tz-München-Serie "Gegensätze"

Internat mit Seeblick - Arche für arme Kinder

Internat
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Das Landheim-Hauptgebäude.
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Die Schüler Bene, Leo, Julius, Julia und Lara (v. li.) vom Landheim Schondorf auf dem internats­eigenen Steg am Ammersee.
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Seit Julius (16) im Landheim wohnt, muss er auf Privatsphäre verzichten. Er teilt sein Zimmer mit einem anderen Schüler.
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In ihrer alten Schulklasse waren 30 Schüler – jetzt sitzt Julia (13) mit nur 18 Klassenkameraden in ihrer achten Klasse.
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Die männlichen Internatsfreunde schätzen vor allem das Ruderangebot.
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Achtklässlerin Lara hat als Werkstatt Selbstverteidigung, Kunst und Klettern gewählt.
Arche
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Die Arche in Moosach: Hier werden Kinder kostenlos betreut.
Arche
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Jeden Tag bekommen die Kinder ein kostenloses Mittagessen, das von ehrenamtlichen Helfern in der Arche-Küche zubereitet wird. Heute gibt es Putenbraten mit Knödel.

München - München ist eine Stadt der Gegegnsätze: Auf der einen Seite gibt es Kinder, die in ein Eliteinternat am Ammersee besuchen. Auf der anderen Seite gibt es Kinder, die für ein warmes Mittagessen auf eine Hilfseinrichtung angewiesen sind.

Kinder sind die Zukunft. Die perfekte Förderung ist aber heutzutage oft auch eine Geldfrage. Internate und Privatschulen werben mit kleinen Klassen und persönlicher Förderung, Einrichtungen für bedürftige Kinder dagegen sind schon glücklich, wenn sie für die Kleinen da sein können. Die tz hat für die heutige Folge das Landheim Schondorf am Ammersee und das Kinderhilfsprojekt Arche in Moosach besucht. 

32.000 Euro pro Jahr für das Eliteinternat am Ammersee

Die Sonne glitzert auf dem See. Das Klassenzimmer der 12a ist hell erleuchtet. Die Abiturienten haben ein eigenes Haus direkt am Ammersee – damit sie ungestört büffeln können. Wer das Ruder- oder Segelangebot wahr nimmt, kann nach Schulschluss gleich am Wasser bleiben. Die Internatsschüler vom Landheim Schondorf haben eine Rundumbetreuung von der Morgenfeier um 7.30 Uhr bis zur Stillen Stunde am Abend – die sich die Eltern aus München und anderen Städten über 32.000 Euro pro Jahr kosten lassen.

„Lernen mit Kopf, Herz und Hand“, heißt das Konzept für die 270 Schüler, das die Stiftungsleiterin Friederike Lenssen so erklärt: „Obwohl wir elitär sind, trimmen wir die Schüler nicht unbedingt zum Einser-Abitur. Uns ist genauso wichtig, soziale und praktische Kompetenzen zu vermitteln.“ Dafür sorgt ein umfangreiches Werkstättenprogramm, das an AGs oder Wahlfächer erinnert und keine Wünsche offen lässt: Da gibt’s beispielsweise Fotografie, Video und Film, Gesangsunterricht, Tennis auf dem Haus-Platz oder Skifahren.

Andere Angebote fördern eine internationale Karriere: Das Landheim vermittelt nach eigener Angabe „Führungsqualitäten, Verantwortungsbewusstsein und Weltoffenheit“. Der Elftklässler Bene (16) beispielsweise engagiert sich im Netzwerk Round Square International. „Da tauschen wir uns zum Beispiel mit Schülern aus Indien und Australien aus. Vor zwei Jahren war ich schon in Südafrika auf dem College.“ Sein Kumpel Leo (16) schätzt das Angebot des United Nations-Debattierclubs: „Anfang März treffen wir uns mit Schülern aus aller Welt in den USA zum politischen Workshop. Wo hat man sonst in meinem Alter die Möglichkeit, zu lernen, vor 300 Leuten in einer anderen Sprache zu sprechen?“ Mit Glück ist auch für die Zukunft gesorgt, denn das Internat kann Schüler für Stipendien an der Duke University in North Carolina und der New York University in Abu Dhabi vorschlagen.

Eine häufige Sorge nimmt das Internat den Eltern: Die Schützlinge können hier nicht auf die schiefe Bahn geraten. „Alkohol ist erst ab der 10. Klasse erlaubt – aber auch dann können wir uns nicht betrinken“, erklärt Elftklässler Bene. „Mehr als ein, zwei kleine Bier sind nicht drin. Promillegrenze ist 0,5.“ Die Betreuer in den Wohnhäusern (genannt Hauseltern) kontrollieren mit Blasgeräten und Drogentests.

