Skandal von Kirchtrudering

Sozialreferat: Es gibt 20 weitere Elendshäuser

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In diesem Haus ­in Kirchtrudering ­herrschen katastrophale ­Verhältnisse.

München - Die Menschen im Elendshaus von Kirchtrudering mussten und müssen unter schlimmsten Umständen leben. Jetzt kommt heraus: Es ist nicht das einzige in der Stadt.

Für einen Platz in diesem Massenlager sind 170 Euro pro Monat fällig.

Fast 70 Erwachsene und Kinder in einem Häuschen. Zwei Toiletten und vier Kochplatten, im Keller steht die Drecksbrühe – aber ein Schlafplatz soll 170 Euro kosten! So sahen die Zustände im Kirchtruderinger Elendshaus aus. Das Sozialreferat berichtet nun von rund 20 weiteren Adressen! Die SPD fordert darum ein neues Gesetz für Wohnungskontrollen.

Es fehlt an Küchen, Kühlschränken und Kochgelegenheiten.

Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) hatte ein ungutes Gefühl: Heuer seien im Sommer kaum wilde Zeltcamps von Bettlern oder Armutsarbeitern aufgefallen. „Wir haben uns schon gefragt: Wo sind die Menschen hin?“ Darum sollten die Sozialbürgerhäuser bekannte, überbelegte Häuser und solche mit prekären Wohnverhältnissen melden. Auf der Liste landeten 20 Häuser in der ganzen Stadt – einige davon im Bahnhofsviertel. Diese seien nicht ganz so verwahrlost wie das Elendshaus von Kirchtrudering. Aber: „Es sind immer zu viele Bewohner, um die sich zu wenig gekümmert wird“, sagt Meier. „In München ist ein neuer Markt entstanden, auf dem die Menschen gnadenlos ausgenutzt werden.“

Meist lebten Migranten aus Südosteuropa in den Häusern – in Trudering waren es Bulgaren. Sie verdienten wenige hundert Euro im Monat. Das genüge nur, um die Kosten für die Matratzen abzustottern, sagt die Sozialreferentin. Ein Bewohner von Kirchtrudering hatte der tz gesagt: „Leute wie wir bekommen in München keine normale Wohnung.“

Die Stadtverwaltung reagiert: Der Arbeitskreis über die Zeltlager wurde Anfang November umbenannt in „Prekäre Wohnverhältnisse“. Alle Elendshäuser würden die Behörden nun gemeinsam abarbeiten, sagt Meier. „Dann sind wir schlagkräftiger.“

Die Rathaus-SPD will nun das Wohnungsaufsichtsgesetz zurück, das der Freistaat 2005 abgeschafft hat. „Immer wieder versuchen Vermieter, die Notlage anderer auszunutzen“, sagt Fraktionschef Alexander Reissl. „Wir brauchen ein Gesetz, um gegen die Ausbeutung vorgehen zu können.“ Damit könne die Stadt selbst Wohnungen auf Verwahrlosung kontrollieren.

Wie geht's weiter?

Das Bangen um die Bewohner des Elendshauses von Kirchtrudering geht weiter: Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) berichtet, dass der eigentliche Hauseigentümer dem Vermieter der Bulgaren Anfang November fristlos gekündigt habe – Mehmet K. (42) nämlich, der selbst nur als Hauptmieter mit vielen Untermietern fungierte. Damit sind auch alle Untermietverträge hinfällig! „Wir haben den Untermietern geraten, erst mal im Haus zu bleiben“, sagt Meier. Die Stadt will die Bewohner (wieder) in Kälteschutzunterkünften oder in der Wohnungslosenhilfe unterbringen.

Erst am Freitag musste die Stadt von Amts wegen die Stromversorgung wieder herstellen: In einem Geschoss hatten die Bewohner selbst Kabel verlegt – zu gefährlich. Die Rechnung wird dem Eigentümer präsentiert.

Die Sozialreferentin verteidigt sich auch gegen Vorwürfe, nicht früher eingeschritten zu sein: Tatsächlich sei der Fall seit Mitte Juli bekannt. Die Behörden gleich mehrerer Referate seien bei nicht weniger als 19 Besuchen (!) übereinstimmend zum Ergebnis gekommen, dass nicht geräumt werden müsse – bis Ende Oktober. Die Kinder und ein wenige Tage alter Säugling seien stets in sauberen und warmen Zimmern gut genährt angetroffen worden.

David Costanzo

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