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Die Lebenslügen der Psycho-Mutter

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Hier lebte Alexandra S.
Hier lebte Alexandra S. © Unfried

Sie ließ ihr Neugeborenes einfach sterben: Wie Alexandra S. (38) aus Haar den Tod ihres Kindes vertuschte.

Am Ende lebte sie in einer Welt voller Lügen und Halbwahrheiten, mit der sie sämtliche Freunde und die Familie, vor allem aber sich selbst täuschte: Die Frau, die ihr neugeborenes Baby einfach sterben und dann fast drei Monate in einer Plastiktüte auf dem Balkon verwesen ließ, muss bereits seit längerer Zeit psychisch schwer krank gewesen sein. Schockierend sind die Details, die gestern eine Freundin der Familie schilderte. Sie wohnte zeitweise als Untermieterin bei Alexandra S. (38) und beaufsichtigte manchmal abends auch deren kleine Tochter (7).

Die 38-Jährige bewohnte am Jagdfeldring in Haar mit ihrer kleinen Tochter und dem fast erwachsenen Sohn (17) eine Dreizimmer-Wohnung in einem der Hochhäuser. Nach lautstarken Beziehungskrächen mit ihrem jungen Ex-Freund (19) war es in den letzten Monaten deutlich stiller geworden im dritten Stock. Doch das war kein gutes Zeichen....

Im Herbst nahm Alexandra S. einen Freund ihres Sohnes und später auch dessen Freundin als Untermieter auf: „Wir wussten, dass sie schwanger gewesen war. Aber sie sagte uns, sie habe das Kind abtreiben lassen.“ Ihrem Sohn dagegen hat sie offenbar eine andere Version aufgetischt: „Ihr Freund hat sie in den Bauch geboxt. Jetzt gibt es kein Baby mehr,“ hatte der einem Nachbars-Bub erzählt. Wieder anderen Freunden hatte die Einzelhandelskauffrau erzählt, sie dürfe das Kind wegen ihrer Chemotherapie nicht abtreiben. Es sei nach der Geburt ohnehin nicht lebensfähig und müsse sterben. Den dennoch wachsenden Leibesumfang erklärten sich die Untermieter mit den vielen Medikamenten, die Alexandra S. nahm: „Sie behauptete, wegen ihrer Brustkrebserkrankung depressiv geworden zu sein und schluckte jede Menge starke Psychopharmaka. Heute wissen wir, dass sie nie Brustkrebs hatte.“ Am 19. März war Alexandra S. nicht daheim: „Wir haben zu dritt draußen auf dem Balkon herumgeräumt. Auf dem Boden lag eine Tüte. Ich schaute hinein. Darin lag das tote Baby.“ In heller Panik riefen die jungen Leute Alexandra S. an, die sofort heimkam. „Ich kann alles erklären. Ich habe nichts damit zu tun. Die Polizei weiß schon Bescheid ,“ sagte sie. Es sei nämlich das Kind einer Freundin, dass sie für sie verwahrt habe. Dann verschwand sie in der Küche – angeblich, um noch einmal mit der Polizei zu telefonieren. Minuten später kam sie wieder: „Der Polizist hat heute keine Zeit. Aber morgen holt er es ab. Ihr müsst auch nicht aussagen.“ Dann brach sie in Tränen aus, rannte ins Bad und übergab sich. Als die Untermieterin am nächsten Tag nachhakte, antwortete Alexandra S.: „Die Polizei war schon da. Es ist weg.“

Mit dieser seltsamen Geschichte gaben sich die Freunde zunächst zufrieden. An Ostern jedoch fragte jemand aus dem Bekanntenkreis bei der Polizei nach. Am Dienstag stand die Mordkommission vor der Tür. So wurde das tote Baby im Wohnzimmerschrank gefunden. Alexandra S. sitzt wegen Totschlags in U-Haft. Ihr Kinder leben jetzt bei Freunden.

Die 38-Jährige hatte den kleinen Buben am 5. Januar allein in der Wohnung zur Welt gebracht und einfach sich selbst überlassen, bis er tot war: „Es hat nur einen Tag gelebt,“ erklärte sie. Die Nachbarschaft sah sie in den Wochen danach mehrmals mit einem Baby-Kinderwagen spazierengehen. Der jedoch war vermutlich leer.

