Ring-Serie: Fünf neue Geschichten

Diese Arbeit ist unterirdisch

München - In der Serie zum Mittleren Ring erzählt die tz Geschichten rund um die wichtigste Straße der Stadt. Heute geht es um den Luise-Kiesselbach-Platz und die dortige Baustelle.

Kleine Gäste-Burg

Die Pension Mainburg an der Mainburger Straße 62. Eigentümer Wilhelm Staybl vermietet zwölf Zimmer in seinem rosafarbenen Häuschen mit Blick auf den Mittleren Ring an der Heckenstallerstraße/Luise-Kiesselbach-Platz

Wilhelm Staybl steht am Balkon im ersten Stock, hinten rumpelt ein Kipplaster vorbei, vorne verschläft ein Autofahrer die Grünphase. Hup, hup, hurra! Staybl fällt das nicht auf, er kennt es nicht anders. „Mit dem Mittleren Ring lebe ich ja, seit ich hier bin.“ Seit fast einem Vierteljahrhundert, als Eigentümer der Pension Mainburg. Wilhelm Staybl ist 65 und Oberösterreicher, früher war er mal Gastwirt in Neuried und Fürstenried. 1989 kaufte er die Mainburg, eine Frühstückpension. Garni, aber wie. Staybl hat zwölf Zimmer, seine Gäste sind bunt gemischt, viele sind berufshalber hier. Handwerker auf Arbeit in der Stadt, Firmenangestellter auf Fortbildung, Taxler auf Schulung. Der Frühstücksraum liegt im Keller, die Semmeln sind immer üppig belegt, sie lassen bei den Gästen das Herz höher schlagen. Auch bei den Kardiologen, die hier unlängst wohnten, für ein Seminar in Großhadern.

Die Zimmer kosten 55 bis 75 Euro. Der Zimmerpreis ist niedriger als draußen die Dezibelzahl. Neulich wohnten Samurai hier. Ein Verein aus Berlin. Die Ausbildung von Samurai ist harter Drill. Barfuß durch Schnee laufen, gefesselt schwimmen, Schmerzerfahrung. Solche Sachen. Vielleicht war das hier ja der schwierigste Prüfungsteil: am Ring schlafen.

Das Sprungbett in eine selbstständige Zukunft

Ergotherapeutin Hannah Strachwitz, Hauswirtschaftsschülerin Dilara Ercan und Sonderschullehrer Armin Parzl im ICP

Dilara ist sehr stolz. Seit einiger Zeit kommt sie mit dem MVV hierher. Von daheim in Aubing zur Fortbildung in die Garmischer Straße 241. Bus und S-Bahn, zweimal umsteigen. Morgens hin, abends zurück. Lange hat sie geübt, früher fuhr sie mit dem Taxi, jetzt schafft sie es alleine. Dilara Ercan ist 18. Dilara leidet unter infantiler Cerebralparese. Früher hätte man gesagt, sie ist Spastikerin. Dilara sagt: „Das hier ist mein zweites Zuhause.“ Das hier, das ist das Integrationszentrum für Cerebralparesen (ICP). 1956 gegründet als Spastikerzentrum entstand 2004 ein moderner Neubau. Das ICP, eine bundesweit einmalige Einrichtung für 450 Kinder und Jugendliche mit ganzheitlicher Förderung und ärztlicher Betreuung.

Das Angebot geht von der Kinderkrippe über Grundschule, Förderschule, Tagesstätte und Wohnheim bis zum integrierten Berufsbildungswerk. Dilara macht gerade ihre Ausbildung in Hauswirtschaft. „Ziel ist es, dass wir den Jugendlichen helfen, eine selbstbestimmte und lebenswerte Zukunft aufzubauen“, sagt Hannah Strachwitz (34), Leiterin der Ergotherapie. Das ICP bietet auch psychologische Betreuung an – für Eltern, die mit der Situation mit einem behinderten Kind überfordert sind. Der Name der hauseigenen Kinderkrippe könnte übrigens nicht schöner sein. Sie heißt Kleeblatt. Auf dass die Zeit hier ein Glücksbringer fürs ganze Leben sein möge. Für Menschen wie Dilara.

