Ausverkauf im Einzelhandel

Traditionsläden in der Sendlinger Straße machen dicht

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Adelinde Dilz (75) verkauft Höschen und BHs, seit sie 14 ist. Früher belieferte Lewandowski den königlichen Hof.

München - Miete zu hoch, Ruhestand steht vor der Tür: In der Sendlinger Straße schließen gleich zwei Traditionsgeschäfte - Lewandowski Korsetten und Salon Karin. Die tz hat beim Ausverkauf der Traditionen vorbei geschaut.

Adelinde Dilz (75) weiß, was Frauen wollen. Seit sie 14 Jahre alt ist, verkauft die Münchnerin Unterwäsche in der Sendlinger Straße. Vom weißen Baumwoll-Liebestöter bis zur sexy Korsage. Jetzt schließt sie ihr Traditionsgeschäft Lewandowski Korsetten. Die 75-Jährige geht in den Ruhestand.

Das Lewandowski gibt es seit 130 Jahren.

Das Schild vor der Türe mit der spärlich bekleideten Frau darauf wird verschwinden. Wo sich heute noch Höschen und BH in handschriftlich ausgezeichneten Kartons türmen, wird wohl ab Juni Kaffee serviert.

Seit 130 Jahren gibt es das Lewandowski. Früher war es eine Ladenkette, die den königlichen Hof belieferte. Erst viel später, kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs, startete Dilz im Lewandowski ihre Ausbildung. Obwohl es ihr peinlich war, Unterhosen und Büstenhalter zu verkaufen. Dann kam, was Dilz eine „Revolution“ nennt. Der Hersteller Triumph brachte den ersten Stretch-BH raus. Name: Doreen. „Mit Doreen kamen auch die verschiedenen Körbchengrößen - davon haben wir zuvor nicht einmal geträumt“, sagt Dilz.  

1970 übernahm Adelinde Dilz dann den Laden. Zu dieser Zeit tuschelten die Passanten schon nicht mehr, wenn sie an dem Geschäft mit dem großen Schaukasten voller Wäsche vorbei gingen. Heute hat man das Gefühl, die Kundinnen wollen nach dem Kauf auf einen Plausch bleiben. Sie fühlen sich wohl bei Adelinde Dilz. Die meisten, wie etwa die 50-jährige Carmelita, kommen seit Jahren. Ihnen macht es nichts aus, dass sie sich mitten in dem vollgestellten Laden hinter einem Vorhang umziehen. Sie kommen schließlich nicht wegen des Ambientes, sondern wegen Adelinde Dilz. „Die Beratung ist toll“, schwärmen junge wie ältere Frauen, die in das Geschäft gehen. Weniger als zwei Kunden stehen nie vor dem altmodischen Tresen aus Holz, über den Dilz BH, Höschen und Strapsgürtel reicht.

Doch diese eigentlich schöne Aufgabe geht Adelinde Dilz in letzter Zeit nicht mehr so leicht von der Hand. Denn von den verkauften Stücken wird nicht ein einziges nachbestellt. Nicht einmal der BH Doreen von Triumph, den die Kundinnen bis heute so gerne gekauft haben.

"Salon Karin": Waschen, schneiden, schließen

Ein Langhaartyp, ganz klar. Das sieht Elfriede Ziegler auf den ersten Blick bei dem x-ten Kunden, der an diesem sonnigen Dienstag in ihren Laden an der Sendlinger Straße kommt. Der wievielte mag es wohl in ihrem Leben gewesen sein? Seit mehr als sechs Jahrzehnten ist die 75-Jährige Meisterin im Waschen, Schneiden, Legen. „Dazu bin ich geboren“, sagt Elfriede Ziegler. Jetzt muss sie ihren „Salon Karin“ in der Sendlinger Straße nach 34 Jahren zusperren. Die Miete ist zu hoch. 120 Euro pro Quadratmeter, das kann sich die Friseurin nicht mehr leisten.

Friseur-Meisterin Elfriede Ziegler (75) kann sich die Miete nicht mehr leisten.

Die rote Eingangstüre ist das Markenzeichen des schicken Ladens, der durch die Stuckdecke, die Glaswand und den glänzenden Kronleuchter schon von der Straße aus ins Auge fällt. Elfriede Ziegler wird ihn vermissen. Und den Kunden wird Elfriede Ziegler fehlen. Die stets gepflegte, schlanke Frau mit der modernen Bob-Frisur. Alle kennen sie nur als Karin. „Als ich 1954 in der Residenzstraße gelernt habe, hieß es, eine Elfriede haben wir schon und Karin passt eh besser zu dir“, erzählt die 75-Jährige. Seitdem ist sie für alle die Karin. „Das ist mein Künstlername“, sagt sie.

Ein Satz, der für sich spricht. Für Karin ist ihr Handwerk nicht nur das, womit sie ihre Wohnung - die nebenbei gesagt hinter dem Laden liegt - finanziert. Nein, für Karin ist es Kunst. Sie liebt alles Ästhetische. „Man muss immer ordentlich dastehen, das ist meine Devise.“

Weil sie aber nicht nur Künstlerin, sondern auch Geschäftsfrau ist, hat sie ihre fünf Mitarbeiter in einem Laden um die Ecke untergebracht. Der Besitzer stellt alle ein. Karin hat dagegen erst einmal einen bescheidenen Wunsch. München kennen lernen. Zwar ist sie gebürtig aus der Landeshauptstadt. „Aber ich habe ja immer nur den Weg zur Arbeit und wieder zurück gesehen“, sagt sie. Und wenn sie will, darf sie in dem Salon um die Ecke auch mal Hand anlegen, wenn ihr die Schere allzu sehr fehlt. Wenn man sie so ansieht, weiß man, dass es bis dahin nicht lange dauern wird.

Verena Usleber

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