Krisenfest und ohne Gurt

Das sind Akkorde, die uns einfach anzünden – von Anfang an, wenn der Rock’n’Roll-Train kommt.
Der rauscht als Opener in Form einer riesigen Dampflock aus dem Bühenhintergrund und schickt die Musiker in eine Armada rot-blinkender Teufelshörner im Publikum. Später trägt sie die riesige Hardrock-Hure, die sich bei „Whole lotta Rosie“ mit ihren gewaltigen Plastikbrüsten über die Lok lümmelt. Zuvor hat Gitarrist Angus Young zu „The Jack“ seinen berühmten Strip hingelegt und Sänger Brian Johnson baumelte danach beim irren „Hell’s Bells“ an der Höllenglocke. Er und seine Kumpels machen wieder großartige Arbeit. „Hell ain’t a bad place to be“, röhrt Johnson gleich beim zweiten Stück. Wenn AC/DC auch dort braten und ihre Instrumente dabeihaben, könnte er damit Recht haben (Olympiahalle).
In zwölf Minuten war die aktuelle Tournee ausverkauft, inklusive dem Freitag-Abend-Konzert in der Olympiahalle. Krise in der Tonträgerbranche? Aber doch nicht bei AC/DC! Weltweit haben die Australier mit schottischen Wurzeln im Vorjahr die meisten Tonträger verkauft. Klar, sie sind auch in Krisenzeiten eine Konstante.
„Wenn nicht nach fünf Sekunden unerschütterlich erkannt wird, dass es sich um einen Song von AC/DC handelt, handelt es sich nicht um einen Song von AC/DC“, hat Angus Young einmal gesagt. Wir haben am Freitag keine drei Sekunden dazu gebraucht, das zu erkennen. Drei immer identische Riffs, mit diesem vertrackten Timing hingerockt: AC/DC spielen einfach, aber nicht simpel.
Die aktuelle Platte „Black Ice“ und das Münchner Konzert zeigen: Es haut noch so rein wie früher, und die Show ist der reine Rummel. Malcolm Young ist noch immer der effektivste Rhythmus-Gitarrist der Welt, und im Vergleich zu Brian Johnsons Stimme ist ein Reibeisen nach wie vor ein Samthandschuh. Ein großartiger Prolet, ein Held der Arbeit wie seine Kollegen auch. Er lässt seinem Hafenarbeiter-Charme freien Lauf und quetscht die Töne raus, als würde ihm der gesamte Heavy Metal auf der Brust liegen. Drummer Phil Rudd klopft mit stoischer Ruhe sein Schlagzeug rund wie ein Arbeiter im Steinbruch, und Angus Young bleibt der Schulbub, der seinen Traum verwirklicht hat: Der wildeste Gitarrist der Welt zu werden. Der ist ein Weltwunder in kurzen Hosen.
Energie pur: AC/DC
Mit offenem Mund tuckert er, die Gibson im Anschlag, wie eine Stadttaube durch die Gegend und schießt die Starkstrom-Soli auf die Hardrock-Wallfahrer ab, die längst aus der Halle ein Wiesn-Bierzelt gemacht haben: Vom ersten Song an sitzt keiner mehr auf seinem Hintern. Sie feiern die unartigen alten Jungs und freuen sich darauf, dass AC/DC ja später im Konzert sicher noch die klassische Hymne „Let’s there be rock“ zelebrieren und sich dann, ohne Anwohnerparkausweise und Umweltzonenplaketten mit Feuer und Rauch und Höllenlärm auf den „Highway to Hell“ begeben. Der Rock’n’Roll-Train – wie schön, dass ihn nichts stoppen kann.
lux