Mit Fernsicht & Tunnelblick

Richard Haberzettl, Kurt Rosemann, Betreuerin Bärbel Günther und das Ehepaar Marianne und Gustav Lindner (v. li.)

Am begehrtesten sind die Zimmer ganz oben. Dritter Stock. Südseite. Da sieht man nämlich bei Fernsicht die Berge. Weit hinter Sendling, Solln und Fürstenried. Und wenn nicht, dann haben sie ja immer noch den Ring vor dem Fenster. Das wogende Wuseln und Werkeln bei der Tunnel-Baustelle. Das schauen sie sich auch gerne an. „Da rührt sich was“, sagt Richard Haberzettl (73), einer von 350 Bewohnern des Altenheims St. Josef.

Im April war 85. Geburtstag, nicht nur von einigen Senioren hier, sondern auch vom Heim selbst, dem markanten Gebäude mit den Doppeltürmen. Entworfen damals von Stadtbaurat Hans Grässel, Baukosten 5,014 Millionen Reichsmark. Grässel baute das Altersheim im Stile einer neobarocken Klosteranlage. Richtige Mönche in echten Klostern freilich lebten in luxuriösem Saus und Braus, verglichen mit den Zuständen zu Beginn hier, wo sich anfangs sechs Bewohner ein Zimmer teilten. 1974 modernisiert ist das Haus nun eines der zwölf Heime der Münchenstift, dem großen Senioren-Dienstleister der Stadt.

Haberzettl lebte früher in der Isarvorstadt. Er sagt: „Zuerst wollt’ ich nicht weg von daheim, aber schöner hätt’ ich es nicht erwischen können.“ Wegen der guten Gemeinschaft im Haus, dem täglichen Treff etwa mit seinen Freunden Kurt Rosemann (88) und dem Ehepaar Marianne (82) und Gustav Lindner (90) auf der Terrasse hinterm Haus im Grünen bei Kaffee und Kuchen. Und wegen des Blicks natürlich. 2015 ist der Tunnel fertig. Schlechte Aussichten. Nicht, dass es den Senioren am Ende noch zu ruhig wird hier.

Stahl, Gruber, Gummi

Martin Kiechl wurde schon oft gefragt, was hier eigentlich so passiert. In diesem schnittigen Gebäude, vom Münchner Architekten Bernhard Peck entworfen und 1997 erbaut, Heckenstaller/Ecke Murnauer . „Manche meinen, wir sind ein Altersheim oder eine Galerie“, sagt der 50-jährige Leiter der Stahlgruber-Stiftung. Dabei ist die Stiftung ein Schulungs- und Förderungsbetrieb für Kfz- und Vulkaniseurhandwerk. Vulkanisation, da geht es um Gummi. Reifenreparatur.

Martin Kiechl ist der Leiter der Stahlgruber-Stiftung, einem Schulungsbetrieb für das Kfz- und Vulkanisationshandwerk. Hier werden jährlich rund 2000 Handwerker aus dem In- und Ausland weitergebildet

Die Brüder Willy und Otto Gruber, Gründer des Stahlgruber-Imperiums für Kfz-Ersatzteile – sie wollten über ihren Tod hinaus ihr Geld im Betrieb halten. Die Brüder starben 1966 und 1969, vermachten ihr Vermögen (23 Millionen Mark) als unkündbares Darlehen der Stadt München für eine Stiftung. Mit einer Verzinsung von sechs Prozent im Jahr, rund 710 000 Euro. Das Geld fließt in die Weiterbildung für jährlich rund 2000 Nachwuchs-Handwerker aus dem In- und Ausland, die hier 35 Schulungen besuchen und einen Zuschuss bekommen. Wer sich etwa in 80 Unterrichtsstunden zum Sachverständigen im Reifenmechanikerhandwerk (Kurskosten: 900 Euro) fortbilden möchte, zahlt 400 Euro selbst, den Rest legt die Stiftung drauf.

