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Zwei Auszubildende erzählen: „Gute Pflege ist viel mehr als medizinische Versorgung“

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Von: Katrin Woitsch

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Tamara Makina (links) und Francesca Catanzaro üben  an einer Puppe, eine Infusion zu legen.
Berufswunsch Pflegefachfrau: Tamara Makina (links) und Francesca Catanzaro gehören zu den ersten Absolventinnen der generalistischen Pflegeausbildung. Hier üben sie an einer Puppe, eine Infusion zu legen. © Oliver Bodmer

Der erste Lehrgang der generalistischen Pflegeausbildung wird fertig. Zwei Schülerinnen erzählen, warum sie sich für diesen Beruf entschieden haben.

München – Bald werden die ersten Schüler fertig, die sich für die neue generalistische Pflegeausbildung entschieden hatten. Tamara Makina und Francesca Catanzaro hatten ihre ersten Arbeitstage, als die Corona-Pandemie begann. Sie haben den Beruf gleich von der härtesten Seite kennengelernt – und gemerkt, auf was es bei guter Pflege wirklich ankommt.

Zwei Pflegeschülerinnen berichten: Ausbildungsstart mitten in der Corona-Krise

Ihr erster Arbeitstag liegt erst wenige Wochen zurück, als Francesca Catanzaro plötzlich allein ist mit einer Menge Verantwortung. Es ist Frühling 2020 – und auf ihrer Station im Krankenhaus fallen wegen Corona fast alle Pflegekräfte gleichzeitig aus. Die Pflegedienstleitung drückt ihr an diesem Morgen einen Stapel Patientenakten in die Hand. „Mach das, was du schaffst und was du dir zutraust“, sagt sie zu ihr. Dann ist die damals 20-jährige Pflegeschülerin auf sich gestellt.

Für die ersten Schüler der neuen generalistischen Pflegeausbildung begann die Lehrzeit härter als geplant. Nämlich mit dem Lockdown. Als im März 2020 alle zu Hause bleiben mussten, wurden sie nach drei Tagen Vorbereitung in ihre ersten Stationen geschickt. „Es war natürlich wie ein Wurf ins kalte Wasser“, sagt Margit Schmid, Leiterin der Berufsfachschule für Pflege der Schwesternschaft München vom BRK. Auch für sie und ihr Lehrerteam war der Start der reformierten Ausbildung alles andere als einfach. Die Lehrpläne wurden erst kurz vorher fertig, der Unterricht musste völlig neu konzipiert und durch die Pandemie auf Online-Modus umgestellt werden.

Zu wissen, dass wir überall gebraucht werden, wäre ein schönes Gefühl. Wenn dahinter nicht große Personalnot stehen würde.

Francesca Catanzaro

Die Pflegeschüler werden seit 2020 in Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege unterrichtet, erst nach der dreijährigen Ausbildung spezialisieren sie sich auf einen Bereich. Die Idee dahinter ist, dass die Ausbildung für junge Leute attraktiver wird und sie mehr Einsatzmöglichkeiten bekommen.

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Bald besitzen die beiden Pflegeschülerinnen einen europaweit anerkannten Abschluss

Das hat damals auch Francesca Catanzaro gereizt. Sie hatte sich erst zwei Tage vor Ausbildungsstart beworben – und bekam noch einen Platz, weil viele Bewerber aus dem Ausland wegen Corona nicht einreisen durften. Tamara Makina (25) hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, in die Pflege zu gehen. Sie hatte ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Reha-Klinik gemacht. „Danach wusste ich, dass das das Richtige für mich ist. Ich möchte das Leben anderer positiv beeinflussen“, sagt sie.

Inzwischen sind fast drei Jahre vergangen. Francesca, Tamara und ihre rund 20 Mitschüler haben 2500 Theorie- und Praxisstunden absolviert. Bis März stehen nun noch die Abschlussprüfungen an. Dann besitzen sie einen europaweit anerkannten Abschluss zur Pflegefrau oder zum Pflegemann und können sich entscheiden, ob sie in einem Krankenhaus, einer Kinderklinik oder in einem Pflegeheim arbeiten möchten. Noch haben sich beide nicht endgültig festgelegt – aber sie wissen, dass sie überall willkommen sind. „Das wäre ein schönes Gefühl“, sagt Francesca. „Wenn dahinter nicht große Personalnot stehen würde.“

Die beiden jungen Frauen haben den Pflegeberuf in den ersten Wochen ihrer Ausbildung gleich von seiner härtesten Seite kennengelernt. Hoffnungslos unterbesetzte Stationen, überarbeitete Pflegekräfte, Überstunden, Stress und eine enorme körperliche Belastung. „Corona hat sichtbar gemacht, wie hart dieser Beruf ist“, sagt Tamara Makina. Anerkennung und Bonuszahlungen würden nicht reichen, um daran etwas zu verändern. „Wir klären andere über gesundheitliche Risiken auf und selbst trinken wir literweise Kaffee und schlafen oft nicht mehr als fünf Stunden“, sagt Francesca Catanzaro. „Es fehlt die arbeitsrechtliche Unterstützung“, findet sie. „In keinem anderen Beruf wäre es möglich, unter solchen Bedingungen zu arbeiten – und in der Pflege geht es um Menschenleben.“ Aber sie hat auch viele schöne Momente erlebt: dankbare Blicke, nette Worte. „Man sieht in diesem Beruf, wie sehr man hilft“, betont sie. „Es geht nicht nur um Verbände und Medikamente, es geht oft auch einfach um ein Lächeln.“

Pflegeschülerinnen loben die neue generalistische Ausbildung

Die 20-Jährige hat das Gefühl, dass ihr die breite Ausbildung im Alltag oft weiterhilft. „Wir haben einen sehr weiten Blick auf die Pflege, auch einen psychologischen“, sagt sie. Schulleiterin Margit Schmid bestätigt das. „An der generalistischen Ausbildung wird oft kritisiert, dass sie nicht mehr so spezifisch die Inhalte vermittelt und die Auszubildenden am Ende nichts richtig können. Dabei können sie durch den weiteren Blick und die vermittelten Kompetenzen in vielen Bereichen oft bessere Lösungen finden.“ Auch Fachärzte spezialisieren sich erst nach der allgemeinen Ausbildung, sagt Schmid. Bei ihren Auszubildenden sollte das ähnlich sein. Wenn sie sich für einen Bereich entschieden haben, muss es geregelte Fort- und Weiterbildungen geben.

Gute Pflege ist mehr als medizinische Versorgung.

Tamara Makina

Ein paar Verbesserungsvorschläge haben die beiden angehenden Pflegefachfrauen aber. Francesca Catanzaro fand die Einsätze im zweiten Jahr in der ambulanten Pflege zu monoton. „Wir waren meist allein unterwegs und hatten wenig Gelegenheit, von anderen zu lernen“, sagt sie. Tamara Makina hätte sich gewünscht, in alle Bereiche gleich lang hineinschnuppern zu dürfen. Die Psychiatrie zum Beispiel habe relativ wenig Stunden im Lehrplan bekommen. Diesen Bereich könnte sie sich aber langfristig vorstellen. Genauso die Versorgung von Neugeborenen. Ihr erster Einsatz war auf der Wochenbettstation, erzählt sie. Es war einer der intensivsten. Väter durften im März 2020 nicht in die Krankenhäuser. Umso wertvoller war für die Mütter ihr Beistand. Schon an den ersten Tagen hat Tamara dabei die für sie wichtigste Lektion gelernt: „Gute Pflege ist viel mehr als medizinische Versorgung.“

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