-Bahnhof Sendlinger Tor, Gleis 1: Hier hat der Münchner Tom Hertlitschke (24) am Samstagabend einem 20-jährigen Iraker das Leben gerettet Foto: Kurzendörfer

München -Bis Anfang des Jahres saß Tom Hertlitschke in Untersuchungshaft und wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Jetzt ist er zum Helden geworden und hat einem Mann wohl das Leben gerettet.

Es ist Samstag, 18.40 Uhr, als ein ehemaliger U-Häftling zum Lebensretter wird. Am Sendlinger Tor stürzt ein Iraker (20) ins Gleis. Alle starren ihn fassungslos an. Alle außer Tom Hertlitschke. Der 24-Jährige zögert keine Sekunde. Er springt hinterher, packt den Mann am Arm und zieht ihn in den Rettungsschacht unter dem Bahnsteig. Einen Augenblick später donnert die U6 an den jungen Männern vorbei. „In dem Moment habe ich gar nicht überlegt. Ich wusste, dass die U-Bahn gleich da sein muss“, erzählt der Schutzengel der tz.

Nachdem der Zug neben ihnen zum Stehen gekommen war, saßen Hertlitschke und der Gerettete unter dem Bahnsteig fest. Deshalb krabbelten sie bis zum Führerhäuschen und kletterten zurück auf die Plattform. Dort wurden sie schon von Feuerwehrleuten und anderen Fahrgästen erwartet. „Erst da wurde mir bewusst, dass die Sache auch ganz anders hätte ausgehen können“, sagt der Münchner.

Viel Zeit blieb nicht, um sich mit dem Iraker zu unterhalten. Der kam mit einem geprellten Knie ins Krankenhaus: „Davor hat er aber meine Hand gedrückt und sich bedankt.“ Sechs Freunde, die mit Hertlitschke unterwegs waren, sind beeindruckt. Schnell verbreitet sich seine Heldentat im Bekanntenkreis. „Auf Facebook haben mich viele Leute gelobt“, sagt Hertlitschke.

So viel Anerkennung hat er lange nicht mehr bekommen. Bis Anfang des Jahres saß er in Untersuchungshaft und wurde wegen Brandstiftung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Im Sommer 2012 hatte er in einem leer stehenden Mehrfamilienhaus in Ramersdorf Papier und Kunststoff angezündet. „Damals hatte ich abgeschaltet. Ich weiß nicht mehr, warum ich das getan habe.“ Die Seelsorge in Stadelheim half ihm, wieder auf den rechten Weg zu finden. Er wurde seither nicht mehr straffällig. Gerade ist der Löwen-Fan dabei, einen eigenen Sechz’ger-Fan-Club zu gründen: Kommando Blue. Acht Mitglieder hat er schon gefunden. „Sobald wir zu zehnt sind, melde ich uns offziell an“, sagt Hertlitschke.

Außerdem ist er auf der Suche nach einem neuen Job: „Mein Onkel arbeitet bei einer Firma, die Gleise auf der S-Bahnstammstrecke erneuert. Da würde ich auch gern anfangen.“ Dass er sich mit Gleisen auskennt, hat Tom Hertlitschke am Wochenende ja eindrucksvoll bewiesen …

Beate Winterer

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