Forscher für posttraumatischen Erlebnisse

tz-Interview: Experte erklärt Wege aus einer Lebenskrise

München - Am Sonntag ist Allerheiligen. Viele Christen in Bayern pilgern zum Grab. Die tz hat mit einem Experten über Verluste von lieben Menschen gesprochen. Er erklärt Wege aus einer Krise.

Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker, Leiter der Fachrichtung Psychopathologie & Klinische Intervention an der Universität Zürich.

Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker (55) leitet die Fachrichtung Psychopathologie & Klinische Intervention an der Universität Zürich und hat sich bei seiner Forschung intensiv mit den Themen Resilienz und posttraumatisches Wachstum beschäftigt. Im tz-Interview ordnet der Experte dies wissenschaftlich ein.

Wenn wir schon mit einem Experten aus der Schweiz sprechen – Einstiegsfrage frei nach Ricola: Wer hat das mit der Resilienz eigentlich erfunden?

Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker: Der Begriff ist in den 1970er-/80er-Jahren von Kinderpsychologen und -psychiatern eingeführt worden für stressresistente Kinder. Die Forscher haben herausgefunden, dass einige von denen trotz zerrütteter und zerbrochener Familien daraus ohne psychische Auffälligkeiten den Weg zum jungen Erwachsenen gemeistert haben. Für Erwachsene ist er erst seit dem Jahr 2000 gängig. Der Begriff ist ja groß in Mode, wissenschaftlich muss man Resilienz jedoch deutlich vom sogenannten posttraumatischen Wachstum abgrenzen.

Was ist der Unterschied?

Maercker: Bei der Resilienz wird angenommen, dass jemand auf seinem Weg trotz eines Traumas weitermachen kann und er spezielle innere Kräfte besitzt. Diese ermöglichen, dass man nach einer Zeit der Erschütterung wieder auf seinen Weg zurückfindet. Beim posttraumatischen Wachstum geht man davon aus, dass man durch den schweren Schicksalsschlag sogar noch einen Entwicklungsimpuls bekommt.

Man ist danach also stärker denn je?

Maercker: Stärker würde ich nicht unbedingt sagen. Eher zum Beispiel warmherziger, überlegter, spiritueller. Oder, dass man sich einfach mehr Familie oder Freunden zuwendet.

Das Trauma als Wendepunkt, eine Besinnung auf das wirklich wichtige im Leben?

Maercker: Ja, wenn Sie so mögen! Posttraumatisches Wachstum bedeutet, dass jemand sagt: „Das war zwar eine ganz schreckliche Erfahrung, aber ich bin dadurch ein anderer Mensch geworden – und ich möchte das nicht missen!“

Wie erkennt man einen Menschen, der diese Fähigkeit hat?

Maercker: Das ist sehr sensibel, weil es Leute in ihrem Leiden beleidigen könnte. Man kann da nicht gleich sagen: „Schauen Sie doch nach dem Positiven!“ Da ist zunächst Beistand gefragt. Viele senden dann von sich aus Zeichen – dann kann man es aufgreifen.

Gibt es Zahlen, die diesen Ansatz untermauern?

Maercker: In vielen, vielen Untersuchungen sagen 80 Prozent der Menschen: „Mich hat das weitergebracht, obwohl es schrecklich war.“ Aber natürlich bleiben auch 20 Prozent, die sagen: „Nein, nein, nein! Das war alles nur fürchterlich!“

Lässt sich Resilienz auch präventiv einsetzen? Zum Beispiel, wenn jemand wegen seiner Belastung auf dem besten Wege in die Modekrankheit Burnout ist ...

Maercker: Es gibt ja tatsächlich einen freien Markt mit Anbietern, der diese umstrittene Diagnose bedient. Was man gegen Burnout machen kann, wird oft sehr verkürzt dargestellt. Wenn man da von Wachstum redet, dann ist das eher eine illusorische Seite von posttraumatischem Wachstum.

Also nein? 

Maercker: Beim Thema Burnout sollten wir eher über Depressionstherapie reden. Da ist der Ansatz eher eine Genusstherapie, bei der der Betroffene wieder lernt, offen für die schönen Dinge zu sein. Ein solches Vorgehen scheidet bei einem Trauma natürlich aus. Aber klar: Bei Burnout lässt sich viel vorbeugend machen, beim Trauma geht das nicht. Weil den betroffenen Menschen ja irgendetwas negativ Einschneidendes passiert, das man nicht vorhersehen kann.

Lassen Sie uns ganz allgemein über Kräfte sprechen, die in uns schlummern und von denen wir womöglich gar nichts wissen. Kann man Ich-Stärke lernen?

Maercker: Ja, das kann man sicher. Ein besserer Begriff ist aber der der Resilienz, denn „Ich-Stärke“ könnte man mit der Stärkung des eigenen Egos verwechseln. Doch es ist anders gemeint: Nämlich, dass man wieder auf seinen Lebenspfad zurückfindet. Und dass man den eben nicht als kleinen Trampelweg mit ständiger Überflutungsgefahr anlegt, sondern so stabil wie möglich.

Verraten Sie uns bitte, wie das geht! 

Maercker: Das fängt an im beruflichen/wirtschaftlichen Bereich, dass man sich „Quality time“ gönnt. Zeit für Freunde und Familie und für die Entspannung. Dass man sich immer selbst in seinem Tun hinterfragt: „Was will ich eigentlich? Lass ich mich eher jagen? Ist das mein Tempo?“ Aber vor allem auch zu erkennen, wer meine wichtigsten Beziehungen sind. Denn keiner darf sich einbilden, dass er alles allein schafft in der Welt.

Gemeinschaftssinn steht vor Eigensinn also?

Maercker: Exakt. Bei Ich-Stärke geht es eben nicht nur um mich, sondern darum: Was und wer macht mir den Pfad meines Lebens am stabilsten? Und da haben Egoisten weniger Chancen. Sie sind allein. Auch ein Zurückbesinnen und Nostalgie kann die Psyche stärken, sowohl bei Traumatisierten als auch bei Menschen, die eigentlich immer nur nach vorn schauen wollen.

Kann der Mensch wirklich alles schaffen und aus noch so schlimmen Krisen wieder herausfinden?

Maercker: Aus den meisten ja, aus allen nicht! Keiner kann schlimme Vorkommnisse verhindern, aber er kann sich selbst ein bisschen schützen.

Schicksalsschläge kündigen sich jedoch nur selten vorher an!

Maercker: Das stimmt. Jedoch ist es für einen Menschen, der permanent am Anschlag ist, noch um ein Vielfaches brutaler, wenn dann auch noch etwas Schlimmes passiert. Er war vorher schon chronisch destabilisiert. Das Recht auf Stoppsagen sollte man schon ab und an für sich in Anspruch nehmen. Es ist nicht die Konstellation des Traumas entscheidend, etwa dass man auf einen Schlag durch einen Unfall mehrere geliebte Menschen verliert. Sondern in welchem psychischen Zustand wir waren, bevor sich das Trauma ereignet hat.

Stefan Dorner

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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