Die Kursdauer ist unterschiedlich: vom Reifendruckkontrollservice (sechs Stunden), über Motormanagement und Diagnose bei Ottomotoren (38 Stunden) bis hin zur Kfz-Meistervorbereitung (820 Stunden). Für Kursbesucher von weiter her gibt es 75 Appartements zum Wohnen (jährlich 13 000 Übernachtungen). Manche bleiben dann lange auf, sagt Kiechl. „Einige schauen in der Nacht fasziniert durch die große Glasfront stundenlang hinaus auf den Mittleren Ring.“ Auch eine Fortbildungsmaßnahme. Kostenlos sogar. Da sehen sie, wie die Autos Gummi geben.

Dieses Arbeit ist echt unterirdisch

Nur zwei Jahre noch, dann ist das Lebenswerk von Johann Wittmann vollbracht. Seine Arbeit ist seit 17 Jahren zwar so richtig unterirdisch, das muss sie aber auch sein. Beim städtischen Projektleiter der drei Tunnel im Norden, Osten und hier im Südwesten. Der Ring, Wittmanns Tunnel-Trilogie.

Die Oberaufsicht im Untergrund: Projektleiter Johann Wittmann

1996, nach dem Bürger-entscheid der Münchner, fing er oben am Petueltunnel an. Johann Wittmann, Baureferat, Abteilung Ingenieurbau. Später hatte er die Oberaufsicht an der Richard-Strauss-Straße und nun beim letzten und längsten Tunnel. Mit den 1,5 Kilometern zwischen A 96 und A 95, gleich gefolgt von weiteren 620 Metern in der Heckenstallerstraße und einem nach oben offenen Trog Richtung Osten, 400 Meter lang. 600 000 Kubikmeter Erdreich mussten sie hier ausheben, das ist das Volumen von 240 Olympischen Schwimmbecken. Ein Projekt, mit knapp 400 Millionen Euro das teuerste Drittel des Tunnel-Trios, fertig ist es 2015. Pünktlich, sagt Wittmann, eher sogar noch früher als später. 2015 ist Wittmann 63. Zwei Jahrzehnte hat er dann buddeln lassen, den Bau eines weiteres Ring-Tunnels, so er denn wo auch immer kommt, wird er nicht mehr leiten. Dann kann er bald den Ruhestand genießen, etwa beim Spaziergang durch den 570 Meter langen Heckenstallerpark über dem Tunnel. Dann ist Zeit für viele neue Dinge. Dann kann er ihn endlich ablegen, seinen Tunnelblick.

Lesen Sie auch:

Geschichten 1 bis 5: Er ist Herr der Röhre - Fünf Ring-Geschichten

Geschichten 6 bis 10: Ex-Löwen-Spieler wohnt seit 67 Jahren am Ring

Geschichten 11-15: Feiern über den Dächern der Stadt

Geschichten 16-20: Hier stand einst ein Swingerclub

Geschichten 21-25: Vor ihrem Fenster kracht's ständig

Rubriklistenbild: © Judith Haeusler

Auch interessant

Meistgelesen

So nahm die Münchner Polizei den Einbrecher-Clan hoch
So nahm die Münchner Polizei den Einbrecher-Clan hoch
Neue Großmarkthalle wird 40 Millionen teurer
Neue Großmarkthalle wird 40 Millionen teurer
Bewährung für Todes-Schubser, Haft für Maxvorstadt-Schützen
Bewährung für Todes-Schubser, Haft für Maxvorstadt-Schützen
Jetzt bestätigt: Dieser Flagship-Store kommt bald in die Innenstadt
Jetzt bestätigt: Dieser Flagship-Store kommt bald in die Innenstadt

Kommentare