Er sorgte für die Statik im Olympiapark

Trauer um Frei Otto: Der Vater des Zeltdachs ist tot

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Ein Genie seiner Zunft: Frei Otto -  der Mann, der dem tollkühnen Plan des Olympia-Zeltdaches statische Grundlagen verlieh - starb mit 89 und hinterlässt in München ein Monument für die Ewigkeit.

München - Er war ein Weltstar in seinem Metier, ein Steven Spielberg der Architektur. Deshalb sollte ihm in zwei Wochen auch der Nobelpreis seiner Zunft – der Pritzker-Preis – überreicht werden. Doch nun ist Frei Otto tot.

Der Mann, der unter anderem das weltberühmte Zeltdach des Olympiastadions schaffte, starb am Montag im Alter von 89 Jahren. „Er war unser Star. Das ist ein großer Verlust“, sagt sein Freund und Architekten-Kollege Fritz Auer (81) gegenüber der tz.

Frei Otto – seinen ungewöhnlichen Vornamen hat der gebürtige Sachse seiner Mutter zu verdanken. Die wollte, dass sich ihr Bub immer an seine Freiheit erinnert. Daran, dass alles möglich ist. Und genau das wurde das Lebensmotto des Feingeistes: „Seine Arbeiten sind immer leicht, offen für Natur und Licht“, urteilte die Jury des Pritzker-Preises. Daher sei er der perfekte Preisträger. Die Auszeichnung werde Otto nun posthum verliehen.

Günter Behnisch war Ottos genialer Partner.

Frei, luftig – ja, das trifft auch auf das Zeltdach des Olympiastadions zu. Zweifelsohne Ottos berühmtestes Werk. Den Wunderbau (den heute wohl allein wegen der Statik keine Behörde mehr absegnen würde) stellte der Architekt zusammen mit Günter Behnisch (1922-2010), Fritz Auer und Carlo Weber (1934-2014) auf die Beine. Die Idee mit dem Zeltdach ist aber Otto zu verdanken. Der hatte nämlich schon den Deutschen Pavillion zur Expo 1967 in Montreal ähnlich gestaltet (siehe rechts). Kurios: Um die Dach-Spannen in einem Modell zu simulieren, wurden Seidenstrümpfe der Ehefrauen über das Mini-Stadion gespannt. So konnte man planen, wo welcher Bereich gegen Wind und Wetter geschützt sein musste.

Neben der Dachkonstruktion im Oly entwarf Otto auch den Japanischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover. Und natürlich das Vogelhaus, die Großvoliere in Hellabrunn: „Trotz ihrer Größe wirkt sie federleicht“, sagte gestern Christine Strobl, 3. Bürgermeisterin und Aufsichtsratsvorsitzende des Tierparks.

Frei Otto hat von der Ehrung mit dem Pritzker-Preis noch erfahren. Die Entscheidung sei Anfang des Jahres gefallen und ihm danach überbracht worden, so die Jury. Sein Kommentar: „Das Gewinnen von Preisen ist nicht mein Lebensziel. Ich versuche, armen Menschen zu helfen. Aber was soll ich sagen, ich bin sehr glücklich.“

Daten & Fakten zur Kultstätte

Eigentümer: Stadt München

Betreiber: Olympiapark GmbH

Eröffnung: 26. Mai 1972

Kosten: 137 Millionen DM

Kapazität heute: 69.250 Plätze

Zuschauerrekord: zirka 100.000 (Regionalligaspiel 1860 - Augsburg)

Spielfläche: 105 × 68 Meter

Höhepunkte abseits des Sports: Konzerte aller Pop und Rockgrößen von Michael Jackson bis Rolling Stones, Open-Air-Bundestagswahlkampf mit Franz Josef Strauß (1980), Messe mit Papst Johannes Paul II. (1987)

Zeitzeugen würdigen ein Bauwerk von Weltrang

Alt-OB Hans-Jochen Vogel.

Der damalige OB: „Wir haben nach dem Zuschlag für die Spiele in Rom bald festgestellt, dass das ursprüngliche Stadion von der Architektur nicht den Maßstäben von Olympischen Spielen genügt“, sagt der damalige OB Hans-Jochen Vogel. Es sollte ein Ausrufezeichen her. „Deshalb ist ein Ideen-Wettbewerb ausgeschrieben worden“, erinnert sich der 89-Jährige. „Und das Modell von Günter Behnisch hat sich immer weiter nach vorne geschoben. „Es war eine kühne Entscheidung der Jury, die sich fast einstimmig dafür entschieden hat.“ Weder Kosten noch Statik waren geklärt. Zu diesem Zeitpunkt kam Frei Otto ins Spiel. „Er hat den Nachweis geliefert, dass sich das bauen lässt.“ Er habe laut Vogel deswegen einen wesentlichen Anteil an diesem Monument von Weltrang.

