tz-Detektivserie

Bringt mir meine Tochter wieder!

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München - Ein Münchner Wirtschaftsermittler packt im Rahmen der neuen tz-Detektiv-Serie aus: Spannende Fälle aus 18 Jahren verdeckter Ermittlungen. Im 6. Teil geht es um die Entführung einer Fünfjährigen.

Nein, kein Sherlock Holmes, kein Matula. Die Detektivfälle, über die wir in dieser großen tz-Serie berichten, sind nicht ­erfunden. Alle sind tatsächlich so ­passiert. Wir begleiten den Münchner Wirtschaftsermittler Tamer Bakiner (42). Er ­operiert mit seiner Detektei ­vorwiegend in Deutschland, kann aber

im Bedarfsfall auf ein weltweites Netzwerk an Partnern zurückgreifen. Hier erzählen wir die ­spannendsten Fälle aus 18 Jahren Detektiv­arbeit. Lesen Sie selbst:

Bringt mir meine Tochter wieder!

Sie hat so geweint. So, wie wahrscheinlich nur eine Mutter weinen kann, der man ihr Kind genommen hat. Diese 30-jährige Österreicherin, die Bakiner einen seiner bisher ­riskantesten Aufträge gab: Man hat gespürt, dass sie nur noch verzweifelt war. Ihr Ehemann hatte die gemeinsame Tochter Nadya (gerade mal fünf Jahre alt) entführt. In sein Heimatland im nahen Osten, so vermutete es jedenfalls die Dame – nennen wir sie Frau Müller. Sie rief Bakiner an und flehte: „Bringen Sie mir meine Tochter wieder!“

Die Lage ist mehr als kompliziert. Frau Müller hatte sich von ihrem Mann trennen wollen – er hatte sie geschlagen, er hatte ihr verboten, das Haus allein zu verlassen. Und: Er hatte darauf bestanden, Nadya streng nach dem muslimischen Glauben zu erziehen.

Bevor Frau Müller die Reißleine ziehen konnte, schuf der Ehemann (35) selber Fakten. Eines Tages kam er von einem Ausflug einfach nicht zurück. Er war zusammen mit Nadya ab­gehauen, übrigens ohne die Ausweispapiere des Mädchens. Frau Müllers Vermutung: Ihr Mann musste mit Auto und Fähre in seine Heimat gereist sein, in einen Ort am Meer.

Aus der Sicht eines Detektivs so ungefähr das Schlimmste, was einem passieren kann. Juristische Schritte kann man von vornherein vergessen. Gerichte vor Ort entscheiden meist im Sinne des Vaters. Und das Haager Übereinkommen in Sachen internationale Kindesentführung wird hier auch nicht akzeptiert. Das heißt ganz konkret: Bakiner musste das Kind selbst holen. Ihm war klar, dass das ein gefährlicher Auftrag werden würde.

Bakiner stellte vor Ort ein Spezialisten-Team mit zum Teil einheimischen Ermittlern zusammen, um nicht aufzufallen. Er erzählt: „Wichtig war, dass wir mehrere arabischstämmige Ermittler im Team hatten. Sie durften ja kein Auf­sehen erregen – und Mitteleuropäer wären dort sofort aufgefallen …“

Die Ermittler trugen vor Ort landestypische Kleidung inklusive Kopfbedeckung und mieteten eine schäbige Unterkunft ganz in der Nähe des Orts, wo sie Vater und Tochter vermuteten. Schon wenig später sahen sie die beiden tatsächlich zum ersten Mal. Dann begann die eigentliche Arbeit: intensive Observation und Planung. Die Detektive mussten alle Details und alle Regelmäßigkeiten kennenlernen. Zum Beispiel: Wer passt wann auf das Kind auf? Wie sieht der Tagesablauf aus? Nach drei Monaten wussten die Ermittler genug, legten einen Plan fest – und schlugen ebenso präzise wie schnell zu. Bakiner: „Ein Team holte Nadya zu einem günstigen Zeitpunkt unter einem gut durchdachten Vorwand aus der Koranschule ab. Ein Einheimischer, der für Bakiner arbeitete, gab sich als Freund der Familie aus. Dem Mädchen spielten meine Leute außerdem eine Tonband-Botschaft der Mutter vor, um ihr die Angst zu nehmen.“

Dieses Team nahm Nadya im Auto mit, fuhr so schnell wie möglich zur Grenze. Die Kollegen hielten derweil den Vater hin. An der Grenze – bis dorthin waren es ungefähr zwei Stunden Fahrt – wartete ein drittes Team mit der Mutter. Mit den Zoll­beamten hatten die Ermittler vorab alles geklärt. Die Frau hatte die Ausweispapiere des Mädchens dabei, so dass die Ausreise offiziell und legal verlief. Drei Stunden später bekam der Vater mit, dass seine Tochter nicht mehr im Lande war …

Angesichts der Dauer und der vielen Ermittler ist klar: Ein Einsatz wie dieser ist nicht billig. Da reichen auch mehrere tausend Euro nicht aus … Vor allem geht es aber nicht um Geld, sondern um Gefühle. Auch Ermittler, die einiges gewöhnt sind, bleiben in so einem Fall nicht kalt. Insbesondere dann nicht, wenn die Auftraggeberin am Ende des Einsatzes wieder weint. Diesmal vor Glück.

Uli Heichele

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So arbeitet Bakiners Detektei

Das Unternehmen des Münchner Wirtschaftsdetektivs Tamer Bakiner (42) hat Servicebüros in mehreren deutschen Städten. Sein weltweites Partnernetzwerk umfasst 70 Länder. Er ermittelt und berät unter anderem in Sachen Wirtschafts­kriminalität und Industriespionage. Zu seinen Aufgaben gehören die Analyse und Aufklärung komplexer wirtschaftlicher Zusammenhänge. Immer wieder arbeitet er für prominente Kunden und große Konzerne.

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