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Michael Lerchenberg: „Keiner wird gezwungen, mitzumachen“

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„Die Brauerei hat ein Mitspracherecht bei Rede und Singspiel“, sagt Michael Lerchenberg. „Aber bei der Fastenpredigt wird kaum was geändert.“ © AP

Hinter den Singspiel-Kulissen kracht und scheppert es gewaltig. Paulaner ist mehr als erstaunt über den holprigen Abgang von Holger Paetz, Uli Bauer und Eva Demmelhuber.

Auch Fastenprediger Michael Lerchenberg, der im Singspiel über 20 Jahre Edmund Stoiber mimte, versteht nicht, warum sich seine Ex-Kollegen so aufregen.

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„Es wird ja auf dem Nockherberg keiner gezwungen, mitzumachen“, sagt Lerchenberg der tz. „Warum sie gehen, kann ich aber nicht nachvollziehen.“ Bauer und Demmelhuber hatten ihren Rücktritt auch damit begründet, dass Brauerei und BR immer mehr Einfluss nehmen.

Zensur! „Das ist übertrieben“, meint Lerchenberg. „Die Brauerei als Veranstalter hat die inhaltliche Verantwortung. Übrigens auch für meine Rede.“ Das Mitspracherecht sei völlig normal, findet Lerchenberg. Und Paulaner übe es vornehm und zurückhaltend aus. „Bei der Fastenpredigt wird mal ein Adjektiv, mal ein Halbsatz moniert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass beim Singspiel wesentlich mehr kritisiert wird.“ Uli Bauer hat andere Erfahrungen gemacht. Er hat ein ganzes Lied zurückgezogen, weil die letzte Zeile „zu scharf“ war (siehe unten). „Ohne die Schlusspointe wäre der kurze Song zu sehr entschärft worden“, sagt Bauer der tz.

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Zwölf Mal haben er, Paetz und Demmelhuber das Singspiel auf die Bühne gebracht – und „mit den Jahren haben immer mehr Leute rein geredet“. Bauer: „Wir fühlten uns nicht mehr wertgeschätzt.“ Zum Rücktritt hätten letztlich mehrere Faktoren beigetragen: „Letztes Jahr hat uns vor allem der BR sinkende Quoten vorgehalten. Für 2009 haben wir ab Mai des Vorjahres mehrmals nachgefragt, ob wir als Autoren noch erwünscht sind. Die Zusage kam aber erst im September.“

Sinkende Quoten? „Mal hat das Singspiel, mal die Rede die Nase vorn“, sagt Lerchenberg. Das sei normal und hänge auch von der Qualität des Fastenpredigers ab. „Bei Walter Sedlmayr war die Rede das Nonplusultra. Erst nach ihm ist das Singspiel stärker aus dem Schatten der Predigt getreten. Den Kollegen würde etwas mehr Gelassenheit gut tun.“ Offenbar wird im Singspiel-Ensemble diskutiert, ob auch Lerchenbergs Schatten dem Stück zu viel vom Licht der Öffentlichkeit stehle. Im Singspiel-Ensemble geht das Gerücht, dass die Gagen der Schauspieler zugunsten des Lerchenberg-Honorars kleiner ausgefallen sind. „So eine Unverschämtheit!“, schimpft Lerchenberg. „Ich will mich auf so eine Neid-Debatte gar nicht einlassen. Jeder kann seinen Vertrag frei verhandeln. Für mein Honorar wird keinem etwas abgezwackt. Das hat mir ein Schauspieler aus dem Singspiel bestätigt.“

Das Singspiel in Bildern

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Bauer und Paetz distanzieren sich von diesem Gerücht: „Unser Rücktritt hat überhaupt nichts mit Gagen zu tun.“ „Beim Singspiel war es immer so, dass die Regisseurin Eva Demmelhuber die Gagen mit den Schauspielern verhandelt und uns ein Gesamtangebot gemacht hat“, sagt Paulaner-Chef Andreas Steinfatt. Die Angebote sind zu 98 Prozent durchgegangen.“ Durch den Ersatztermin gab es heuer was obendrauf fürs Ensemble. Steinfatt: „Auch hier hat Paulaner allem zugestimmt. Und jetzt diese Aufregung. So was macht man nicht unter Partnern.“

