30.000 feiern mit Coldplay in Riem:

Coldplay: Ein Bad im Farben- und Klangmeer

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Der rare Typ, den die Frauen nicht von der Bettkante und die Herren nicht vom Barhocker stoßen würden: Chris Martin

München - 30.000 haben am Samstagabend mit Coldplay in Riem ein Bad im Farben- und Klangmeer genommen: Die tz-Kritik.

Der erste Moment ist der kostbarste. Man hat das Debütalbum einer Band entdeckt und es lieben gelernt. Man hat den ganzen genervten Freundeskreis mit den Newcomern missioniert. Man hatte absurderweise das Gefühl: „Die singen nur für mich!“ Doch dann besitzt diese Band die Frechheit, weltberühmt zu werden: Ihre Songs laufen auf Radiosendern, die man nicht ausstehen kann. Sie treten bei Wetten, dass ...? auf. Plötzlich soll sie allen gehören, diese große Liebe – eine ganz schöne Kränkung.

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Vor dem Konzert also die bange Frage: Ist das noch was für mich? Die Antwort gleich vorneweg: Natürlich! Coldplay sind was für mich, für die Oma, fürs Kind. Coldplay gehören der ganzen Welt. Von der ersten Note – dem Donauwalzer von Johann Strauß – an feiern 30 000 Fans im ausverkauften Reitstadion Riem dieses Quartett, das so normal rüberkommt. Sänger Chris Martin ist der rare Typ, den die Frauen nicht von der Bettkante und die Herren nicht vom Barhocker stoßen würden. Während der ersten Songs – darunter Hochkaräter wie Clocks und In My Place mit ihren treibenden, melancholischen Piano- und Gitarren-Themen – rennt er pausenlos von einem Ende der Bühne zum anderen. „Dankeschön, meine Freunde!“, ruft der 32-Jährige in den Jubel. „Everybody okay da hinten?“

Es ist auch alles so schön hergerichtet auf dem halbrunden Areal. In den Bäumen und auf den Masten hängen riesige Lampions unter der Mondsichel. Der Bühnenhintergrund funktioniert mal als mordsmäßige Mattscheibe, mal als blinkender Lampenladen. Dann kommt Yellow – und zu Coldplays schönstem Song regnet es gelbe Ballons. Der Charmeur hinter der Graffiti-Klampfe singt – und alles singt und zelebriert den Kitsch. Darin ist Martin Meister: Seine romantische Poesie, seine Selbstbespiegelungen, seine Durchhalteparolen kann jeder mühelos auf sich selbst beziehen. Deshalb sind Coldplay legitime Erben von R.E.M. und U2. Die Musik kommt ähnlich hymnisch daher, neuerdings auch mit prägnanten Chören, die einfach auf eine Freilichtbühne gehören. Die vier spielen famos und perfekt – aber nicht perfektionistisch. Bei dem Stück God Put A Smile Upon Your Face geben sie augenzwinkernd im Stile einer New-Wave-Disco-Kapelle. Und als Martin bei The Hardest Part einen Blackout hat und ihm der Text nicht mehr einfällt, gibt er das singend zu. So einfach ist es, wenn man keine Allüren hat. Durchhänger gibt’s keine, im Gegenteil: Bei Viva la Vida haut Schlagzeuger Will Champion auf die Pauke und Martin lässt sich ekstatisch auf den Zuschauer-Steg fallen. Am Ende, nach dem Tränendrücker The Scientist, schießen sie Raketen in den Nachthimmel. Dort leuchten gelb die Sterne, und man ist sich sicher: Noch kostbarer, als diese Band kennengelernt zu haben, ist, sie live zu erleben.

Johannes Löhr

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