Ausbaugegner Schulze und Piazolo im Interview

Darum pfeifen sie auf die Startbahn

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Sehen in einer 3.Startbahn am Münchner Flughafen keinen Sinn: Katharina Schulze (Grüne) und Prof. Michael Piazolo (Freie Wähler)

München - Der Countdown zur Startbahn-Entscheidung am kommenden Sonntag läuft! In der tz verteidigen die Spitzen-Gegner im tz-Interview ihre Argumente gegen den Bau.

Der Countdown zur Startbahn-Entscheidung am kommenden Sonntag läuft! In der tz verteidigen die Spitzen-Gegner im tz-Interview ihre Argumente gegen den Bau – die Münchner Grünen-Chefin Katharina Schulze (26) und der Landtagsabgeordnete der Freien Wähler, Prof. Michael Piazolo (52). Darum kämpfen sie so vehement gegen die dritte Startbahn am Münchner Flughafen!

Frau Schulze, Herr Prof. Piazolo, wenn Sie nicht so gut über ihre Parteien abgesichert, sondern womöglich ein Arbeiter auf Jobsuche wären, würden Sie dann am Sonntag mit Ja zur Startbahn stimmen?

Michael Piazolo: Nein, ganz bestimmt nicht. Das ist eine Legende von wegen Job-Motor.

Katharina Schulze: In Frankfurt hat die vierte Startbahn keine neuen Jobs geschaffen. Es findet eine Verlagerung statt: Woanders werden Arbeitsplätze abgezogen. Die Freisinger sagen schon: „Wenn noch mehr Leute zu uns ziehen, bekommen wir noch mehr Probleme mit bezahlbarem Wohnraum.“ Die Mär, ohne die Startbahn geht München den Bach runter, ist polemisch und falsch.

Der Flughafen hat sich doch nachhaltig entwickelt: 1992 gab es 12 000 Arbeitsplätze und zwölf Millionen Passagiere, heute sind es 30 000 Jobs und 38 Millionen Passagiere!

Schulze: Wir sind ja nicht gegen den Flughafen an sich. Eine Metropole wie München braucht eine gute Infrastruktur. Aber die jetzige reicht aus. Die Zahl der Flugbewegungen geht seit Jahren zurück. 2012 werden es um 400 000 werden. Als die Planungen 2001 starteten, rechnete man mit einer halben Million!

Dem Flughafen geht es um die Stoßzeiten und um die Zukunft. Er muss heute schon Verbindungen ablehnen, die dann woanders hingehen – nach Frankfurt, Berlin, ins europäische Umland. München verliert an Boden!

Piazolo: Schon vor einigen Jahren hat der Flughafen wesentlich mehr Bewegungen als heute abgewickelt. Er hat nach oben noch 20 Prozent Luft und soll in den nächsten Jahren erstmal beweisen, dass die Zahl steigt.

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Schulze: Wenn es zu eng wird, kann man ja einfach mal zehn Flüge am Tag nach Nürnberg streichen. Das ist die unökologischste Strecke, die ich mir vorstellen kann.

Sollten Sie sich als Münchner Politiker nicht für den Fortschritt unserer Region einsetzen?

Piazolo: Selbstverständlich ist man gefragt, sich die Infrastruktur anzuschauen – zum Beispiel die Bahn. Da sind die großen Versäumnisse: Wenn wir einen ICE-Anschluss am Flughafen hätten, gäbe es keine Flüge nach Nürnberg. Was mich aber am meisten berührt, sind die Menschen vor Ort, die enorm belastet werden. Da muss man fragen: Wann ist die Grenze erreicht?

Sie sagen: Es wird nicht mehr Flüge geben, aber die Anwohner werden mehr leiden. Dann erwarten Sie doch mehr Starts!

Schulze: Flughafen-Chef Kerkloh will doch größer werden als Frankfurt. München soll ein Drehkreuz werden mit mehr Umsteigern, die dann kurz am Flughafen sind und die heimische Wirtschaft nicht stärken. Dann steigt die Belastung.

Piazolo: Und sie verteilen die Belastung auf drei Startbahnen, die dritte lassen sie ja nicht leer.

Dafür werden die anderen Anrainer entlastet!

Piazolo: Nur, wenn das Aufkommen gleich bleibt. Ich denke, dass ein größeres Angebot auch eine größere Nachfrage anziehen wird. Man will aus Frankfurt, Wien, Zürich neue Flüge anlocken.

Darauf setzen Konzerne doch. Die Gewerkschaften sagen: Bei einer Firma wie BMW und Peugeot war das wichtig, bei der Niederlassung von MAN und Scania auch. Und das europäische Patentgericht sucht einen Standort. Würden Sie als Bosse nicht dahin gehen, wo Sie Spitzenleute in zwei Stunden zur nächsten Metropole bekommen?

