"Beinahe wäre Panik ausgebrochen"

Nach Derby: Kritik an Sicherheitskräften

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Ganz viel Gedränge, ganz viel Polizei: Szene vom Mittwochabend unter der Westkurve des Sechzgerstadions.

München - Nach den chaotischen Szenen ums Grünwalder Stadion geht die Debatte um die Sicherheit in Giesing weiter. Augenzeugen erheben Vorwürfe gegen Ordnungsdienst und Polizei.

Bayern-Anhänger Reinhard ist kein Krawallbruder, das ist ihm wichtig. „Ich bin ein normaler Fußball-Fan, kein Verrückter“, sagt der 49-jährige Merkur-Leser aus Erding, als er in der Redaktion des Münchner Merkur anruft. Reinhard will erzählen von seinem Erlebnis am Mittwoch unter der Westkurve. Mit diesem Bedürfnis ist er nicht alleine. Im Internet sind dutzende Berichte von Fans zu finden, die sich nach dem Derby zwischen den zweiten Mannschaften von 1860 und Bayern über die Sicherheitskräfte beschweren.

Deren Taktik habe beinahe eine Panik ausgelöst. Um 20.15 Uhr sollte das Spiel beginnen „Als ich kurz nach acht ankam“, erzählt Reinhard, „waren nur zwei Eingänge offen und da standen bestimmt zweitausend Leute.“ Ganz normale Leute, betont Reinhard. Das bestätigt Jochen Kaufmann, der für das Fanprojekt der Arbeiterwohlfahrt Sozialarbeit mit den Fußball-Anhängern macht. „Die Bayern-Fans dort waren ruhig und gesittet, es hat auch niemand versucht, Kontrollen zu überwinden.“

Trotzdem sei ein „Riesen-Gedränge“ entstanden, berichtet Reinhard. „Und anstatt ein drittes Tor aufzumachen, machen die noch eins zu!“ Augenzeugen erzählen, Fans hätten keinen Boden mehr unter den Füßen gehabt. In einem Beitrag des Senders „Sport 1“ wird berichtet, die Polizei habe keinen hinausgelassen, ein junger Mann erzählt, er sei in Panik auf eine Absperrung geklettert.

Schon beim Hinspiel im August hatte es Klagen über Chaos am selben Eingang gegeben. Damals waren 1860-Fans in der Westkurve gestanden. Man habe danach mit Kreisverwaltungsreferat, Feuerwehr und Polizei gesprochen, sagt Matthias Imhof, bei 1860 für die Amateure zuständig. Jetzt habe man mehr Eingänge geöffnet und keine Probleme gehabt.

Randale und Bengalos beim kleinen Derby

Randale und Bengalos beim kleinen Derby

Das sieht Kaufmann anders. „Erst später wurden die Eingänge bei den alten Kassenhäuschen geöffnet“, sagt er. „Da fragt man sich schon, warum das nicht früher gemacht wurde?“ Eine Sprecherin des Sportreferats sagt, man habe in den letzten Monaten gehandelt, es seien Zäune erhöht worden. Weitere Arbeiten seien geplant – zum Beispiel Gitter, die Massen vor dem Einlass früher entzerren.

Die Polizei hatte wie berichtet nach dem Spiel aggressive Fans scharf kritisiert. Während des Spiels war ungewöhnlich viel Pyrotechnik abgebrannt worden, zu Auseinandersetzungen kam es aber nur außerhalb des Stadions. Stundenlang waren in Giesing Straßen gesperrt. Die Polizei hatte die Frage aufgeworfen, ob Risiko-Spiele hier noch sinnvoll seien.

Roman Beer, der lange Jahre Vorsitzender der „Freunde des Sechzgerstadions“ war, betont hingegen, dass Mitte der 90er-Jahre 14 000 Fans in der Westkurve standen. Am Mittwoch sollen es weniger als 4000 gewesen sein. Das muss man doch stemmen können – so sehen es die, die das Stadion verteidigen, das erst jüngst für zehn Millionen Euro saniert wurde. Clemens Baumgärtner (CSU), Chef des Untergiesinger Bezirksausschusses, sagt über die Verkehrsprobleme: „Die Leute, die herziehen, wissen, dass es Beeinträchtigungen durch den Fußball gibt. Wenn ich am Ring wohne, wundere ich mich auch nicht, dass Autos fahren. “ Schuld am Ärger seien Fans und Veranstalter. „Man sollte das Stadion für nichts verantwortlich machen, wofür es nichts kann.“

Felix Müller 

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