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Das Gift-Hochhaus

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Das Siemens-Hochhaus ist ein imposantes Symbol des Wirtschaftswunders: Doch hinter der Fassade in Obersendling lauerte über 20 Jahre gefährlicher Asbest.

München - Ein Schatten zieht über dem Siemens-Hochhaus in Sendling hinauf: Wer vor der Schließung im Jahr 2001 im Turm gearbeitet hat, könnte an Krebs erkranken. Das Gebäude war nämlich bis 1990 Asbest-verseucht.

Das Siemens-Hochhaus in der Hoffmannstraße: Über Jahrzehnte war es ein Symbol für das deutsche Wirtschaftswunder, eine Job­garantie für die Mitarbeiter. Zigtausende Siemensianer standen dort ab 1963 in Lohn und Brot. Diese Zeiten sind längst vorbei, die Stellen sind weg, das Gebäude verkauft. Und jetzt zieht ein weiterer Schatten über dem 75 Meter hohen Gebäude in Obersendling herauf: Wer vor der Schließung im Jahr 2001 im Turm gearbeitet hat, könnte an Krebs erkranken. Das Gebäude war nämlich bis 1990 Asbest-verseucht.

Spätestens 1970 war die Gefahr des krankmachenden Feuerschutzmaterials weltweit bekannt. Wieso hat man dann 20 Jahre gewartet, um diese Gefahr zu beseitigen? Diese Frage stellt sich Ernst Hölzl (66) immer wieder. Er war 37 Jahre lang bei Siemens beschäftigt. Heute weiß der Rentner, dass er am Arbeitsplatz an Asbestose erkrankt ist. Er ist kein Einzelfall.

Ehemaliger Mitarbeiter erhebt schwere Vorwürfe

Ernst Hölzl

Ernst Hölzl wirkt nachdenklich. Er hat Angst. „Im Moment geht es mir gut, aber in ein paar Jahren könnte ich Krebs bekommen“, sagt Hölzl. Seinen Blick richtet er dabei stets auf seine ärztlichen Gutachten. Sie sind sorgfältig in einem blauen Ordner abgeheftet, zusammen mit einigen Schreiben der Berufsgenossenschaft und der Siemens-Betriebskrankenkasse. „Hätten die mich im Jahr 2005 nicht zur Untersuchung geschickt, wäre ich selbst nie auf den Gedanken gekommen“, erzählt er.

So abwegig wäre der Gedanke jedoch gar nicht gewesen. Hölzl selbst war es nämlich, der 1990 das krebserregende Asbest im Turm ausfindig machen musste, um anschließend eine Sanierung überhaupt ins Rollen bringen zu können. „Es kamen ständig Mitarbeiter zu mir, mit einem Watte ähnlichem Material. Sie hatten das Zeug auf dem Boden gefunden und fragten mich, was das ist. Ich war ja verantwortlich für den Bereich Umwelt- und Arbeitssicherheitsschutz im Gebäude“, erinnert sich Hölzl. Seine Stimme wird ernst, wenn er über das Jahr 1990 spricht. „Ich wusste sofort, dass es sich um Asbest handelt!“ Auf eigene Faust startete Hölzl eine Reihe von Untersuchungen. Es stellte sich bald heraus, dass es sich tatsächlich um Spritzasbest handelte. Dieses wurde bis 1970 wegen der hohen Schmelztemperatur als Brandschutz verwendet. Der Spritzasbest war von den Stahlträgern an der Decke zu Boden gefallen. Dies sorgte laut Hölzl für eine Belastung von 800 Asbest-Fasern pro Kubikmeter. Messungen belegten das. Jetzt reagierte Siemens: Krisensitzung, Gespräche mit dem Betriebsrat. „Bei einer so hohen Dosis ist die Gefahr, Asbestose oder auch eine Rippenfellveränderung zu bekommen, nicht zu unterschätzen. Beide können das Krebsrisiko erheblich steigern“, sagt Benjamin Körner, Abteilungsleiter für Lungenfunktion an der Lungenfachklinik Gauting.

Siemens-Sprecherin Silke Reh bestätigt gegenüber der tz: „Siemens hat das Hochhaus in der Hoffmannstraße ab 1990 den gesetzlichen Vorschriften entsprechend saniert. Darüber hinaus haben wir Maßnahmen, wie beispielsweise ein Vorsorgeprogramm zur Früherkennung asbestbedingter Erkrankungen eingeführt.“ Die genaue Zahl der Betroffenen konnte Reh nicht nennen, bestätigte aber: „Wir wissen nicht, wie viele Fälle es genau gegeben hat. Laut Berufsgenossenschaft waren es um die fünf.“

Dass die Zahl der Erkrankten nicht so hoch ausfällt, gibt aber keinen Grund zur Entwarnung. „Die Latenzzeit zwischen Erkrankung und den ersten Symptomen beträgt um die 30 Jahre“, sagt Experte Körner. Zudem war die Aufforderung der Berufsgenossenschaft, sich untersuchen zu lassen, vor allem an die Siemens-Handwerker gerichtet. Das Hochhaus wird es indes auch noch in Zukunft geben. Moderne Büros sollen dort hinein.

Das verbliebene Asbest will der neue Besitzer Hubert Haupt jedoch endgültig entfernen lassen. Für Ernst Hölzl ist dies ein schwacher Trost. Er kann nicht verstehen, warum 20 Jahre nichts gegen das Gift in den Decken und Wänden getan wurde. Tausende Siemensianer bevölkerten in dieser Zeit die Räume. „Ich wäre heute gesund, wenn sich da jemand früher gerührt hätte“, klagt Hölzl. Jetzt muss er mit seiner Angst leben, der Angst vor dem Krebs.

Mirko Capozzi

tz-Stichwort: Asbest

Asbest ist die Gruppenbezeichnung für natürlich vorkommende, verfilzte Mineralfasern. Asbest ist chemisch sehr stabil und brennt nicht. Deshalb wurde es in Deutschland als Feuerschutz verwendet. Gesundheitsschädigend wirkt Asbest durch Einatmen der Fasern. Die kritische Größe dieser Fasern ist ausschlaggebend für die krebserzeugende Wirkung. Durch Asbest ausgelöste Krankheitsbild ist die Staublunge die durch den Asbeststaub verursacht wird – die sogenannte Asbestose. Neben der Asbestose kann das Einatmen der Asbeststäube auch zu pleuralen Plaques und Verkalkungen führen. Das Material ist mittlerweile verboten. Die Berufsgenossenschaften veröffentlichten für das Jahr 2003 im Bundesgebiet die Zahl von 1068 Todesfällen.

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