Münchner Prostituierte packt aus

Annabell (48): Zur Wiesn gibt's keine Tabus

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Annabell (48) arbeitet seit acht Jahren als Münchner Liebesdame.

München - Gaudi mit Freunden, Genuss und Familienspaß: Das ist die eine Seite der Wiesn. Die Prostituierte Annabell kennt die andere Seite: besoffene Männer, die zudringlich werden und pöbeln.

Arbeiten auf zwölf Quadratmetern, hinter roten Vorhängen, mit fremden Männern, die nur ihren Körper wollen: Das ist seit acht Jahren die Welt von Annabell (48). In der tz erzählt sie (Annabell: So hart ist das Leben als Hure) aus ihrem Leben als Münchner Hure – ein Leben, das immer schwieriger wird, weil Freier pöbeln, weil Huren nicht mehr verhüten und weil der Verdienst schmilzt. Lesen Sie heute im zweiten Teil des großen Rotlicht-Reports: Wie die Geschäfte auf der Wiesn laufen, Annabells schlimmste Erlebnisse als Hure, was ihre Familie sagt – und wie sie ihre Zukunft plant.

"Versuche zur Wiesn so wenig wie möglich zu arbeiten"

Gaudi mit Freunden, Genuss und Familienspaß: Das ist die eine Seite der Wiesn. Die Seite, die wir alle lieben. Annabell kennt die andere Seite: besoffene Männer, die zudringlich werden und pöbeln. Die sich nicht benehmen wollen und nicht beherrschen können.

„Genau wegen solcher Gäste ist meine Arbeit während der Wiesn besonders anstrengend und manchmal nicht mehr auszuhalten“, sagt Annabell. „Wegen der Besoffenen versuche ich zur Wiesn so wenig wie möglich zu arbeiten. Tagsüber habe ich meine Stammgäste, am Abend bin ich fast gar nicht mehr da. Meist gehe ich schon um 20 Uhr heim.“ Früher habe sie zur Wiesn auch nachts gearbeitet. „Ohne Bodyguard ging das gar nicht mehr – wenn ich keinen Aufpasser gehabt hätte, hätten die Besoffenen uns die Bude auseinandergenommen und das Zimmer vollgekotzt. Die Freier verlangen zur Wiesn viele perverse oder kranke Aktionen – denn besoffen trauen die sich das. Da sind sie völlig enthemmt.“

Auch andere Huren hatten Probleme, berichtet Annabell. „Einige Kolleginnen wurden von Wiesn-Freiern sogar beklaut. Nach dem Sex fehlte ihnen Bargeld und Schmuck.“

Auch Pöbeleien und Gewalt erleben die Prostituierten. „Viele Gäste kommen schon aggressiv zur Tür rein. Wenn du nicht sofort machst, was sie wollen, schubsen sie dich zur Seite. Sie hauen dir eine runter und beschimpfen dich als dreckige Schlampe. Manchmal sind die Männer noch gar nicht volljährig“, sagt Annabell. Auch Gäste aus dem Ausland benähmen sich häufig daneben. „Die Italiener sind schlimm, die kommen am mittleren Wochenende in Horden. Aber die anderen sind auch nicht besser: Engländer, Franzosen, Chinesen – die drehen alle durch. Am aggressivsten sind aber die Deutschen. Ich lasse mir nichts mehr gefallen und sage von Anfang an, was mir nicht passt.“ Zum Beispiel: „Wenn ein Freier bei mir klingelt und mich schon am Busen oder zwischen den Beinen anfassen will, wenn wir noch gar nicht über den Preis gesprochen haben – den schmeiß ich raus. Manchmal kommen Leute rein, die furchtbar stinken. Die schicke ich zum Duschen. Und wenn sie das nicht wollen, schmeiße ich sie raus.“

So hart ist die Rotlicht-Branche

Gerade zur Wiesn ist die Konkurrenz unter den Prostituierten sehr groß. Schätzungen zufolge kommen 3000 Frauen zusätzlich in die Stadt – meist aus Osteuropa. „Sie alle wollen schnelles Geld“, sagt Annabell. „Einige Mädchen bieten Oralverkehr ohne Gummi für 30 Euro an, andere machen ungeschützten Sex für 40 Euro, das ganze Programm. Das geht gar nicht!“ Ein Grund dafür: „Der Druck als Hure ist enorm. Es kommt vor, dass ich auch mal drei Tage keine Freier habe. Dann verdiene ich natürlich auch nichts, sondern zahle drauf wegen der hohen Mietkosten für mein Zimmer“, sagt Annabell. Besonders schlimm: „Es ist kein Geheimnis, dass einige Mädels während der Arbeit unter Drogen stehen oder trinken, das ist leider relativ normal.“

Auch Streit unter Prostituierten komme häufig vor: „Oft geht es darum, dass eine keine Kondome verwendet. Da platzt mir der Kragen. Wenn ich so was in einem Club mitkriege, in dem ich arbeite, knöpfe ich mir die Dame vor und wasche ihr den Kopf. So etwas klären wir Huren untereinander.“ Aber auch die Polizei hat ein Auge aufs Milieu: „Alle vier Wochen schauen Beamte der Sitte vorbei.“

Ihre schlimmsten Erlebnisse

„Ein Freier hat versucht, mich zu vergewaltigen. Wir Huren sprechen von einem Übergriff. Es passierte während einer erotischen Massage. Er packte mich und wollte mich auf die Bank drücken, aber er hat es nicht geschafft. Ich habe laut geschrien und mich gewehrt. Dann sind die anderen Mädels zu Hilfe gekommen und haben die Polizei gerufen“, sagt Annabell.

Früher war sie Leistungssportlerin im Bodenturnen und lernte Kampfsport. „Ich weiß mich zu wehren, auch wenn ich schmal ausschaue.“ Auch im Alltag gibt es für die Huren oft Scherereien: „Kürzlich wollte ein Kunde beim Sex dann noch oral mit dem Mund befriedigt werden – aber ohne Kondom. Wie blöd kann man sein? Solche Männer riskieren ihre Gesundheit – und die der Huren.“

Ein anderes Erlebnis: „Pervers fand ich auch, als ein Freier Doggystyle wollte, also Sex von hinten. Aber er wollte seinen Schäferhund mitbringen – das Tier sollte der aktive Part sein und das Herrchen dabei zuschauen. Ich musste schon viele Gäste rausschmeißen, weil sie sich danebenbenommen haben oder dominant waren. Die jungen Mädels lassen sich fast alles gefallen, aber ich nicht.“

thi

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