Arndt von Bohlen und Halbach wurde zum Münchner Exzentriker

Das bizarre Leben des letzten Krupp

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Ein Bild von 1975, aufgenommen in seiner Wohnung.

Millionen Zuschauer sahen gestern im Fernsehen, wie „der letzte Krupp“ sein schweres ­Erbe abschüttelte. Wie Arndt von Bohlen und Halbach mit der Familientradion der Stahldynastie brach, um sein eigenes Leben zu leben. Was der ZDF-Film nicht verraten hat: wie ausschweifend und bizarr ­dieses Leben war.

Arndt von Bohlen und Halbach – den Namen „Krupp“ darf er nach seinem Erbverzicht nicht mehr führen. Statt am ­Familiensitz in Essen zu wohnen, pendelt er mit dem Jetset um die Welt: eine Villa in Palm Beach, eine Yacht an der CÔte d’Azur, ein Märchen­palast in Marrakesch, das Familienschloss Blühnbach bei Salzburg, ein Palais in der Schwabinger Georgenstraße …

Die Münchner Modemacherin und Autorin Maja Schulze-Lackner erinnert sich lebhaft an rauschende Feste in den 60er- und 70er-Jahren beim Konsul Styler oder im Restaurant Humplmayer: „Da waren sie alle, der Arndt, die Soraya … Er war immer gepudert, hatte leicht getuschte Wimpern.“

Launisch und kapriziös wie eine Diva spottet der letzte Krupp seiner stahlharten Familie.

Friedrich Alfred Krupp war 1902 unter ungeklärten Umständen gestorben, kurz nachdem seine Homosexualität publik wurde. Sein Urenkel Arndt macht im freizügigen München kaum einen Hehl aus seiner Neigung.

„Wann immer er etwa in Kais Bistro auftauchte, hatte er Jünglinge im Gefolge“, erzählt der Münchner Maler Mathias Waske, der den Krupp-Spross oft porträtierte.

Dem Nachfahren der Kanonen-Könige ­haben es besonders zarte Thai-Boys angetan. Einen nennt er Joy und macht ihn zum ­Lebensgefährten, auch wenn er ihn in der ­Öffentlichkeit als Privatsekretär ausgibt. 1969 heiratet Arndt von Bohlen und Halbach seine beste Freundin Henriette („Hetti“) von Auersperg. Eine Zweckehe, die kinderlos bleibt.

Im offenen Rolls Royce lässt sich Arndt durch München chauffieren. Dem jungen Schneider Rudolph Moshammer verhilft er zum Karrierestart, indem er Bademäntel bestellt.

„Arndt war ein großzügiger Mensch“, berichtet Waske. „Er hat riesige Beträge an Hilfsprojekte in Thailand gespendet und versicherte sich vor Ort, dass das Geld bei den Bedürftigen ankommt.“

Eine Freundschaft verbindet den Exzentriker mit der thailändischen Königin Sirikit, die er 1961 in der Krupp-Villa kennen gelernt hat. Daheim indes wird Arndt belächelt, ja verachtet – als „reichster Frührentner Deutschlands“, als verschwenderischer Nichtsnutz.

„Im Grunde war er selbst totunglücklich, weil er ja nichts konnte, außer Geld ausgeben“, sagt Maja Schulze-Lackner.

Alle wollen immer nur sein Geld. Umgekehrt muss sich der Märchen­könig der deutschen Industriegeschichte alles kaufen, selbst die Liebe. Seine herrschsüchtige Mutter Anneliese liegt ihm auf der Tasche. Die zwei Millionen Mark, die Arndt jährlich als Abfindung bekommt, reichen bei seinem Lebenswandel hinten und vorne nicht.

In den 80er-Jahren zieht sich der schillernde Schickimicki nach Schloss Blühnbach zurück. Mundbodenkrebs hat seinen Kiefer zerfressen, der eitle Mann schämt sich zutiefst. Jahrzehntelang diente er dem schnöden Mammon, nun wendet er sich dem katholischen Glauben zu. Lässt sich vom Maler ­Waske mit Königskrone verewigen. Stirbt 1986 im Münchner Klinikum Großhadern, erst 48 Jahre alt. Wird still und leise beim Familienschloss beigesetzt.

„Er war ein guter Mensch, aber gewiss nicht glücklich“, sagt Mathias Waske. „Er war ein tragische Figur“, sagt Maja Schulze-Lackner. „Trotz oder gerade wegen all des Geldes ein armer, unglücklicher Junge.“

IW.

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