Er überlebte im Schlafsack einer toten Kameradin

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Sebastian Haag

München/Islamabad - Zwei Münchner Speed-Bergsteiger haben ein Drama im pakistanischen Teil des Karakorum-Gebirges überlebt - Sebastian Haag (30) übernachtete dabei im Schlafsack einer toten Kameradin.

Wer schnell oben ist, kommt auch schnell wieder runter. So lautet das Motto der Hochgeschwindigkeits-Bergsteiger Benedikt Böhm (31) und Sebastian Haag (30). Die beiden Münchner stürmen mit leichtem Gepäck sogar Achttausender-Berge und fahren auf Ski wieder herunter, damit sie nicht am Berg übernachten müssen. Doch bei ihrer jüngsten Expedition wurde aus dem Rennen gegen die Uhr ein Wettlauf mit dem Tod.

Mitte Juli im pakistanischen Teil des Karakorum-Gebirges: Monatelang haben Basti und Bene trainiert, wochenlang haben sie sich im Basislager auf ihre Erstürmung des 8051 Meter hohen Broad Peak vorbereitet. Zehn Tage lang waren sie wegen schlechten Wetters zur Untätigkeit verdammt, haben die zähe Zeit im Zeltlager mit Hörspielen und Schafkopf totgeschlagen.

Sebastian Haag und Benedikt Böhm wollten mit Ski einen Achttausender bezwingen.

Für den 17. Juli ist endlich Wetterbesserung angesagt. Basti und Bene sehen ihre Chance gekommen: Um 22.15 Uhr gehen sie die 3250 Höhenmeter bis zum Gipfel an. Ihr einziger Proviant: drei Liter Wasser und 20 Power-Gels. Die Lawinengefahr ist gering trotz der rund 50 Grad steilen Hänge. Doch es gibt andere Probleme: Nachdem die beiden Speed-Bergsteiger zunächst zügig vorangekommen sind, läuft die Trinkblase in Bastis Rucksack aus. Durchnässt und durstig muss er an Lager 3 eine Pause einlegen, um sich aufzuwärmen und wieder Kraft zu schöpfen. Wie für solche Fälle abgesprochen, steigt Bene alleine weiter.

Bald holt er andere Bergsteiger ein, die von Lager 3 gestartet sind. Hüfttiefer Schnee bremst die Gruppe am Gipfelgrat, für die nächsten 200 Höhenmeter brauchen sie vier Stunden! Als Bene und die Bergsteiger endlich den Vorgipfel erreichen, ist es schon 14.30 Uhr, mehr als 16 Stunden nach dem Aufbruch. Ein weiterer ausgesetzter und überwächteter Grat trennt sie vom nur 20 Meter höheren Hauptgipfel.

Sie entschließen sich umzukehren, weil es sonst zu spät werden würde. Da kommt völlig überraschend auch Basti am Vorgipfel an – total entkräftet und ausgelaugt, weil er mit viel zu hohem Tempo hinterhergehechelt ist. „Ich habe den Basti noch nie in so einer Verfassung erlebt“, erzählt Benedikt im Nachhinein der tz. „Da habe ich kurz Angst bekommen, weil ich nicht wusste, bringen wir ihn noch heil runter? Ich habe ihm Kortison gespritzt, das hat aber nicht angeschlagen.“

Bene denkt an Bastis Eltern, die bereits einen Sohn bei einem Lawinenunglück verloren haben. Sebastian selbst gesteht heute ein: „Es war eine Fehlentscheidung, dass ich bis zum Vorgipfel weitergegangen bin.“

Aus der Speed-Besteigung wird nun eh nichts mehr, die beiden schalten auf Notprogramm: Abstieg zum Lager 3 und dort irgendwie die Nacht überstehen. Auf dem Rückweg über den Grat kann Sebastian seinen Körper kaum beherrschen, so dass er von einem Schweizer Bergsteiger ans Seil genommen werden muss. Erst im flacheren Gelände schnallen die Münchner für ein paar Höhenmeter ihre Ski an. „In so einer Situation bist du nur fixiert aufs eigene Überleben“, schildert Basti seine Gedanken. Und so denken sie sich zunächst nichts dabei, als sie eine Blutspur im Schnee sehen.

Cristina Castagna ist auf dem Rückweg tödlich verunglückt.

Erst auf Lager 3 erfahren sie: Es ist das Blut ihrer Bergkameradin Cristina Castagna, die auf dem Rückweg kurz vor ihnen abgestürzt und tödlich verletzt worden ist. „Wir haben uns noch am Vorgipfel umarmt“, erinnert sich Benedikt an die gleichaltrige Italienerin, mit der sie sich im Basislager angefreundet hatten. Mit Cristinas Partner harren sie die Nacht zu dritt im Zelt des italienischen Paares aus. Sebastian: „Ich habe auch Cristinas Schlafsack genommen, er hat nach ihrem Parfüm gerochen – ich bin mir sicher, sie hätte es so gewollt.“

Nach einer schlaflosen Nacht und ohne Trinkwasser setzen die beiden am nächsten Morgen ihren Abstieg fort. Je tiefer sie kommen, desto besser geht es Basti. Nunmehr auf Ski tasten sie sich Schwung für Schwung ins rettende Tal und erreichen das Basislager. Nach 39 Stunden, doppelt so lange, wie geplant.

Aber was zählt das jetzt? Sie leben. Und so spricht niemand vom Scheitern. „Der Vorgipfel war ein voller Erfolg“, sagt Benedikt und wundert sich selbst, dass die Erlebnisse am Broad Peak ihn nicht im Schlaf verfolgen: „Es kommt mir vor wie ein Film!“ Auch als 2005 am Muztagata ein Bergsteiger quasi in seinen Händen starb, habe ihn das erstaunlich kalt gelassen. Und Sebastian, der dem Tod wohl nur knapp enteilt ist? „Ich kann noch nicht sagen, wie mich dieses Erlebnis verändern wird.“ Jedenfalls wollen sie nun erst einmal ein Jahr lang Expeditionspause einlegen, ihren Berufen als Tierarzt (Basti) und Sportartikel-Manager (Bene) nachgehen und sich mit den heimischen Bergen begnügen. Etwa am Hirschberg, den sei zum Training schon hunderte Male hochgerannt sind – doch rüber zum Hauptgipfel sind sie noch nie.

Ingo Wilhelm

tz-Stichwort Highspeed-Bergsteigen

Sebastian Haag und ­Benedikt Böhm verbindet seit ihrer gemeinsamen Schulzeit im Münchner Süden eine dicke Freundschaft, aus der eine einzigartige Seilschaft entstanden ist: Sie haben das Prinzip von Skitouren-Rennen auf die höchsten Berge übertragen. 2004 gelang den beiden Sunnyboys die erste Speed-Besteigung, am Muztagata (7546 Meter) in weniger als zehn Stunden. 2006 folgten mit dem Gasherbrum II (8034 Meter) ihr erster Achttausender. 2007 wurden sie 700 Höhenmeter unter dem Gipfel des Manaslu (8163 Meter) von einem Lawinenhang gestoppt. Heuer stand der Broad Peak (Foto) auf dem Programm… Pro Jahr trainieren Sebastian und Benedikt rund 400 000 Höhenmeter. Sie laufen fast dreimal so schnell wie Durchschnitts-Skitourengeher. Hinter dem Speed-Bergsteigen steht jedoch nicht nur die Rekordjagd, wie Basti erklärt: „Genauso wichtig ist für uns, nur kurze Zeit in der so genannten Todeszone über 7000 Meter zu verbringen.“

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