Traditionell bilingual

„I mog di!“: Bairisch-Unterricht im Kindergarten

Der wahrscheinlich erste Bairischkurs Bayerns in einem Kindergarten findet seit kurzem in Trudering statt. In St. Franz Xaver lernen die Kleinen Begriffe, die im Münchnerischen teilweise verschwunden sind. Die Nachfrage ist riesig.

„Des is a Loab“: Bairisch-Lehrerin Erika Marschall.

München - „Hoachts amoi! Wos isn des fia a Form, wia nennt ma des?“, fragt die niederbairische Kinder-Pädagogin Erika Marschall (63) die Gruppe der Vier- bis Sechsjährigen am Frühstückstisch des Kindergartens St. Franz Xaver. Sie hält einen Brotlaib in der Hand. Die 15 Kinder beißen erst einmal in ihr Marmeladenbrot und schauen Marschall mit weit aufgerissenen Augen an. „Ein Broooot“, sagt die kleine Lara. „Und auf boarisch?“, fragt Marschall. Stille im sonst so lebhaften Raum, wo die Kinder auch gerne mal Matten auslegen und Purzelbäume schlagen. Marschall löst auf: „A Loab is des, so hoaßt des auf Bairisch.“ „Aaah, a Loaaab!“, hallt es.

Josef, Sara, Felix, Lena und Aaron beißen nochmal ein Stück ihrer Scheibe Brot ab – als ob es jetzt gleich besser schmeckt. Eine halbe Stunde lang betreibt Marschall dieses morgendliche Rätsel am Frühstückstisch weiter: Längliches Brot – Wecken. Brotende – Scherzerl. Ei – Oa. Salzstreuer – Soizbichserl. Besonders das „Oa“ und die Kombination „ein Ei“, also „oa Oa“, hat es den Kindern angetan. Sie lachen sich gegenseitig an, sekundenlang hallt es wieder nach: „Oa Oa, oa Oa, oa Oa!“

Auch das Begrüßen auf Barisch will gelernt sein. Den Kindern macht es Spaß eine neue Sprache zu lernen.

„Die Eltern erzählen uns nach den Bairisch-Stunden, welche Sätze die Kinder zu Hause verwenden, die sie hier lernen. Am häufigsten hören wir ,I mog di!‘, was die Eltern natürlich rührend finden“, sagt Marschall. Wenn Marschall, die pensionierte, nun ehrenamtlich Bairisch lehrende Pädagogin wollte, könnte sie noch mindestens zehn weitere Kinder in der Bairischgruppe des Kindergartens St. Franz Xaver aufnehmen, so groß ist die Nachfrage. „Aber dann wäre die Gruppe viel zu groß“, sagt sie.

Seit 20. Oktober kommt Marschall einmal die Woche in ihrer alten Arbeitsstätte vorbei, um eine Bairisch-Stunde abzuhalten. Die Eltern sind begeistert. Den Kindern macht es Spaß. In den Vorgesprächen mit den Eltern hatten die Leiter des Kindergartens und Marschall herausgehört, dass es ihnen wichtig ist, wenn ihre Kinder den Dialekt sprechen könnten. „Oft hieß es, es sei doch nicht schlecht, wenn man mal im Umland unterwegs ist und der Nachwuchs die Menschen dort auf Anhieb versteht“, erzählt Marschall. Der Niederbayerin selbst ist es wichtig, Bairisch als Kulturgut weiterzugeben. „In München leben Menschen mit so vielen unterschiedlichen Wurzeln. Wenn wir da nicht aktiv werden, geht die schöne Sprache irgendwann verloren“, sagt Marschall.

Aus einer völlig anderen Region und auch Kultur kommt die Leiterin des Kindergartens, Jeannette Feuerecker (46). Die gebürtige Berlinerin lebt seit 1995 in München, steht voll hinter dem Bairisch-Projekt für die Kleinen. Sie hat ihre Argumente: „In Berlin wäre ich auch dafür, dass die Kinder im Kindergarten Berlinerisch lernen. Das hat einen wunderschönen Klang. Ich glaube aber, es wäre nicht so notwendig wie hier, weil dort noch häufiger Berlinerisch gesprochen wird als in München Bairisch.“ Feuereckers eigene Kinder können beispielsweise Bairisch und Berlinerisch, erzählt sie.

Bairisch-Förderer Horst Münzinger.

Mit solchen Worten rennt die Berlinerin bei einem Münchner wie Horst Münzinger offene Türen ein. Der 55-Jährige ist Vorsitzender des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte (FBSD) und hat bereits ein Buch geschrieben: „Auf den Spuren der bairischen Sprache“.

Münzinger ist heute auch zur Bairisch-Stunde der Kindertagesstätte gekommen, um sich ein eigenes Bild davon zu machen, wie die Sprachkunde bei den Kindern ankommt. Denn Münzinger ist der Schirmherr des Projektes. In seiner Freizeit referiert er über die Geschichte der bairischen Sprache an Münchner und Bad Tölzer Volkshochschulen. „Sprache!“, sagt er, als er auf den bairischen „Dialekt“ angesprochen wird. „Bairisch ist älter als Französisch, 1500 Jahre alt, kein Dialekt, eine eigene Sprache!“ Es sei sehr wichtig, durch Überlieferungen Bairisch zu erhalten. Und das Projekt am Kindergarten St. Franz Xaver sei eben so eine Überlieferung.

Außerdem findet er es großartig, „wenn die Kinder bilingual aufwachsen.“ Münzinger ist ein Fachmann und greift in sein Vortragsrepertoire. „Früher verstand man unter Hochdeutsch Bairisch. Weil die Sprache aus den Bergen, den höheren Lagen, kam“, sagt Münzinger. Das heutige Hochdeutsch müsse eigentlich „Schriftdeutsch“ heißen. „Unsere Lehrer haben uns in der siebten Klasse verboten, Bairisch zu sprechen. Das hat sich heute zum Glück geändert.“

Hüseyin Ince

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