Dorita Plange und Nina Bautz

„Wir hätten ihr doch helfen können“

Entsetzen in Hochhaussiedlung – Nachbarn haben nichts geahnt

Christian T.
Dort oben lag zweieinhalb Monate ein totes Baby! Nachbar Christian T. (30) kann es am Tag nach dem Bekanntwerden nicht fassen © Kruse

Immer wieder muss Christian T. (30) seinen Hammer hinlegen – und nach oben sehen. Eigentlich will er ein Vogelhäuserl bauen – er kann sich nicht konzentrieren. Da oben auf dem Balkon, etwa sechs Meter Luftlinie entfernt, lag zwei gut Monate lang ein totes Baby. Und er hat es nicht gemerkt. Er schüttelt den Kopf.

Der Balkon von Alexan­dra S. (38) ist einer von 21 in diesem Hochhaus am Jagdfeldring, daneben dutzende andere. Er ist noch trostloser als die anderen: Eine ausrangierte Stehlampe steht darauf, sonst nichts. Der Blumenkasten ist mit Flechten überzogen. An der Balkontür ein aufgeklebter Schmetterling. Christian T. hat hier nie jemanden spielen sehen. Er kennt die Familie nicht, es sei hier sehr anonym. So anonym, dass viele Nachbarn auch, als die rote Tulpe an der versiegelten Tür im dritten Stock schon den Kopf hängen lässt, noch nicht wissen, dass das Unfassbare genau hier passiert ist.

„Was, hier im Haus?“ Als die Rentnerin Erika Hain, die seit 30 Jahren im 7. Stock wohnt, im Gang von einer Nachbarin davon erfährt, muss sie sich erst mal setzen. „Mei, warum hat sie denn nichts gesagt? Wir leben zwar alle vor uns hin – aber wir sind doch keine Unmenschen. Ich hätte ihr doch geholfen mit dem Kind…“

Die Familie von Alexan­dra S. lebte zurückgezogen, nicht nur freiwillig. Der Nachbarsjunge André (14) und seine Mutter waren mit ihnen befreundet, bis vor kurzem. André war oft bei Alexandras Sohn zum Zocken am Computer, Bald merkte er: „Die sind komisch. Da waren immer viele Leute bei der Mutter. Dann haben die ferngesehen und Alkohol getrunken, auch mein Freund.“ Die Mutter brach den Kontakt ab. In diesem Haus ist es nicht schwer, sich aus dem Weg zu gehen. Man fährt mit dem Aufzug. Der wurde erst renoviert, hat Steinboden und ist verchromt. In den Gängen hängt Osterschmuck an der Tür, davor Fußabstreifer. Auch Alexandra S. hat einen – mit Mond und Sonne darauf. Es ist keine gute Wohngegend, aber es gibt schlimmere. Die Streitthemen im Haus: der Lärm der Buben, die Fußball spielen und die vielen Hunde.

Dreieinhalb-Zimmer-Wohnungen wie die von Alexandra S. kosten um die 900 Euro warm. So viel zahlt Elektrotechniker Giovanni Rotunno (46), der mit seiner Tochter in einer baugleichen Wohnung zwei Stockwerke höher lebt. Die Küche ist geräumig, die Zimmer haben große Fenster. Im Kinderzimmer spielt die kleine Natalia (4) mit einer Puppe. Sie soll heute nicht raus. „Irgendwann wird sie die Geschichte erfahren, aber nicht heute“, sagt der Vater. Heute wäre er nicht zu einer Erklärung in der Lage. Er ist zu wütend. „Das ist eiskalter Mord! Ich bin froh, dass ich diese Person nicht mehr zu Gesicht bekommen werde…“

Christian T. hätte Alexandra S. gerne einmal auf dem Nachbarsbalkon gesehen. Seit Minuten schon starrt er heute hinauf. Dann ein Quäken – seine siebenmonatige Tochter. Er eilt in die Wohnung. Hätte der sterbende Säugling dort oben doch auch nur so laut geschrien…

Nina Bautz

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