Nach Everest-Tragödie

Messner: „Schluss mit dem Pisten-Bergtourismus“

München - Nach der Tragödie am Mount Everest plädiert der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner (69) dafür, den Tourismus am „Dach der Welt“ neu zu strukturieren.

Nach der Tragödie am Mount Everest, wo 16 Sherpas von einer Lawine in den Tod gerissen worden sind, plädiert der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner (69) dafür, den Tourismus am „Dach der Welt“ neu zu strukturieren.

-Herr Messner, nach dem Lawinenunglück am Mount Everest haben die meisten der Sherpas mit Streik gedroht, viele Tour-Organisatoren sagen jetzt die für Mai geplanten Gipfel-Besteigungen ab. Ist der Everest-Tourismus in dieser Saison am Ende?

Messner.

Ich kann die Sherpas, die aus Trauer um die Verstorbenen und aus Angst ums eigene Leben nicht mehr auf den Mount Everest steigen wollen, gut verstehen. Natürlich wird es Expeditionsteilnehmer geben, die viel Geld bezahlt haben und sich jetzt betrogen fühlen. Doch viel wichtiger ist doch, dass dieser Unfall, so tragisch er auch ist, generell die Chance eröffnet, eine weltweite Diskussion über eine Verspreizung im Nepal-Tourismus zu Beginnen. Der Tourismus dort funktioniert nicht wegen des Everest, sondern wegen der Trekking-Touren. Inzwischen hat der Trekking-Tourismus abgenommen, weil viele sagen, der Mount Everest und die Region drumherum habe ihr Flair verloren. Doch wahre Nachhaltigkeit liegt eben genau in diesen Trekking-Touren und nicht darin, eine Attrappe zu besteigen.

-Eine Attrappe?

Schauen Sie, früher sind wir in Eigenregie da hinauf und haben versucht, den Everest zu knacken (Messner bestieg den Mount Everest 1978 mit Peter Habeler über die Südroute und 1980 solo über die Nordroute, beide Male ohne Flaschensauerstoff; d. Red.). Heute bauen 400 bis 500 Sherpas eine Piste mit Leitern, Fixseilen, Hochlagern und Materialdepots hinauf vom Basislager bis zum Gipfel. Zwei Sherpas ziehen einen am Seil hoch, ein dritter trägt das Gepäck und reicht Flaschensauerstoff an – ja, so käme ich heute noch mit fast 70 auf den Everest. Das wäre mir so was von peinlich, dass ich es niemals tun würde.

-Der Mount Everest ist also zum Prestigeobjekt verkommen?

Ja, absolut. Wenn jemand wie einst ein gewisser Reinhold Messner Kopf und Kragen riskiert, um auf den Gipfel zu gelangen: okay. Aber man darf den Everest nicht zu einer Attrappe umbauen, denn nichts anderes besteigt der Tourist. Nein, der Everest gehört einfach nicht für Massenbesteigungen präpariert. Wenn die nepalesische Regierung mich ruft, bin ich gern bereit, nach Kathmandu zu fliegen und dort über nachhaltige Tourismuskonzepte zu diskutieren.

-Falls die Sherpas ihre Streik-Androhung wahrmachen: Hätten die Bergtouristen in dieser Saison ohne Unterstützung der Einheimischen überhaupt eine Gipfel-Chance?

In Eigenregie ist das kaum möglich. Wobei ich glaube, dass die Sherpas bleiben werden. Sie vergessen die Trauer nicht, und was dort passiert ist, ist sozial ungerecht. Aber der Everest ist für sie auch ein riesiges Geschäft. Falls die Sherpas aber stur bleiben: Nein, dann kommen die Bergtouristen nicht weit. Weil sie ohne Hilfe viel zu langsam wären, und dann wächst die Gefahr in Potenz. Es ist sowieso ein Wunder, dass in den vergangenen Jahren an dieser Stelle nicht schon viel mehr passiert ist.

-Die Sherpas fordern, 30 Prozent der Gebühren, die Bergsteiger für die Genehmigung an den Staat Nepal zahlen, müssten in einen Entschädigungsfonds fließen, und die Lebensversicherung von derzeit 7240 Euro solle verdoppelt werden. Wäre das ein Kompromiss?

Die Sherpas sind nicht schlecht bezahlt, aber – das hat sich jetzt gezeigt – extrem schlecht versichert. Ich bin mir jedoch sicher, dass die nepalesische Regierung keinen Cent von den Genehmigungsgebühren, immerhin rund fünf Millionen Euro pro Saison, hergibt. Aber das ist auch kein Problem – man muss ja bloß auf die Expeditionskosten einen Betrag X für eine ordentliche Versicherung der Sherpas draufschlagen.

-Dann würden die Expeditionen, die pro Person bis zu 40 000 Euro kosten, ja noch teurer!

Na und? Diese Preise sind nicht wichtig, denn die Bergtouristen dort haben genug Geld. Als ich vor zwei Jahren im Basislager zu Besuch war, gab es Leute, die haben sich zum Abendessen mit dem Helikopter nach Kathmandu fliegen lassen. Teilweise ging es dort zu wie am Airport in München. Wobei ich betonen möchte: Die Europäer sind am bescheidensten. Trotzdem bleibt die Kernfrage: Ist es richtig, dass man sich für viel Geld die Besteigung einer Attrappe erkaufen kann? Ich sage ,nein’, wenn man dafür Dritte – die Sherpas – in die Gefahrenzone mit hineinnimmt. Das ist eine moralische Frage. Denn wer trägt die Verantwortung? Doch nicht jene, die sich am Everest fühlen, als würden sie bei schönem Wetter auf die Zugspitze stapfen. Man sollte den Mut fassen, Schluss zu machen mit diesem Pisten-Bergtourismus. Nur so kann der Everest sein Flair behalten.

 Das Interview führte Martin Becker.

Rubriklistenbild: © dpa/fkn

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