Schulze: Das klingt ja fast so, als wäre München ein Provinznest. So ist es nicht. Wir haben ja Unternehmen hier, weil sie sich großartig angebunden fühlen. Das werden sie auch weiterhin sein.

Piazolo: Da sind vielen Unternehmen Kita-Plätze wichtiger als eine zusätzliche Startbahn.

Aktion gegen dritte Startbahn in München

Aktion gegen dritte Startbahn in München

Die zahlt die Stadt auch aus den Steuern, die erfolgreiche Unternehmen bezahlen!

Piazolo: Das ist richtig. Nur möchte ich ein Unternehmen sehen, das sagt: Wir kommen nur, weil die Aussicht auf eine dritte Startbahn da ist …

Olympia 2018 ist weg, die zweite Stammstrecke fast: Bräuchte München als Herzkammer der Wirtschaft nichtmal ein positives Signal?

Schulze: Wir haben den Klimawandel und die Erdölknappheit, müssen Kohlendioxid sparen. München bezeichnet sich als Klimahauptstadt, da ist es doch ein besseres positives Symbol, wenn diese wunderbare Stadt auch bei der Nachhaltigkeit zeigt, wie man es auch anders machen kann.

Glauben Sie denn ernsthaft, dass durch den Verzicht auf die dritte Startbahn in München weltweit auch nur ein Flieger weniger abhebt?

Piazolo: Das Argument kann man umdrehen: Wenn der Flughafen so ein Wachstumsmotor ist, müssten wir ihn doch in Regionen bauen, denen es schlecht geht.

Das Patentgericht will halt aber nicht nach Cham. Aber der Arbeitslose im Bayerischen Wald wäre froh, wenigstens in München Arbeit zu finden!

Piazolo: Die Problemzonen liegen im ostbayerischen Raum und da muss man Infrastruktur schaffen, damit in ganz Bayern möglichst gleichartige Lebensverhältnisse herrschen.

Betrifft die Münchner die Startbahn überhaupt? Nichtmal beim Lärm ist das sicher, weil die neuen Flugrouten nicht stehen. Ohnehin würde die Bahn noch weiter weg von der Stadt gebaut als die beiden bestehenden!

Schulze: Wir wüssten die Flugrouten auch gerne früher. In Frankfurt wurde gesagt, das wird alles halb so wild. Dann wurden Routen festgesetzt und in manchen Gebieten stehen die Leute senkrecht im Bett! Es wird sicher andere Schneisen geben: Teile Münchens werden stärker betroffen sein. Fluglärm macht krank. Und zur Metropolregion gehört auch das Umland. Ich wünsche mir, dass viele Münchner über den Tellerrand hinaus denken.

Was machen Sie, wenn der Entscheid verloren geht? Sonst singen sie das Hohelied der Bürgerbeteiligung, für den Fall einer Niederlage haben sie angekündigt, beim Widerstand zu bleiben!

Schulze: Das stimmt nicht. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir Münchner Grüne den Entscheid akzeptieren. Auch im Stadtrat.

Aber Grüne und Freie Wähler im Landtag würden gegen den Bau stimmen?

Piazolo: Selbstverständlich akzeptiere ich den Bürgerentscheid in seinen rechtlichen Konsequenzen, aber dadurch ändert sich doch meine persönliche Meinung nicht. Wir stimmen beim Bürgerentscheid ja nicht über die dritte Startbahn als solche ab, sondern über die Frage, wie München als Gesellschafter entscheidet.

Für die Wähler geht es aber um die Startbahn. Frau Schulze, Ihr erster Satz bei der Pressekonferenz zum Bürgerbegehren lautete: „Wir nehmen die Bürger ernst!“ Dann sagen Sie doch jetzt: „Aber nur, wenn sie in unserem Sinne wählen!“

Schulze: Das sage ich nicht. Den Widerstand gibt es in der Region seit sieben Jahren. Nach dem Planfeststellungsbeschluss fehlt nur noch die Entscheidung der Gesellschafter. Da haben wir uns gesagt: Das ist so eine wichtige Frage, dass die Bevölkerung ein Recht hat, mitzubestimmen. Wenn die Bürger zustimmen, werden das auch unsere Stadträte zähneknirschend tun.

Und dann fährt der Stadtrat zum Demonstrieren nach Freising. Das ist doch nicht konsequent!

Schulze: Konsequent ist es, wenn unsere Stadträte den Bürgerwillen auf politischer Ebene umsetzen – und das werden sie tun. Die Gegenseite wird doch auch nicht sagen: Jetzt sind wir auch gegen die dritte Startbahn.

Wie geht es am Sonntag aus?

Piazolo: Ich gehe davon aus, dass wir gewinnen, aber es wird knapp.

Schulze: Darum sind wir die nächsten Tage noch unterwegs, um die Leute daran zu erinnern, wie wichtig es ist, wählen zu gehen.

Interview: David Costanzo, Stefan Dorner, Peter Schiebel

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