So werden Kranke übers Ohr gehauen – sogar in städtischen Servicezentren

Die miese Abzocke mit Wunder-Pillen

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Für 149 Euro pro Packung sollen die Pillen Kranke schnell kurieren – per Stammzellen. Seriöse Wissenschaftler sagen dazu nur: „Humbug“

Der Mann lächelt, witzelt und verspricht viel. Laszlo S. hält einen Vortrag über seine neueste Entdeckung. Es ist kein Medikament, sondern bloß ein Nahrungsergänzungsmittel aus Ungarn. Eine Packung kostet 149 Euro!

Denn die Kapseln könnten angeblich viele Krankheiten kurieren. Das behauptet der Mann mit dem modischen weißen Kurzbart erst recht freundlich. Dann wird er ernst: „Und wenn einer fragt“, schärft er seinen gut 100 Zuhörern ein, „sagen wir einfach: Es ist in der ganzen EU zugelassen.“ Experten warnen: Vorsicht vor dem Mittel Olimpiq StemXCell! Laszlo S. will mit diesem Produkt seiner Firma aus Ungarn in München und Umgebung Fuß fassen. Alte und Kranke sollen offenbar gezielt gelockt werden – für überteuerte Billig-Pillen. Mehrere Werbevorträge gab es bereits in München, sogar in einem Altenzentrum der Stadt! Die tz war vor kurzem bei einem internen Informationstag mit dem Chef höchstpersönlich dabei und deckt den Fall jetzt auf: Laszlo S. redet diesmal im angemieteten Hinterzimmer einer Traditionswirtschaft in Feldmoching. Wer rein will, braucht eine Einladung, muss sich namentlich anmelden und bekommt ein Namensschild. Am Eingang zum Saal öffnen zwei bullige Typen die Tür – und schließen sie ­wieder. Fremde sind unerwünscht, wenn Laszlo S. seine Entdeckung vorstellt und wie er sie an den Mann zu bringen gedenkt.

Das Mittel

Wahre Wissenschaftler können darüber nur lachen: Olimpiq StemXCell soll angeblich im Knochenmark die Produktion von Stammzellen anregen. „Bis zu 75 Prozent mehr im Blut“, versichert Laszlo S. Doch damit nicht genug: Diese Stammzellen könnten sich im Körper die kranken Stellen suchen und sie kurieren. So direkt verspricht der Ungar das natürlich nicht. Er sagt: „Das Produkt setzt Mittel zur Regenerierung des Körpers frei.“ Und dann schwurbelt er ein bisschen herum. „Selbstheilung, Transplantation, Nabelschnurblut“ sind ein paar der Vokabeln, die innerhalb von wenigen Minuten fallen. Studien am Menschen hat der Mann nicht vorzuweisen, er erzählt nur von Versuchen an Ratten in Ungarn. Jedenfalls sei alles „klinisch getestet“.

Echte Experten halten das alles für Humbug. „Das ist nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft völlig undenkbar“, sagt etwa Dr. Matthias Heil vom Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim. Dort arbeiten die Forscher an der Spitze der weltweiten Wissenschaft – und zwar genau zum Bereich der Stammzellen und wie sie den Körper reparieren können. Aber das sei alles noch Theorie. Der Forscher konnte nicht einmal die Ratten-Studie von Laszlo S. finden. Sie scheint überhaupt nicht einschlägig publiziert zu sein. Und selbst wenn das Mittel funktionieren sollte: Kein Forscher würde es nach einer einzigen Tier-Studie einfach tausende Menschen unkontrolliert schlucken lassen. Der Eingriff in den Körper wäre so tief, das wäre extrem gefährlich!

Der Inhalt

Der Ungar Laszlo S. verspricht dagegen keine Nebenwirkungen, keine Risiken, alles rein pflanzlich – natürlich. Auch wenn Letzteres laut Packungsbeilage stimmt, warnen Ernährungsexperten vor Olimpiq StemXCell!

Die Verbaucherzentrale Bayern hat die genannten Stoffe des Beipackzettels überprüft. Erst geht es harmlos los: Das Mittel besteht vor allem aus Zucker und „sekundären Pflanzenstoffen“ wie gemahlenen Kernen und Schalen von Trauben, Kirschen oder Brombeeren. Diese könnten zwar als Antioxidanzien einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben – bewiesen ist das beim Menschen nicht. Im Gegenteil: „Je nach ­genauer Zusammensetzung gibt es auch unerwünschte Wirkungen bei Antioxidanzien“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Andrea Danitschek von der Verbraucherzentrale. Es drohe auch eine Magen-Darm-Unverträglichkeit!

Schlimmer: Im Präparat findet sich laut Beilage auch Pulver von Ackerschachtelhalmen und Birkenblättern. „Das sind klassische Entwässerer“, warnt die Expertin. Da müsse man im Gegenzug auch mehr Trinken. Mehr noch: Angeblich sollen in dem Mittel auch sogenannte Afa-Algen und Haifischknorpel sein. Vor beiden Stoffen warnt das Bundesamt für Risikobewertung. Die Algen könnten mit Schwermetallen und Giften belastet sein. Der Knorpel sei in seiner Wirkung völlig unklar, zur Sicherheit sollten Schwangere und Stillende, Kinder und Jugendliche so etwas nicht nehmen! „Außerdem ist es ökologischer Wahnsinn“, fügt Danitschek hinzu.

Insgesamt sagt die Ernährungswissenschaftlerin Andrea Danitschek über Olimpiq StemXCell: „Ich kann niemandem empfehlen, das zu kaufen.“ Die 149 Euro pro Packung seien in echtem, frischem Obst und Gemüse viel besser angelegt.

