Der wilde Fluss - Dauerregen verdreifacht Isarpegel

Warum München nicht absäuft

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Land unter am Müllerschen Volksbad

München - Braun und brausend schießt die Brühe über Büsche, Wiesen und Kiesbänke – der Dauerregen hat die Isar zu einem wilden, reißenden Fluss gemacht.

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72 Liter pro Quadratmeter regnete es laut Deutschem Wetterdienst in München in 48 Stunden bis gestern Mittag. Innerhalb von zwei Tagen stieg der Pegel der Isar in München von 80 Zentimeter auf 2,71 Meter. Am Mittag die Entwarnung: Wir sind mit nassen Füßen davongekommen. Das war in der Vergangenheit nicht immer so.

Die Rad- und Fußwege in den Isarauen wurden zur Sicherheit gesperrt.

Unvergessen bei vielen Münchern ist der 22. August 2005: Damals war der Pegel auf 5,36 Meter angestiegen, mit 1000 Kubikmeter pro Sekunde floss das Wasser durch die Stadt. Keller in Flussnähe liefen voll, Auenwege wurden unterspült und Bäume entwurzelt. Die Prognosen für Mittwoch waren kaum besser – im Endeffekt überstieg der Abfluss aber die 400 Kubikmeter pro Sekunde nicht. Das Baureferat hatte vorsorglich den Marienklausensteg und den Flaucher gesperrt. „Glücklicherweise aber konnten wir die Sperrung schnell aufheben, der Radlweg musste gesperrt bleiben“, sagt Jürgen Marek vom Baureferat. Auch die Feuerwehr war umsonst in Alarmbereitschaft gewesen, bis zum Nachmittag musste sie nicht ausrücken.

Woher kommt eigentlich all das Wasser, das hier durch die Stadt rauscht? Was viele nicht wissen: Ein Großteil des Wassers stammt von der Loisach. Laut Wasserwirtschaftsamt kamen am Mittwoch 247 der über 400 Kubikmeter von der Isar selbst, also ursprünglich aus dem Tiroler Karwendelgebirge. 177 Kubikmeter stammten von der Loisach, die aus dem Kochelsee kommt und in Wolfratshausen in die Isar mündet. Bei normalem Pegelstand ist das Verhältnis ähnlich.

Hochwasser in München

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Regen-Bilder aus Bayern

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Land unter in Österreich

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Angst vor einer großen Flutkatastrophe braucht München schon lange nicht mehr zu haben. Nachdem 1813 bei einer Überschwemmung eine Brücke eingebrochen war und über 100 Schaulustige in den Tod gerissen hatte, wurde damit begonnen, den Fluss zu kanalisieren und zu befestigen. „1954 wurde dann nach mehreren heftigen Überflutungen der Sylven-steinspeicher südlich von Lenggries gebaut, um München und Bad Tölz einerseits vor Hochwasser und im Sommer vor Niedrigwasser zu bewahren“, erklärt Winfried Adam, Abteilungsleiter des Wasserwirtschaftsamtes. Der Speichersee fasst 124,3 Millionen Kubikmeter Wasser. Beim Alpenhochwasser 2005 aber gelangte auch dieser an seine Kapazitätsgrenze und musste geöffnet werden.

Das aktuelle Hochwasser hat gerade auch deshalb keinen Schaden angerichtet, weil die Isar seit der Renaturierung wieder einen Großteil ihres Wildflusscharakters zurückbekommen hat. „Die Maßnahmen machen sie nämlich nicht nur schöner, sondern verbreitern vor allem den Querschnitt des Flusses, dämpfen also den Anstieg“, sagt Adam vom Wasserwirtschaftsamt. Ein Beispiel, das Schule machen sollte, ginge es nach Helmut Kulisch vom Institut für Wasserwesen an der Bundeswehr-Uni. „Im Zuge des Klimawandels ist Renaturierung das Schlagwort, überall wo es möglich ist.“

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Ob die Arbeiten der Isar-Renaturierung in den kommenden Tagen jedoch einfach weiterlaufen können, ist erst klar, wenn das Wasser die Ufer wieder freigegeben hat. Adam: „Ich bin mal gespannt, wo Kiesbänke verschwunden sind und wo sich neue anlagern.“ Pflanzen und Tieren würde ein solches Hochwasser recht gut überstehen. „Für die Ökologie sind solche Vorgänge sogar wertvoll. Den Fischen ist das egal, die suchen sich Unterstände. Lediglich einige kiesbrütende Vögel verlieren wohl ihren Brutplatz und junge Bäume halten dem Strom nicht stand. Aber das ist die Natur – die größten Probleme damit hat der Mensch.“

Nina Bautz

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