Münchner Bub in Istanbul festgehalten und abgeschoben

Die Horror-Ferien des kleinen Erkut (10)!

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Der kleine Erkut mit seinem ungültigen Dokument: Die türkischen Zöllner setzten in einfach in eine Maschine nach Frankfurt

München - Alle machen Urlaub. Nur der zehnjährige Erkut hat die schlimmsten Ferien seines Lebens hinter sich. Ein lang ersehnter Trip in die Türkei wurde für ihn zur Hölle. Türkische und deutsche Beamte behandelten den Kleinen fast wie einen Verbrecher!

Die unfassbare Geschichte beginnt am 20. August. Erkut landet um 13.05 Uhr am Flughafen Istanbul. Allein. Wochenlang hat der Schüler aus Berg am Laim auf diesen Tag hingefiebert. Auf den ersten Urlaub seit Jahren, den Besuch bei Verwandten, auf den ersten Flug.

Sein zweiter folgt wenige Stunden später. Um 20.35 Uhr wird Erkut vom türkischen Zoll abgeschoben. Die Beamten setzten das weinende Kind in eine Maschine nach Frankfurt.

Passieren konnte dieser GAU für die kindliche Psyche durch eine Verkettung unglücklicher Umstände. Sie führten dazu, dass der Bub, dessen Mama Serpil S. eingebürgerte Deutsche ist, weder die deutsche noch die türkische Staatsbürgerschaft hat (siehe unten). Der Hintergrund: Schwere Zeiten liegen hinter der Familie. 2007 bekommt Serpil ein drittes Kind: Efe wird in der 25. Woche als Frühchen geboren. Der Kleine ist behindert. Seine Mutter ringt um Fassung. „Er musste schon 30-mal Narkosen über sich ergehen lassen.“ Das Schicksal des Babys stellte das ganze Leben auf den Kopf. Seit zwei Jahren ist die Mutter hin- und hergerissen zwischen der Sorge um den Kleinsten und dem schlechten Gewissen den „Großen“ gegenüber, weil sie so oft in der Klinik ist.

Als eine Ärztin ihr vorschlägt, doch einmal mit den Großen Ferien zu machen, während der Kleine im Krankenhaus in guten Händen ist – und die Frühchen-Stiftung Harlekin sogar 600 Euro Reisekostenzuschuss spendiert – wird die Idee von der Tour in die Türkei geboren. Ein Lichtblick für alle.

Doch dann der erste Schock: Erkuts Reisedokument („für Ausländer“) ist 2006 abgelaufen. „Wir sind seit Jahren nicht mehr ins Ausland gefahren. Deshalb haben wir uns nicht darum gekümmert“, sagt die 34-Jährige. Zuerst hat sie trotz der Kinder Vollzeit als Chefsekretärin in einem städtischen Krankenhaus gearbeitet. Dann kam Efe, alles andere trat in den Hintergrund. Zeit für Urlaub war nie.

Am 15. Juli 2009 betritt sie das KVR. Sie muss zu vier verschiedenen Ansprechpartnern, bis sie erfährt: Die Ausstellungszeit für die neuen Dokumente sind fünf bis sechs Wochen. Erkut ist tief enttäuscht. Mutter und Bruder fahren mit dem Auto vor. Als endlich die Dokumente fertig sind, darf er per Flieger nachkommen. Allein. Der Zehnjährige platzt fast vor Stolz. Sein Halbbruder Aykut (24) soll ihn abholen.

13.05 Uhr, Istanbul: Aykut sieht die anderen Passagiere der Maschine herauskommen. Eineinhalb Stunden wartet der junge Mann nervös, bis er erfährt, dass der Kleine nicht einreisen darf. Erkut steht am Zoll, ein Häufchen Elend. Irgendwann hält es Aykut nicht mehr hinter den Barrieren. Er will den Kleinen in den Arm nehmen, ihn trösten. Was der Zehnjährige aber dann mit ansehen muss, verstört ihn noch mehr: Mehrere Beamte versuchen, Aykut zurückzuhalten. Erst als Erkut zu schreien beginnt, lassen sie von ihm ab. Einreisen darf der Kleine trotzdem nicht: Er hätte ein Visum gebraucht. Diese Vorschrift gilt für Staatenlose, und sie gilt auch für Personen, denen in einem anderen Land ein Dokument für Ausländer ausgestellt wurde. Bei Erkut steht im Pass „Staatsangehörigkeit: türkisch“. Er wird nach Deutschland zurückgeschickt.

Um 20.35 Uhr hebt die Maschine ab. „Ich hab schon geheult“, gibt Erkut zu. Sein Bruder erfährt erst auf drängende Nachfragen, dass der Flieger nicht nach München, sondern nach Frankfurt unterwegs ist. Hektisch versucht er, Erkuts Vater zu erreichen.

Um 22.35 Uhr landet Erkut. Seine Mutter findet Tage später heraus, dass die Bundespolizei ihn bis zur Ankunft des Vaters in Frankfurt um 1.30 Uhr „in Schutzgewahrsam“ nahm. Serpil selbst setzt sich mit ihrem Stiefsohn und Erkut ins Auto. Fast ohne Pause fahren sie durch, kommen am Sonntagabend an. Die Frau ist übernächtig und am Ende mit den Nerven. „Ich kämpfe dafür, dass meine Kinder eine normale Kindheit haben.“ Nun muss sie den Kampf mit den Behörden aufnehmen.

Barbara Wimmer

Das Behörden-Geplänkel um die Staatsbürgerschaft

Erkut (2.v.r.) mit seiner Mutter Serpil und seinen Brüdern Bruder Umut und Aykut

Serpin S. ist vor 34 Jahren in München geboren. Sie hatte durch ihre Eltern die türkische Staatsbürgerschaft. Im Januar 1998 beantragte sie die deutsche, die am 20. August 1998 genehmigt wurde. Weil sie damals mit Frühwehen in der Klinik lag, holte sie die Urkunde erst nach Erkuts Geburt (4.10.1998) ab. Das Kind ist auf der Vaterschaftsurkunde und im 1999 ausgestellten Reisepass der Mutter als deutsch aufgeführt. Das Münchner KVR geht aber von einer türkischen Staatsbürgerschaft aus, weil die Mutter zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht Deutsche war. Serpil S. erfuhr erst 2004 bei Erkuts Einschulung von diesem Umstand. Sie sollte den Buben bei den türkischen Behörden registrieren lassen, um dann die deutsche Staatsbürgerschaft für ihn beantragen zu können, so die Ausländerbehörde. Das versuchte Serpil S. vor fünf Jahren, blitzte ab. Seit 2005 liegt offenbar eine Einbürgerungszusicherung der Regierung von Oberbayern vor. Serpil S. sagt, davon wisse sie nichts. Auch diese (inzwischen ohnehin verfallene) Mitteilung würde nur wirksam, wenn sich die türkische Behörde schriftlich äußert.

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