Die Herstellung

Und wie steht es um die Hygiene? Laszlo S. zeigt bei seinem Vortrag Bilder der Produktion, die sich auch im Internet finden: Ältere Damen fummeln die Wunder-Kapseln zusammen, ­eine trägt nicht mal einen Mundschutz. Die Grundstoffe liegen einfach in Plastikschüsseln und Nudelsieben bereit. Auf dem Tisch stehen Stifte, auf einem ­alten Schrank eine Wasserflasche. Regale sind mit Alufolie ausgeschlagen. Der Raum befinde sich in einer Wellblechbude. Ein Labor sieht anders aus. ­„Diese Fotos beeindrucken in Deutschland natürlich niemanden“, sagt sogar einer der Anhänger der Billig-Pillen.

Die Masche

Einer dieser Anhänger ist auch der Schwabinger Helmut S.: Er war Deutschland-Chef einer nicht mehr tätigen Vetriebsgesellschaft von Olimpiq mit Sitz in der Schweiz, jetzt habe Laszlo S. eine eigene Tochtergesellschaft in Dachau gegründet. Er selbst sei nur noch ein einfacher Verkäufer, sagt Helmut S. der tz. Er bestätigt auch die raffinierte Vertriebsmasche. Die Verkäufer nehmen das Mittel nämlich meist selber, bekommen aber Rabatte, wenn sie das Zeug anderen andrehen. Die Vertreter sind Profis: Helmut S. hat nach eigener Aussage auch schon Versicherungen verkauft. Auf einen weiteren Werber, Imre K. aus Baden-Württemberg, läuft im Internet auch ein Sex-Shop.

Die Werbevorträge

Wohl um die Glaubwürdigkeit zu steigern, organisieren die Verkäufer auch Vorträge, zu denen sie gezielt einladen. Natürlich gehören neben den jung-dynamischen Verkäufern auch alte und kranke Menschen zur Zielgruppe. Beim Vortrag in Feldmoching waren auch sie im Saal: ein Mann mit Luftröhren-Pflaster, ein Senior, der sich auf Stühlen abstützen musste, ein fortwährend nervös wippender Mann mit brüchiger Stimme. Sie gelten den Veranstaltern wohl als besonders empfänglich für die Botschaften. Das gleiche Bild gab es schon davor: Am Montag hatte Helmut S. sogar einen Saal im Alten- und Servicezentrum (ASZ) Schwabing-Ost gemietet. Eine gute Adresse: Die städtische Einrichtung wird von einer katholischen Stiftung betrieben. Die Leitung sieht sich vom Veranstalter getäuscht. Es sei nur ein Gesundheitsvortrag angekündigt gewesen, erklärt Leiterin Margarethe Götz. Für das Sozialreferat ist das ein „bedauerlicher Vorfall“, sagt Sprecher Fabian Riedl. Alle anderen Altenzentren seien darüber informiert worden.

Der Heilpraktiker

Hauptredner im Alten- und Servicezentrum war Christian M., ein Heilpraktiker mit Büro in Schwabing. Laut Einladung pries er den jungen Verkäufern und den Senioren StemXCell an, weil es den Gesundheitsmarkt „revolutioniert“. Auf Nachfrage der tz ist er sich da plötzlich nicht mehr so sicher: Er halte die Wirkung für „ungesichert“ und die Argumentation von Laszlo S. für „nicht tiefgehend“. Da sei ihm zu viel Werbung und Verkauf dabei. Und überhaupt sei dieser Laszlo S. „nicht ganz koscher“.

Der Chef

Über Laszlo S. ist nicht viel bekannt – außer dass er der Inhaber der Firma Olimpiq in Ungarn ist und auch der Tochtergesellschaft in Dachau. Das sagt zumindest die Dame an der Handy-Nummer, unter der die deutsche Firma zu erreichen ist. Zu seiner Person sagte Laszlo S. bei seinem Vortrag nichts, auch nicht zu seinen Qualifikationen. Nicht mal der ehemalige Vertriebschef Helmut S. hat eine Ahnung: „Ich vermute mal, dass er Mediziner ist. Er ist ja Forscher“ – ohne Doktortitel, ohne Professorenwürde … Der Heilpraktiker Christian M. hält ihn dagegen eher für einen Diplom-Biologen. Die Dame am Handy seiner Firma in Dachau wollte dazu nichts sagen. Sie versprach, dass Laszlo S. zurückrufe. Die tz wartet noch immer auf eine Stellungnahme.

tz-Stichwort: Was können Stammzellen?

Stammzellen sind die ­Alleskönner im Körper. Sie verwandeln sich in alle Arten von Körperzellen. Schließlich entwickelt sich jeder Mensch aus einer einzigen befruchteten Eizelle. In diesem Stadium spricht man von ­embryonalen Stammzellen. Auch Erwachsene produzieren sogenannte adulte Stammzellen, aber nur noch in den jeweiligen Organen. Die Haut repariert sich zum Beispiel bei Verletzungen. Dass ein Mensch mehr ­adulte Stammzellen produziert, ist bislang unmöglich. Und dass Stammzellen kranke Zellen im Körper reparieren, ist ­Zukunftsmusik. Das einzig verwandte Verfahren, das in der Medizin genutzt wird, ist die Stammzellenspende in der Leukämie-­Therapie. Dieses Verfahren zur ­Behandlung von Knochenkrebs basiert auf folgender Ausnahme: Das Knochenmark bildet nicht nur Blutkörperchen, vereinzelt treten auch Stammzellen direkt ins Blut über. Ein Spender bekommt ein Medikament, ­damit mehr Stammzellen direkt ins Blut übergehen. Ihm fischt man dann sozusagen die Stammzellen ab. Und sie produzieren beim Empfänger dann neue Blutkörperchen.

David Costanzo

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