Die Natur holt sich ein Stück Stadt zurück

Hier brütet eine Ente im Hochhaus

München - Gabi Weber ahnt nichts. Sie öffnet die Balkontür. Das hat die Mutter früher kaum getan, weil sie mit ihrer Familie in der Klopstockstraße wohnt, im Norden der Stadt direkt am Mittleren Ring, wo die Blechlawine rollt und man draußen das eigene Wort nicht versteht.

Gabi Weber tritt also auf ihren Balkon, und plötzlich liegt ein feines Zirpen in der Luft. Es sind Grillen! Weber lebt seit 1986 in dem Hochhaus, aber sowas hat sie nie gehört.

Das geschah vor sieben Jahren in jenem Sommer, in dem der Petueltunnel die Autos am Mittleren Ring für immer schluckte – 120 000 jeden Tag, so viele Wagen wie ganz Ingolstadt Einwohner hat. Dort kann man seit jenem Sommer beobachten, wie die Tunnel die Leben der Münchner jeden Tag ein Stückchen besser machen: zum Beispiel die von Gabi (48), ihrem Mann Jörg (45) und ihrer Töchter Juliana (15) und Bianca ­Weber (9).

Zuerst verschönert die Familie ihren Balkon. Sie schrubben den Dreck der Autos weg, eine Schmiere aus Feinstaub, Ruß und Öl, und legen Fliesen, stellen Bäumchen und Pflänzchen auf und einen Tisch zum Essen. Früher war das undenkbar. Heute nennen die Webers das ein „Paradies“. Aus dem dritten Stock können sie die Bauarbeiten beobachten. Auf dem Tunnel entsteht bis zum Jahr 2004 der Petuelpark – ein schmales, grünes Band von 650 mal 60 Metern. Hindurch fließt der Nymphenburg-Biedersteiner Kanal, der bald auch die Wasservögel anzieht. Ein, zwei Sommer später geschieht mehr Unerhörtes auf dem Balkon der Webers. Ein Watscheln und Quaken! Eine Ente hat sich in einen Blumenkasten gesetzt und bewegt sich kein Stück vom Fleck. Die Familie hegt ihr Tier, und vier Wochen später schlüpfen fast ein Dutzend Küken. Ein Entenmutter hat ihre Eier ausgebrütet – auf einem Hochhaus-Balkon! Die Familie packt die Biberl in einen Karton und trägt sie ans Wasser, alle überleben.

Die Webers hören sich bei den Nachbarn um. Auch auf einigen anderen Balkonen haben sich Enten eingenistet – bis in den 14. Stock hinauf. Im Jahr darauf kehren alle Enten zurück. „Seitdem können wir unsere Ente erkennen“, sagt die Mutter. Einen Namen haben sie dem Tier noch nicht gegeben. Nur die jüngere Tochter Bianca hat einmal ein Küken „Anna“ getauft. „Irgendwann war sie aber weg“, erzählt Bianca. Seit letztem Sommer brüten am Kanal sogar Schwäne.

Die Natur holt sich ein Stück Stadt zurück – und mit dem Park blühen auch die Menschen auf. Heute küssen sich Liebespaare am Kanal, Studentinnen strecken die Füße ins Wasser, Bikini-Mädchen sonnen sich auf der Wiese. Juliane trifft sich dort mit den Freunden vom nahen Lion-Feuchtwanger-Gymnasium, mit Papa Jörg geht sie in dem schönen Café im Park manchmal Mittag essen.

Das Leben verlagert sich ins Freie. Seit man draußen ratschen kann, sprechen die Nachbarn mehr miteinander, sie lernen sich kennen. Vor drei Jahren organisieren die Hausbewohner zum ersten Mal ein Sommerfest. Der Hausmeister stellt Bänke auf und besorgt Bier, Mama Gabi steuert etwas zum Buffet bei, Papa Jörg arbeitet als professioneller Zauberer und zeigt ein paar Einlagen, die Mädchen tanzen. Das Fest ist so schön, dass es jedes Jahr wiederholt wird, zuletzt vor drei Wochen. Mittlerweile kommen sogar die Nachbarn aus den anderen Häusern.

David Costanzo

Rubriklistenbild: © privat

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