Prozess: Wer hat den Erfolgs-Jodler erfunden?

Krach ums Kufsteinlied

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Karl Ganzers Sohn Helmut klagte mit Erfolg.

Die „Perle Tirols“ lassen die meisten Urlauber schlicht links liegen – hinter der Lärmschutzwand der Autobahn. Erklingt freilich das Kufsteinlied in einem Bierzelt, dann hält es keinen mehr auf der Bank.

Zum Jodler-Ohrwurm „Holla-rä- di-ri, di-ri, di-ri“ lässt es sich halt gar so wunderbar schunkeln. Allerdings auch trefflich streiten. Vor dem Landgericht München I ging es gestern um die bierernste Frage: Wer ist Urheber dieser sinnfreien Silben?

Als Karl Ganzer nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit seiner Ziehharmonika durch die Gaststätten Kufsteins zog und sein selbst verfasstes Lied zum Besten gab, dachte noch niemand daran, dass dies eines Tages zum Welthit werden könnte. Der damalige Vierachtel-Takt eignete sich nicht zum Schunkeln – und der „Kuckucks-Jodler“ nicht zum Wiesn-Gröler.

Den Durchbruch schaffte das Lied Anfang der 60er-Jahre, nunmehr im Dreiviertal-Takt, durch die Aufnahmen des Jodlerkönigs Franzl Lang. Auch Maria und Margot Hellwig trugen das Lied gerne und oft vor. Das Kufsteinlied wurde zum Hit, ein Evergreen, der bis heute oft auf der Wiesn erklingt. Dieses Lied verhalf dem verschlafenen Städtchen am grünen Inn zu Weltruhm. Über 100 Millionen Tonträger wurden verkauft.

Musikproduzent Egon Frauenberger nimmt für sich in Anspruch, einen wesentlichen Beitrag für den Erfolg des Kufsteinliedes geleistet zu haben: „Den Jodler habe ich dem Franzl Lang in den Mund gelegt“, sagte er der tz. „Ich bin Urheber der Jodelphonetik.“ Es ist jenes „Holla-rä-di-ri, di-ri, di-ri“, das die Tiroler abfällig als „Deutschen Jodler“ bezeichnen. Wikipedia schreibt dazu: „Der ursprüngliche, feinsinnige Jodler in Karl Ganzers originaler Version wurde durch den heute weltbekannten Bierzelt-Jodler ersetzt.“

Die Urheberschaft auf den Jodler machte Frauenberger allerdings erst im Jahr 2001 geltend, 13 Jahre nach dem Tod Karl Ganzers. Dessen Witwe Traudl habe ihm, so Frauenberger, quasi auf dem Totenbett verraten, dass eigentlich sie die Verfasserin der zweiten Strophe sei. Mit ihr habe er einen Vertrag abgeschlossen, der Frauenberger ein Zwölftel der GEMA-Erlöse für das Lied zusichert. (Die GEMA kümmert sich um die Aufführungsrechte geschützter Werke: Für jede Aufführung eines Stücks muss der Interpret einen Prozentsatz seines Honorars an die GEMA abführen, die das Geld an die Urheber weiterleitet.)

Die Kinder Ganzers erfuhren davon erst im Jahr 2005. „Durch Zufall“, wie der 66-jährige Helmut Ganzer gestern vor Gericht betonte. Dies war das Ende der Freundschaft mit Frauenberger. Die Erben verklagten den Produzenten. Ihm gehe es nicht so sehr um das Geld, sagt Helmut Ganzer. „Uns geht des darum, dass der gute Ruf unseres Vaters wieder hergestellt wird.“

Frauenberger pocht auf seine Teil-Urheberschaft: „Ein Lied ist immer ein Ganzes, dazu gehört auch der Jodler.“ Richter ­Peter Guntz, der Vorsitzende der 7. Zivilkammer, mochte das nicht recht überzeugen: „Kein Interpret singt den Jodler so, wie Sie das vorgegeben haben. Es ist fraglich, ob das schutzwürdig ist.“ Außerdem hatte Frauenberger in einem früheren Rechtsstreit zwischen Karl Ganzer und einem anderen Sänger Partei für Ganzer ergriffen: Dieser sei alleiniger Urheber des ganzen Liedes. Richter Guntz an den Beklagten: „Haben Sie damals die Unwahrheit gesagt?“

Einigen wollten sich die Streithansln nicht, das Gericht musste ein Urteil fällen – und taten das im Sinne der Kläger: Karl Ganzer ist alleiniger Dichter und Komponist des Liedes – inklusive Jodler!

Eberhard Unfried

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