Simone Herzner

An diesem Lied entbrannte der Streit um das Singspiel

Das Lied „Bänker-Sänger“ zog Uli Bauer komplett zurück, weil die Brauerei den letzten Satz „Viel besser …“ zensieren wollte:

Ich hab’ nen Anzug und nen Koffer, doch in dem Koffer ist nichts drin als nur ein Bild von meiner Yacht, auf der ich glücklich bin.

Und außerdem meine Produkte, Spitzen-Papiere meiner Bank, denn ich bin ein Finanz-Genie, jetzt ist die Bank sehr krank.

Wir brauchen keine Millionen, uns fehl’n nicht Peanuts zum Glück – Wir brauchen zig Milliarden und die zahl’n wir nie zurück.

Hab’ in der Schweiz Immobilien, Gold und Brillianten sind schick. Hol mir nen Bonus ab und zieh mich dann dezent zurück.

Da soll man nur nicht kleinlich sein. Das wär’ ja Selbstbetrug, gar nicht klug.

Und sollte mir das peinlich sein, werf’ ich mich hinter’n Zug, Zug, Zug, Zug.

Wir brauchen keine Millionen und keine Peanuts zum Glück.

Viel besser wär für unseren Profit ein kleiner – Krieg.

Bleibt Uli Bauer als Ude-Double?

Das Singspiel muss beim Nockherberg 2010 ohne Holger ­Paetz, Uli Bauer und Eva Demmelhuber auskommen. Die Autoren und die Regisseurin werfen hin. Co-Autor Uli Bauer möchte dem Nockherberg aber nicht ganz den Rücken kehren. Als Double von OB Christian Ude will er weitermachen, sofern die Brauerei einverstanden ist.

„Wir waren mit der Zusammenarbeit ja immer zufrieden“, sagt Paulaner-Chef Andreas Steinfatt. Bauers Rücktritt als Co-Autor sei für die Brauerei kein Grund, voreilige Schlüsse auch über die Besetzung der Rolle des Oberbürgermeisters zu ziehen: „Er ist ein perfekter Ude-Darsteller. Wir werden mit ihm reden.“

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Uli Bauer (li.) zieht sich als Co-Autor aus dem Singspiel zurück, möchte OB Ude aber gerne weiter auf dem Nockherberg doubeln. © dpa

Wie sich Brauerei und Schauspieler auch entscheiden: Einer hat großes Interesse an der Besetzung der Rolle durch Uli Bauer: OB Ude selbst! Für schlichtweg unmöglich hält Ude es, dass Uli Bauer, der ihn seit 15 Jahren auf dem Nockherberg doubelt, durch einen anderen Doppelgänger ersetzt werden könnte: „Da ist er unerlässlich.“ Zumindest in seinen eigenen Programmen wird der 61-jährige OB und Freizeitkabarettist weiter mit Bauer „den doppelten Ude“ geben.

Der Abschied des Nockherberg Dreiergespanns Demmelhuber-Paetz-Bauer kam für Ude indes überraschend. „Ich habe nie etwas davon gehört, dass sich die Künstler von der Brauerei zensiert fühlen.“ Gerade heuer kam Ude das Singspiel „keineswegs harmlos“ vor. In früheren Zeiten sei man auf dem Nockherberg mit den Regierenden doch sehr viel unkritischer umgegangen: „Für Franz Josef Strauß waren es geradezu Krönungsmessen.“ Man müsse es aber respektieren, wenn die Schreiber „den Eindruck haben, dass es zu viele Einmischungen gab.“

Ude bedauert den Rückzug der Autoren: „Sie haben das Singspiel genial durch stürmische Zeiten gebracht. Es wird nicht leicht sein, wieder Künstler zu finden, die den politischen Durchblick, die Musikalität und die Fähigkeit zur szenischen Umsetzung besitzen.

BW/ SH

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