Geretsrieder Baumarkt-Mitarbeiter haben verrückte Idee

Hilfe! Wir suchen einen Chef!

+
Vize-Marktleiter Urlberger (rechts) und seinem Team drohen Hartz IV

Geretsried - Für die Mitarbeiter ist es eine Katastrophe, für Geschäftsführer Robert Lug eine Notbremsung: Nächste Woche schließt der „Baufuchs“ – der Baumarkt in der Jeschkenstraße ist eine Institution in Geretsried.

„Der Umsatz ist um 30 Prozent eingebrochen“, sagt Lug. Die bittere Folge: Auf einen Schlag verlieren 17 Mitarbeiter ihren Job, ihnen droht Hartz IV.

Doch jetzt bäumen sich die Angestellten auf: Mit Trotz, Frust und einer außergewöhnlichen Idee. Wir sind freundlich, kompetent, aber bald arbeitslos, warum suchen wir uns nicht einen neuen Chef? Einen Chef für uns alleine. Investoren und Baumarktketten haben sie schon angeschrieben – und sich als komplettes Team angeboten. Bisher hat niemand zugeschlagen. Auf Flyern bewerben sie sich selbst. „Strapazierfähig wie Laminat, arbeitswütig, hochmotiviert“ seien sie. Und: „Wir wollen festen Boden unter den Füßen – und können ihn auch verkaufen.“

Die Aktion gibt Halt. Sie hilft, durch den Tag zu kommen. Vielleicht spaziert ja gleich der neue Chef durch die elektronische Schiebetür. Dann wird alles gut. Der Baufuchs ist für die Mitarbeiter mehr als ein Arbeitsplatz. „Wir sind hier wie eine Familie“, sagt Michael Rottmüller, 38, Werkzeugabteilung, bald arbeitslos. Eine Familie im übertragenen Sinn – und wortwörtlich. Vier Familienmitglieder von Rottmüller arbeiten im Baufuchs. Autoabteilung, Spielzeugabteilung, Büro, Elektromaschinen, eine richtige Verkäuferdynastie. Die Schließung ist ein Familien-Drama. „Aber als Mensch ist man offensichtlich nicht mehr viel wert.“ Er ist bitter enttäuscht von der Geschäftsführung.

Begeistert ist er jedoch von „seinen“ Kunden. Viele Geretsrieder wollen ihren Baufuchs behalten. Sie wollen nicht wegen jeder Schraube nach Wolfratshausen oder München. So sagen sie es den Mitarbeitern. So schreiben sie es in Leserbriefen und im Internet unter die Zeitungsartikel: „Oase in der Servicewüste“, „Bitte nicht schließen“, „Ihr werdet uns fehlen“ – das Baufuchs- Team ist überwältigt vor lauter Kunden-Lob. „Die wollen uns alle“, sagt Alexander Urlberger, stellvertretender Marktleiter, 43 Jahre alt, zwei Kinder, bald arbeitslos. „Das war hier früher wie ein Wohnzimmer!“

Genau deswegen suchen sie jetzt einen neuen Chef, der sie wieder an den Kunden bringt. „Die ganze Stadt schreit nach einem Markt“, sagt Peter Tobisch, 60, Farbexperte, bald arbeitslos. „Es ist nicht konkurrenzbedingt, dass wir schließen“, sagt er. Tobisch liebt das Beraten, das Kundenhelfen, das Verkaufen. Früher hatte er einen Gemüseladen. Er ist sich treu geblieben. Heute verkauft er die Farbtöne von Früchten. Melone, Apricot, Mint. Noch verkauft er.

Die Mitarbeiter sind zwar strapazierfähig wie Laminat, aber den Boden hat es ihnen doch weggezogen. „Mit vielem haben wir gerechnet, aber nicht mit dem“, sagt Tobisch. „Die letzten Jahre vor der Rente habe ich mir anders vorgestellt, eine Katastrophe!“ Gerade ist Räumungsverkauf: Die letzte Kunden tragen die letzten Farbeimer, die letzten Schrauben aus dem Markt. Womöglich kommt demnächst ein Spielsalon oder eine Bowlingbahn in das Gebäude. Noch ist nichts entschieden. „Vielleicht brauchen sie einen Türsteher“, sagt Tobisch und lacht. Ernst meint er es nicht. Er hat ein Leben lang verkauft, aber sich selbst noch nie. Spielothek-Türsteher würde er niemals machen. „Man muss positiv denken“, sagt er. Vielleicht geht das Märchen aber auch in Erfüllung: Chef, bitte kommen!

Stefan Sessler

Die Wirtschaftskrise in 17 Bildern

Strecke

Auch interessant

Kommentare