So arbeitet die Stadtentwässerung

Harte Arbeit unter der Erde: Er hält das Grundwasser sauber

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Bereit zur Arbeit: Kanalin­spekteur Eric Baisi mit Neonlampe, Helm und Schutzanzug drei Meter unter der Erde.

Eric Baisi arbeitet im Untergrund - denn er ist Kanalinspekteur. Wir haben ihn bei seiner speziellen Arbeit begleitet. 

München - Es ist ein sonniger Tag, als sich Eric Baisi (41) in den Untergrund abseilt. Draußen wirbeln Blätter, der Wind weht lau. Drei Meter unter der Erde ist die Welt eine andere: finster, still und klamm. Es riecht nach Moder mit einem Hauch von Persil. Während sich die Städter oben ihrer Morgentoilette widmen, watet Baisi unten durch den Dreck. Vorbei an Hinterlassenschaften, die man lieber nicht näher anschaut. Was halt so in einem Kanal schwimmt… Denn: Baisi ist Kanalinspekteur. Der Mann, der das Grundwasser sauber hält.

Für Eric Baisi beginnt der Tag um halb sieben. In seinem Büro schlüpft er jeden Morgen in sein Arbeitsgewand, einen orangefarbenen Schutzanzug. Wenn er sich wie heute in den Untergrund abseilt, schnallt er sich noch einen „Lebensretter“ um die Brust: ein Kästchen mit Schutzbrille, Nasenklammer und Sauerstoffmaske, acht Kilogramm schwer.

Vor neun Jahren noch an Autos herumgeschraubt

Vor etwa neun Jahren hat der gelernte Kfz-Mechaniker noch an Autos herumgeschraubt. Irgendwann fehlte ihm dann aber die Abwechslung, der Reiz. Also bewarb er sich bei der Münchner Stadtentwässerung. Ein paar Tage später war er eingestellt. Seitdem sei jeder Tag anders, schwärmt Baisi. „Anstrengend zwar, aber immer interessant.“

Für seinen Traumjob nimmt der 41-Jährige sogar die hohe Infektionsgefahr in Kauf. Um gesund zu bleiben, schmiert er sich tubenweise Desinfektionsmittel auf die Haut. Baisis Duschzeit zählt zur Arbeitszeit.

Auf dem neuesten Stand der Technik: Angetrieben durch Elektromotoren fahren sogenannte Kanalfernaugen durch den Untergrund.

2500 Kilometer Kanal

An diesem Vormittag steht Baisi im Dunkeln. Um ihn herum winden sich 2500 Kilometer Kanal: alte, neue, betonierte, gemauerte und verfugte Schächte. „Jeder Kanal trägt ein einzigartiges Gewand“, meint Baisi. Der Großkanal in Neuperlach trägt zum Beispiel Grau. Wie Lametta baumeln Spaghettireste von der Wand. In der braunen Soße auf dem Boden treiben eingerollte Tomatenschalen umher. In den Ecken der Verbindungstrakte klebt der Matsch. „Zum Glück haben die Leute gerade geduscht“, scherzt Baisi. Würde es stinken, wäre das ein sicheres Zeichen von Fäulnisschlamm. Den gelte es, durch regelmäßige Wartungsarbeiten zu verhindern.

In seiner rechten Hand hält Baisi einen Laser-Stab - eine Art Kamerasystem. Alles, was der 41-Jährige damit sieht, landet bei seinem Kollegen auf dem Computer, dem gläsernen Kanal.

Mischung aus Duschwasser, Lauge und Fäkalien

Mit seiner linken Hand zeigt Baisi auf ein tellergroßes Loch im Schacht. „Privater Anschluss - verschlossen auf neun Uhr“, sagt er. Ohne die massive Abdeckung im Gewinde würde dem Münchner eine Mischung aus Duschwasser, Lauge und Fäkalien über die Gummistiefel schwappen. „Die Leute spülen einfach alles runter“, brummt Baisi. „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Am schlimmsten seien die Hygienetücher, deren Fasern auch nach Jahren nicht verrotten - und das Abwasser am Abfließen hindern. Mit einer Neon-Lampe sucht Baisi den Schacht an diesem Morgen nach Rissen und herausgebrochenen Scherben ab. Wird er fündig, müssen seine Kollegen ausschwärmen und die undichten Stellen flicken. So stellt die Mannschaft sicher, dass kein Fremdwasser in das Kanalsystem eindringt - und das Grundwasser sauber bleibt.

Nach etwa 120 Metern dreht Baisi um. „Keine Scherben, keine Tücher, kein Riss. „Alles in Ordnung“, funkt er seinen Kollegen an. Flink wie eine Katze setzt Baisi einen Fuß vor den anderen. Über rostrote Steigeisen zieht er sich Sprosse für Sprosse zurück ins Freie. Auf der letzten Stufe hält er kurz inne. Baisi genießt die Sonne, den Wind, die Freiheit. „Auch wenn die Luft hier oben mit Feinstaub belastet ist…“

Es geht abwärts: Mit Hilfe eines Dreifußes gelangt Baisi in die Tiefe.

Die Münchner Kanalisation

Unter unserer Stadt ziehen sich insgesamt 2500 ­Kilometer an Schächten - hier läuft das Abwasser ab. Am Ende gelangt die Brühe in die zwei großen Klärwerke. Die Abwasserentsorgung ist eine der wichtigsten Aufgaben der Stadt. Denn: Ohne sie hätten Krankheitserreger leichtes Spiel, so wie es im Mittelalter der Fall war. Wer sich näher für die Münchner Kanalisation interessiert, kann selber reinschauen - immer wieder gibt’s Führungen. Nähere Informationen dazu finden Sie im Internet auf der Seite www.­muenchen.de/mse.

Sarah Brenner

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