tz-Serie zum Ende des Zweiten Weltkriegs

Bürokratie bis zur letzten Patrone

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Klaus Reindl mit der letzten Zeitung des Nazireichs.

München - Die Bürokratie des Nazi-Apparats hat bis zum Schluss funktioniert. Ein Beispiel ist der Schriftverkehr, den die Sendlinger Wäscherei Reindl bis zum 30. April 1945, dem Tag des Einmarsches der Amerikaner in München, mit den NS-Behörden führte.

Die Wäscherei der Reindls an der Lipowskystraße vor dem Krieg.

Klaus Reindls (82) Eltern betrieben an der Lipowskystraße (Sendling) eine Wäscherei, die bei einem Bombenangriff am 27. November 1944 schwer beschädigt wurde. Beim dazugehörigen Wohnhaus brannte das Dachgeschoss mit dem schönen Giebel aus dem 19. Jahrhundert ab. Das Haus wurde mit Dachpappe provisorisch gedeckt. Am 22. April 1945 bekam Reindls Vater Andreas Post vom Rathaus der „Hauptstadt der Bewegung“.

Nach dem Bombenangriff von 1944 bekam das Haus ein Notdach aus Teerpappe

Das „Dezernat 7“ genehmigte 17 000 Reichsmark für die Reparatur der Schäden der elterlichen Wäscherei – für 4000 Mauerziegel, 410 Quadratmeter Dachpappe, 3946 Kilo Sand und 525 Kilo Löschkalk. Reindl: „Gesehen haben wir das Geld natürlich nie.“ Auch die Rechnungen, die seine Mutter noch am 30. April an die Luftwaffe schickte, blieben unbezahlt. Denn die Reindls wuschen Uniformen für die Piloten und das Bodenpersonal in Memmingen und Kaufbeuren.

Die Arbeit erledigten Kriegsgefangene – und der kleine Klaus, der am 8. April von der Kinderlandverschickung in Garmisch-Partenkirchen nach Hause gekommen war. „Der Zug konnte nur bis zur Hauptwerkstätte, heute die S-Bahn-Station Donnersbergerbrücke fahren, da der Hauptbahnhof weitgehend zerstört war“, erinnert sich Reindl.

„Wenn nun Fliegeralarm ertönte, saßen zusammen mit uns Deutschen auch französische Kriegsgefangene und deportierte ukrainische Mädchen im Luftschutzkeller. Und alle hatten wir Angst vor den amerikanischen Bomben.“ Durch die tägliche Zusammenarbeit in dem familiär geprägten Mittelstandsbetrieb sei ein über die Grenzen von Freund und Feind hinausgehendes vertrautes Miteinander enstanden. Reindl sagt über die Kriegsgefangenen: „Sie erhielten den gleichen Lohn und die gleiche Urlaubszeit seitens des Betriebes entsprechend den Jahren ihrer Betriebszugehörigkeit.“

Johannes Welte

Heute vor 70 Jahren

München: Es ist ein kalter Morgen in München, es hatte nachts gefroren und geschneit. Im Verlauf des Tages klettert das Thermometer auf elf Grad.

Von 2.30 Uhr bis 0.15 Uhr ist Fliegeralarm, es erfolgt aber kein Angriff. In der Stadt machen Gerüchte die Runde, dass München zur „Festung“ erklärt und bis aufs Äußerste verteidigt werden soll. Auf Befehl Hitlers sollen Heeresverbände, Waffen-SS, Flakeinheiten und Volkssturm in München zusammengezogen werden. Die Amerikaner werfen Flugblätter ab, die an die „Männer und Frauen von München“ gerichtet sind und vor Widerstand gegen ihre anrückenden Truppen warnen. „Mut gefaßt und gehandelt“, mahnen die Alliierten zur Auflehnung gegen das Nazi-Regime.

Bayern: Der Gauleiter der bayerischen Ostmark, Ludwig Ruckdeschel, fordert in einer fanatischen Rede im Velodrom von Regensburg die Verteidigung der Stadt „bis zum letzten Stein“. Während einer Kundgebung aufgebrachter Regensburger für eine kampflose Übergabe wird Domprediger Johann Meier verhaftet, vor ein Standgericht gebracht und am gleichen Tag wegen Sabotage zum Tode verurteilt. Die US-Army dringt in Dillingen mit Panzern über die unvollständig zerstörte Brücke auf das Südufer der Donau vor. Die Sprengung misslingt, angeblich weil Saboteure das italienische Dynamit mit Magermilch unbrauchbar machten und die GIs die Zündschnüre durchschnitten.

Welt: Hitler erleidet einen Nervenkollaps, als SS-Obergruppenführer Felix Steiner den befohlenen Entsatzangriff um Berlin als undurchführbar verweigert. Die französische Armee besetzt Stuttgart und dringt bis Vorarlberg vor. Der alliierte Oberbefehlshaber, US-General Dwight D. Eisenhower, benachrichtigt das sowjetische Oberkommando, dass er seine Armeen an der Elbe und an der Westgrenze der Tschechoslowakei „aus Gründen des Nachschubs“ anhalten werde.

In Moritzburg bei Dresden stirbt die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz mit 77 Jahren.

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