„Nimm ja kein Wort zurück!“

Abschied von Hamm-Brücher: Die bewegende Rede ihre Sohnes

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Mit einem Trauergottesdienst nahmen 

München - Politiker aus ganz Deutschland und Münchner Bürger haben in der St.-Lukas-Kirche Abschied von Hildegard Hamm-Brücher genommen. Vor allem die Trauerrede ihres Sohnes bewegte die Zuhörer. Er hob das politische Erbe seiner Mutter hervor.

Es ist kalt und trüb am Montagvormittag, als sich mehr als 500 Trauergäste an der St.-Lukas-Kirche am Mariannenplatz versammeln, um von Hildegard Hamm-Brücher Abschied zu nehmen. Unter ihnen: SPD-Ehrenmitglied Hans-Jochen Vogel, FDP-Vorsitzender Christian Lindner, Ex-Oberbürgermeister Christian Ude, der bayerische Innenminister Joachim Hermann und Bundespräsident Joachim Gauck. Auch viele Münchner Stadtpolitiker waren gekommen, um an der Trauerfeier teilzunehmen.

Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hält die Predigt für Hamm-Brücher. Die gebürtige Essenerin war am vorvergangenen Mittwoch im Alter von 95 Jahren gestorben. Bedford-Strohm würdigte Hamm-Brücher als „eine im besten Sinne streitbare Protestantin, die die Freiheit eines Christenmenschen selbst ausgestrahlt hat.“

Die Melodie von Tomaso Albinonis „Adagio in G-Moll“ hallt von den Mauern des Gotteshauses. Oberbürgermeister Dieter Reiter ergreift das Wort. Er würdigt Hamm-Brücher, indem er ihren Lebensweg nachzeichnet. Sie sei „eine Münchner Institution“ gewesen. Reiter spricht mit höchster Anerkennung und hebt vor allem Hamm-Brüchers Beistand hervor, als im Sommer der Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum ganz München erschütterte. Obwohl Hamm-Brücher wegen ihres hohen Alters große Mühe hatte, erschien Münchens erste Ehrenbürgerin im Landtag. Sie trauerte damals, Ende Juli 2016, gemeinsam mit den Abgeordneten um die Opfer dieses schwarzen Tages der Münchner Stadtgeschichte. Mittlerweile schätzen ihn manche Politiker als genauso traumatisch wie die Attentate bei den Olympischen Spielen im Jahr 1972 ein.

Reiter schließt seine Rede mit den Worten: „Hamm-Brücher ist dafür mitverantwortlich, dass Politik und Demokratie in Deutschland nahezu Synonyme sind. Unsere Aufgabe ist es nun, das Haus der Demokratie wetterfest zu machen.“

Nach Reiter schreitet der ehemalige FDP-Bundesminister Gerhart Baum ans Rednerpult, ein langjähriger Bekannter und politischer Weggefährte Hamm-Brüchers. Er betont ihre Rolle zur Zeit des Nationalsozialismus, als sie Kontakt zur Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ hatte. Nur mit Glück und Vernunft habe sie die Schreckensherrschaft überstanden. Baum hebt auch Hamm-Brüchers politisch bedeutsamsten Moment in Nachkriegsdeutschland hervor, im Jahr 1982, als sie in einer Bundestagsrede harsch kritisierte, dass gerade Helmut Schmidt ohne Wählervotum gestürzt und Helmut Kohl zum neuen Kanzler ernannt wurde. „Ich finde, dass beide dies nicht verdient haben“, sagte die überzeugte Demokratin damals. Damit schrieb sie politische Geschichte.

Hamm-Brüchers Sohn, Florian Hamm, ergänzt in seiner bewegenden Rede diesen Moment. „Am 1. Oktober 1982 ist meine Mutter zum Vorbild und zur Heldin geworden“, sagt er. Hamms Vater, der ehemalige CSU-Politiker Erwin Hamm, habe seine Mutter nach ihrer Rede bestärkt: „Er sagte zu ihr: ,Nimm ja kein Wort zurück, kein einziges!’ Und meine Mutter sagte immer: ,Verrate niemals deine Überzeugungen!‘“ Sätze, an die sich Florian Hamm für immer erinnern wird.

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Hüseyin Ince

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