Vom Esoterik-Star zum Kinderschänder?

Grusel-Guru Shanti: So kam er zu seinen Millionen

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Schulz soll viele Kinder missbraucht haben – hält sich aber für das Opfer eines Komplotts

München - Wer ist dieser Mann, der bereits mit 13 Jahren als Hilfskoch auf einem Frachtschiff anheuerte, mit esoterischer Musik Millionen scheffelte und als Shanti seine Anhänger so geschickt einlullte, dass sie ihm ihre Kinder ins Bett legten?

Den Blick meist gesenkt, die Hände zu theatralischen Gesten erhoben, um den Hals ein großes Kreuz am roten Band: Da sitzt er also, der personifizierte Märtyrer. Unschuldig natürlich in allen Punkten, das Opfer eines Komplotts. Wenn da nicht die vielen Opfer wären, die nach all den Jahren endlich wagten, ihr Schweigen zu brechen. Vor dem Landgericht München I steht seit Mittwoch der selbsternannte Guru und Musik-Millionär Oliver Schulz (60) alias Oliver Shanti wegen des 314-fachen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Sechs Jahre lang jagte die Polizei diesen Mann, der sich doch noch vor dem Richter verantworten muss. Auch wenn er nun an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist.

Das Porträt eines Rattenfängers

Es soll in Viechtach, in Fischbachau, in München und in Portugal immer noch Leute geben, die fest davon überzeugt sind, dass „der Oliver ein anständiger Mensch“ ist. Die Staatsanwaltschaft München I ist da anderer Ansicht.

Oliver Schulz wuchs in Hamburg auf. Ein eigenwilliges Kind, aggressiv und kaum zu lenken. Mit 14 Jahren hatte der Mini-Smutje schon die halbe Welt umrundet. Er lebte von der Hand in den Mund – als Kellner, DJ, Clubmanager, Musiker. In den 70er-Jahren verschwand er in Indien, wurde Bhagwan-Anhänger, studierte ayurvedische Medizin und fernöstliche Philosophien. In einem alten Gemeindehaus in Viechtach im Bayerischen Wald baute Schulz auf dem Höhepunkt der Flower-Power-Zeit seine Hippie-Kommune auf – die Sattva-Sekte.

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Shanti und seine Anhänger kifften sich um den Verstand und waren permanent auf dem Selbstfindungs-Trip. Schon damals waren ständig Kinder im Haus. Schon damals soll es erste Übergriffe gegeben haben. Nach diversen Drogen-Razzien wanderte die Kommune ab – zunächst nach München. Am Stachus sprach Oliver Shanti nach Zeugenaussagen zwei Knaben an, die er in die Sekten-Wohnung in der Herzogspitalstraße lockte. Dort soll er beide missbraucht haben. Auch in München wurde die Polizei bald auf ihn aufmerksam. Nach einer Zwischenstation in Fischbachau im idyllischen Leitzachtal verließ die Sekte Deutschland. Ihr neues Ziel: Portugal. Schulz nannte sich mittlerweile Oliver Shanti und war mit seiner New World Age Music ein Popstar der Esoterikszene. Er selbst beherrschte kein Instrument richtig, hatte aber gute Musiker. Die Tantiemen jedoch kassierte er allein.

Aus dem schlanken Charismatiker war mittlerweile ein extrem korpulenter, ständig schwitzender und schwerreicher 150-Kilo-Mann geworden, der mit seiner Aura immer noch Menschen berührte – vor allem aber kleine Kinder. Die sollen gezielt von ihren Eltern räumlich getrennt und von Shanti persönlich „spirituell erleuchtet“ worden sein – wie er das nannte. Was rings um den gut bewachten feudalen Shanti-Landsitz Quinta San Jose am Rand der Kleinstadt Vila Nova de Cerveira an der Costa Verde nördlich von Porto geschah – das haben Münchner Journalisten schon vor Jahren dort recherchiert. In Cerveira ist Shanti nämlich eine ganz große Nummer: Wenn der Bürgermeister der Kleinstadt aus dem Fenster schaut, sieht er einen großen Bronzehirsch – eine großzügige Stiftung der Sattva-Sekte vom Flohmarkt. Der Feuerwehr-Fuhrpark besteht aus (uralten) deutschen Rettungsfahrzeugen – ebenfalls eine Spende des hochverehrten „Wohltäters“ von Cerveira. Auch das Haus des Polizeichefs solle eine Spende der Sattva-Sekte sein. Außerdem fanden viele Bürger Arbeit auf der Quinta Dan Jose.