Die Kostenfrage war ebenfalls heikel. Das Stadion war mit 17 Millionen DM veranschlagt – tatsächlich waren fast 140 Millionen nötig! Vogel hat eine klare Meinung: „Eine Gesellschaft muss für ein außerordentliches Bauwerk auch einmal dieses Geld verfügbar machen.“ Und zum Glück fand sich auch eine ungewöhnliche Finanzierungsquelle im Bundesfinanzministerium. Es wurden 10 DM-Silbermünzen geprägt, der Gewinn lag abzüglich Material und Herstellung bei 7,50 DM. „Die sind dann 100 Millionen Mal verkauft worden“, sagt Vogel stolz. Das hat 700 Millionen gebracht und wesentliche Lücken geschlossen. Olympia 1972 hatte einen Gesamtetat von 2 Milliarden DM.

Trauert: Fritz Auer.

Der Kollege: Noch heute bekommt Architekt Fritz Auer (81) eine Gänsehaut, wenn er im Olympiapark spazierengeht. „Diese Dachkonstruktion ist immer wieder beeindruckend – und es ist schön ein Teil dieses Projekts gewesen zu sein.“ Gerne erinnert er sich an seinen Kollegen Frei Otto. „Er war der Ideengeber für diesen Bau, er hat damals penibel jeden Abstand der Träger und der Maschen bestimmt. Günter Behnisch und ich haben da meist nur zugehört. Er war da sehr bestimmend.“ Vom Tod des Star-Kollegen zu erfahren, schmerzt Auer: „Ich habe ihn erst vor sechs Monaten besucht. Man merkte schon, dass es ihm schlecht ging. Er war ein Künstler, ein Philosoph. Ich werde ihn sehr vermissen.“ Dass Frei Otto den Nobelpreis für Architektur nun posthum bekommt, freut den ehemaligen Kollegen riesig. „Den hat er wirklich verdient. Es ist die größte Auszeichnung für sein Lebenswerk, die es gibt.“ Um damals 1967 zu entscheiden, wo das Olympiastadion hin sollte, machte Auer mit seinen Kollegen übrigens vom Schuttberg aus ein Foto des Geländes. Dann entwarf man auf einer Zwei-Meter-Tischplatte mit Sägemehl und Wollfäden (für die Wege) ein Modell. Wo Auer dann vom Zuschlag für das Olympiagelände erfuhr? „Das war am 13. Oktober 1967 – einem Freitag. Ich war gerade auf der Baustelle eines Gymnasiums als ein Reporter anrief und sagte, dass wir gerade aus 104 Teilnehmern den ersten Platz gemacht hätten. Ich war sprachlos.“

Olypark-Chef Arno Hartung.

Der Parkchef: Der Olympiapark aus der Feder von Günter Behnisch – so kennt die Welt das Erbe der Olympischen Spiele von 1972. „Dass das Zeltdach von Frei Otto ist, geht leider immer etwas unter“, sagt Olympiapark-Chef Arno Hartung. „Dabei ist das Zeltdach das Prägnanteste am Olympiapark! Umso wichtiger ist es, heute seiner zu gedenken und ihn zu würdigen“, sagt er der tz.

Frei Otto wollte ein Dach bauen, dass sich in die Landschaft einbettet – tatsächlich wirken die 75 000 Quadratmeter noch heute hoch modern. Davon können sich Besucher bei der Zeltdach-Tour in schwindelerregender Höhe – gesichert mit Seil und Karabiner – selbst überzeugen. Allerdings müssen die Dach-Elemente nach mehr als 40 Jahren ausgetauscht werden. Die Kosten hierfür sind in der Stadionsanierung von rund 76 Millionen Euro noch nicht enthalten. Nach der letzten konkreten Schätzung –und die ist schon vier Jahre alt – können sie bei 193 Millionen Euro liegen.

Hier entstand die Idee

Ein luftiges Zeltdach – diese Idee setzte Frei Otto erstmals bei der Expo 1967 um, indem er den Deutschen Pavillion mit weißen Planen überdeckte. Es war der Mini-Entwurf für das Olympiastadion. Als das Team um Behnisch nämlich an einem Modell für München bastelte, kam ihnen der Pavillion wieder in den Sinn. Der Tenor: „Wäre es nicht genial, dieses Konstrukt auf ein riesiges Stadion zu übertragen?“ Trotz aller statischen und finanziellen Unwägbarkeiten (siehe links unten Alt-OB Vogel) wagten die Olympiamacher es – und schufen ein Wahrzeichen von Weltruhm.

Armin Geier, David Costanzo, Stefan Dorner

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