Für das Internatsgeld bekommen die Schüler auch an den drei angeschlossenen Schulen mehr Aufmerksamkeit. Während an öffentlichen Münchner Schulen Klassen unter 30 Schülern schon eine Ausnahme sind, sind hier etwa in der Grundschule 23 Schüler auf vier Klassen verteilt.

Trotz der hohen Ausbildungskosten und des elitären Anspruchs wirkt das Landheim nicht versnobbt. Schon die Anlage ist eher heimelig: Wie in einem Dorf verstecken sich die 22 alten Gebäude zwischen Wäldern bis runter zum Ammersee. Dort wartet ein eigenes Bootshaus mit Badesteg. Dass das Luxus ist, wissen die Kinder. Julius (16) sagt: „Andere machen am See Urlaub – und wir wohnen hier.“

Wohnen

Seit Julius (16) im Landheim wohnt, muss er auf Privatsphäre verzichten. Er teilt sein Zimmer mit einem anderen Schüler.

Seit Julius (16) im Landheim wohnt, muss er auf Privatsphäre verzichten. Er teilt sein Zimmer mit einem anderen Schüler. „Aber das macht nichts, wir verstehen uns gut.“ Im Gemeinschaftsraum warten ein Riesen-Fernseher und eine Playstation. In seinem Haus wohnen 15 Jungs und die sogenannten Hauseltern, die Betreuer. Julius hat bessere Noten als früher. „Daheim haben meine Eltern beide gearbeitet. Da habe ich nach der Schule erst mal ferngesehen und Basketball gespielt – und schon war’s Abend. Hier dagegen gibt‘s einen festen Rahmen.“

Lernen

In ihrer alten Schulklasse waren 30 Schüler – jetzt sitzt Julia (13) mit nur 18 Klassenkameraden in ihrer achten Klasse.

In ihrer alten Schulklasse waren 30 Schüler – jetzt sitzt Julia (13) mit nur 18 Klassenkameraden in ihrer achten Klasse. Hier sei es nicht mehr uncool, wenn man lernt. „Im Gegenteil: Die anderen motivieren einen, dass man zusammen lernt.“ Das Landheim bietet auch projektweise zweisprachigen Unterricht und Chinesisch an.

Freizeit

Die männlichen Internatsfreunde schätzen vor allem das Ruderangebot.

Klar, die Achtklässlerin Lara (13, Foto li.) hat schon manchmal Heimweh. „Besonders nach den großen Ferien.“ Aber das Landheim hat auch Vorteile: „Hier ist ständig jemand da, das ist schön. Und die Schule ist viel familiärer als daheim.“ Als Werkstatt hat sie Selbstverteidigung, Kunst und Klettern gewählt – dafür gibt’s extra eine große Wand in der Aula (s. Foto). Die männlichen Internatsfreunde schätzen vor allem das Ruderangebot (unten) oder das hauseigene große Fitnessstudio.

Nina Bautz

Die Arche: Das Rettungsboot für arme Kinder

Wenn für Leon (8) die Schule aus ist, ist niemand zu Hause. Keiner, der ihm ein warmes Essen kocht, keiner, der ihm zuhört. Seine Mama arbeitet bis spätabends als Putzfrau, den Papa kennt er nicht. Seit zwei Jahren geht der Grundschüler deshalb nach dem Unterricht zur Arche: „Hier kann ich spielen und Hausaufgaben machen.“

Die Arche in Moosach: Hier werden Kinder kostenlos betreut.

Jeden Tag kommen etwa 90 Kinder und Jugendliche in die Brieger Straße in Moosach, werden hier betreut und bekommen ein kostenloses Mittagessen. Die Arche ist ein Projekt des christlichen Kinder- und Jugendwerks, wird zu 100 Prozent von Spenden finanziert. „Unser Ziel ist es, die Kinder von der Straße zu holen und ihnen sinnvolle Freizeitmöglichkeiten zu bieten“, sagt Einrichtungsleiterin Antje Breda.