Wer so viel Gutes tut, hat natürlich viele Freunde. Und so kam es, dass der seit 2002 mit Haftbefehl gesuchte Kinderschänder immer wieder gerade dann rechtzeitig über den Grenzfluss Minho nach Spanien verschwand, wenn die Polizei höflich ans Tor klopfte. Dann fanden die Behörden dort nur noch erstaunte Anhänger, bis zu 400 Papageien und die Hunde vor – eine weitere, extrem teure Liebhaberei des Sattva-Chefs. Sechs Jahre lang konnte Schulz so immer wieder der Polizei entkommen.

Ende Juni 2008 jedoch erkannte ihn ein Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Lissabon. Beim Verlassen des Gebäudes wurde er verhaftet. Keinen Tag zu früh. Schulz war offenbar im Begriff, sich nach Brasilien abzusetzen. Auf ein Geständnis können seine Opfer nicht hoffen. Er habe nur Interesse an jungen Männern im Alter von 17 bis 20 Jahren gehabt. Und fügte hinzu: „Ich habe Kinder sehr lieb. Und die Kinder lieben mich.“ Schulz hält sich für das Opfer eines Komplotts neidischer Weggefährten. Er müsse „durch ein Meer von Lügen schwimmen“. Nach den Leiden der Opfer fragt er nicht. Die schwimmen nämlich auch – durch ein Meer von Tränen.

Dorita Plange 

Die Bilder vom Prozessauftakt

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Eltern überließen ihm Kinder bedenkenlos

Bei Frauen hatte Oliver Schulz immer großen Zuspruch. Bereits in der Viechtacher Zeit zog er reihenweise alleinerziehende Mütter und sogar ganze Familien an, die ihm ihre Kinder bedenkenlos überließen. Sein ehemals engster Begleiter berichtete der Polizei später voller Abscheu: „Viele Kinder wuchsen sogar ohne ihre Eltern bei ihm auf.“ Ein Bub, der sich weigerte, mit Männern zu schlafen, wurde in der prallen Sonne in einen Wohnwagen gesperrt – ohne Essen und Trinken, einen ganzen Tag lang. ´

Auch Sektenkind Thomas (Name geändert) – er ist mittlerweile 27 Jahre alt – geriet im Alter von acht Jahren in die Fänge des Gurus. Damals hauste Oliver Schulz mit 25 „Jüngern“ in München in der Herzogspitalstraße. Dem Bayerischen Fernsehen erzählte Thomas bereits im Jahr 2005, wie Shanti ihn missbrauchte. Der Guru erkaufte sich das Schweigen des Kindes mit einem Hamster. Thomas hat sein Leben – wie viele andere Sektenkinder – später nur mit Mühe in den Griff bekommen.

Die Anklage gegen Shanti umfasst 314 erwiesene Missbrauchsfälle an vier Buben und zwei Mädchen, die ihm teilweise über Wochen ausgeliefert waren und ihm für seine sexuellen Wünsche zur Verfügung stehen mussten. Möglicherweise ist dies nur die Spitze eine gigantischen Eisberges.

Ein Opfer schilderte: „Er ist dann so gegen zwei Uhr ins Zimmer gekommen, hat sich zu mir hingelegt. Dann hat er begonnen, mich zu streicheln. Zuerst an den Füßen, dann hat er meine Penis genommen. Ich habe dann bei ihm spielen müssen. Das ist etwa eine halbe oder eine Stunde so gegangen.“

dop.

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