Sieben Pädagogen arbeiten in der Arche, unterstützt von Ehrenamtlichen und Praktikanten. Die Kinder stammen zum Großteil aus ärmlichen Familien, 85 Prozent haben einen Migrationshintergrund. „Oft sind die Eltern arbeiten und haben keine Zeit, oder sie sind psychisch nicht in der Lage, sich um die Kinder zu kümmern“, sagt Antje Breda. „Viele sprechen auch kein Deutsch, und die Kinder müssen für sie Dolmetscher spielen.“

Eine große Belastung für die Kleinen, die die Geldsorgen der Familie oft hautnah mitbekommen. „Letztens wollte ein älterer Junge sein selbst zusammengespartes Rad verkaufen, um seiner Familie zu helfen.“

Viele Kinder sind emotional vernachlässigt, lernen erst hier Umgangsformen – und Regeln. Wer andere beleidigt oder angreift, wird mit einer gelben Karte verwarnt, wie im Fußball. Passiert es nochmal, gibt es die rote Karte. „Dann darf das Kind erst am nächsten Tag wiederkommen.“

Gemeinsame Aktionen sind sehr wichtig. Die Kinder kochen etwa zusammen, fahren in den Ferien ins Sommercamp, spielen Fußball. Außerdem werden sie sportlich und musisch gefördert. „Die Kinder sollen bei uns ihre Talente herausfinden“, erklärt Breda. Wie der achtjährige Bub, der beim letzten Sommerfest ein ergreifendes Solo sang: „Die Mutter wusste gar nicht, dass ihr Sohn singen kann. Jedes Kind ist einzigartig: Man muss nur seine Stärke herausfinden.“

Sie wollen helfen? Spendenkonto: Die Arche, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ: 10 02 05 00, Kontonr.: 303 01 04. Auch gut erhaltene Spielwaren und Kinderkleidung können in der Arche (Brieger Str. 50, Tel. 089/14 34 23 04) abgegeben werden. Zudem werden ehrenamtliche Helfer gesucht.

Christina Meyer

Hier gibt es täglich ein kostenloses Mittagessen

Jeden Tag bekommen die Kinder ein kostenloses Mittagessen, das von ehrenamtlichen Helfern in der Arche-Küche zubereitet wird. Heute gibt es Putenbraten mit Knödel.

Jeden Tag bekommen die Kinder ein kostenloses Mittagessen, das von ehrenamtlichen Helfern in der Arche-Küche zubereitet wird. Heute gibt es Putenbraten mit Knödel. Marie (8) isst hier fast jeden Tag. Ihre Mutter ist ­alleinerziehend und arbeitet, hat tagsüber nur wenig Zeit. „Viele Kinder kriegen hier die erste Mahlzeit am Tag – bei einigen bleibt es die einzige“, sagt Einrichtungsleiterin Antje Breda. Weil viele muslimische Kinder in die Arche kommen, gibt es kein Schweinefleisch. Viele lernen hier erst das Essen mit Besteck: „Wir zeigen ihnen, wie man mit Messer und Gabel isst. Außerdem müssen die Kinder selbst den Tisch saubermachen.“

Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfeunterricht

In der Arche wird streng darauf geachtet, dass die Kinder ihre Hausaufgaben machen.

In der Arche wird streng darauf geachtet, dass die Kinder ihre Hausaufgaben machen. Nach dem Essen helfen die Betreuer den Kleinen beim Rechnen, Schreiben oder erklären Grammatikregeln. Ange (10) sitzt gerade über seinen Deutsch-Hausaufgaben: Der Viertklässler muss Bindewörter einkreisen und die wörtliche Rede üben. „Viele Kinder lesen zuhause nicht, haben eine geringe Aufmerksamkeitsspanne und sprachlich viele Defizite“, sagt Arche-Leiterin Antje Breda. Intensive Betreuung ist daher wichtig. Auch Nachhilfeunterricht wird in der Arche kostenlos angeboten.

So werden die Kinder gefördert

Immer mittwochs kommt Karin Mayr mit Pudelmischlingsdame Lilli (11) in die Arche.

Immer mittwochs kommt Karin Mayr mit Pudelmischlingsdame Lilli (11) in die Arche. Lilli ist ein Lesehund. Das Projekt der Vereine Streichelbande und Tiere helfen Menschen hilft Kindern mit Leseschwäche, ihre Ängste und Defizite abzubauen, indem sie 20 Minuten lang dem Hund aus einem Buch vorlesen. „Oft trauen sich die Kinder nicht, in der Schule laut zu lesen“, erklärt Antje Breda. Lilli dagegen sitzt geduldig auf dem Boden und schläft höchstens ein. Gerade liest Grundschülerin Mercedes (8) der Hündin aus Ice Age vor: „Ich mag Lilli, weil sie mir so schön zuhört.“

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