Ring-Serie: Fünf neue Geschichten

Vor ihrem Fenster kracht's ständig

München - In der Serie zum Mittleren Ring erzählt die tz Geschichten rund um die wichtigste Straße der Stadt. Heute geht es auf der Bundesstraße 2R im Süden über die Isar bis nach Sendling.

Münchner Leuchten

Der Hauptfirmensitz zieht von der Hellabrunner Straße ins m.pire-Gebäude im Norden. Dort können Daniela Albrecht und Kollegen dann die spektakuläre Aussicht genießen

Osram ist Geschichte, im Süden Münchens. In zweifacher Hinsicht. An der Säbener Straße nach dem Abschied von Jupp Heynckes, dem Erfolgstrainer des FC Bayern, den sie jahrelang Osram nannten, weil sein Kopf früher immer so leuchtete wie eine Glühbirne, wenn er sich aufregte. Und auch an der Hellabrunner Straße gehen bald die Lichter aus. In dem sechsgeschossigen kubischen Stahlskelettbau, viereinhalb Jahrzehnte lang der Hauptfirmensitz des Leuchtmittelkonzerns. „Mit den Jahren wurde das Gebäude für uns einfach zu klein“, sagt Daniela Albrecht, die 43-jährige Immobilien-Verantwortliche des Konzerns mit weltweit 39 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 5,4 Milliarden Euro. „Also mussten wir uns einen neuen Standort suchen.“ Den fand Frau Albrecht dann auch. Genau gegenüber, den halben Ring weiter.

Der Hauptfirmensitz zieht von der Hellabrunner Straße ins m.pire-Gebäude im Norden. Dort können Daniela Albrecht und Kollegen dann die spektakuläre Aussicht genießen

Ein wenig nördlich vom Ring, im 84 Meter hohen und von Stararchitekt Helmut Jahn entworfenen m.pire-Gebäude an der Domagkstraße, gut zu erkennen am eigenwilligen Vordach. Beeindruckend präsentiert sich allein schon der Eingangsbereich, ein großer weißer Würfel mit spektakulären Lichtspielen, der an einen musealen Ausstellungsraum erinnert. „Hier wollen wir das Licht erlebbar machen“, sagt Albrecht. Helle, lichte Büroräume für 1200 Mitarbeiter auf insgesamt 28 000 Quadratmetern, große Fensterfronten mit einer Cafeteria ganz oben im 20. Stock. Hier leuchtet München. Im Hintergrund sehen sie die Berge. Und ganz in der Nähe den Ring. Nur jetzt von der anderen Seite.

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Im Zimtschneckentempo

Konditorin Miriam Raab mit backfrischen Zimtschnecken

Waren Sie auch beim Kocherlball? Letzten Sonntag am Chinaturm? Ja? Dann haben Sie bestimmt auch bei den feinen Zimtschnecken zugeschlagen. Die kamen um sechs in der Früh. Ganz frisch. Direkt von hier. Aus der Chiemgaustraße 81, dem Cafe Fräulein, auch genannt Zimtschneckenfabrik. Ach, wie süß.

Dabei ist Fabrik völlig falsch, Zimtschneckenmanufaktur wäre besser. Denn im Laden von Inhaber Thomas Zwink ist alles handgemacht. Kuchen und Strudel, Torten und Tartes, und natürlich die bis zu 800 Zimtschnecken, die Konditorin Miriam Raab (26) und ihr Team täglich in der Obergiesinger Backwerkstatt in den Ofen schieben. Backe backe Schnecken.

Meist herrscht Hochbetrieb, von wegen Zimtschneckentempo, Pustekuchen. Geliefert wird an die zwei anderen Fräulein-Filialen am Viktualienmarkt und am Stachus, hier vor Ort geht die Zimtschnecke aber noch billiger her. In der Stadt kostet sie 1,80 Euro, hier nur 1,40. Quasi im günstigen Fabrikverkauf. Einmal am Ring rechts ranfahren, es lohnt sich.

Auf der Überholspur sind Zwinks Zimtschnecken mittlerweile auch in vielen Biergärten. Dort machen sie einer anderen klassischen Spezialität mächtig Konkurrenz, die bisher fast eine Monopolstellung bei den Süßwaren hatte, der Auszognen. Die darf sich jetzt warm anziehen.

Aufpasser im Großraum

Vor der PI23 an der Ecke Chiemgau-/Tegernseer Landstraße kracht's ständig. Dienststellenleiter Ludwig Schmöller (re.) und seine Kollegen haben hier stadtweit die meisten Einwohner in ihrem Zuständigkeitsbereich

Wenn’s vor dem Fenster mal wieder kracht, haben sie’s wenigstens nicht weit, Ludwig Schmöller und seine Beamten. Einer der Unfallschwerpunkte am Mittleren Ring liegt direkt bei ihnen vorm Eckhaus, vor der Polizeiinspektion 23. Die Abbiegung der Chiemgau-straße nach rechts in die Tegernseer Landstraße, ein Ort mit hohem Blechschadenpotenzial. „Nur weil sie am Mittleren Ring fahren“, sagt Dienststellenleiter Schmöller, „meinen viele, sie hätten Vorfahrt.“ Haben sie aber nicht.

Von allen Münchner Polizeiinspektionen hat die PI23 einen der größten Zuständigkeitsbereiche und den mit den meisten Einwohnern. Gut 113 000 Menschen leben auf den 15,4 Quadratkilometern, von der einfachen Wohngegend im Westen Ramersdorfs über Unter- und Obergiesing bis tief in den betuchten Süden zum Stadtrand Großhesselohe. „Da liegen verschiedene Welten in unserem Einsatzgebiet“, sagt Schmöller. Und verschiedene Delikte, je nach Viertel. In Harlaching etwa gibt es eine höhere Einbruchrate als in Ramersdorf. In Harlaching gibt es auch mehr zu holen.

Nicht nur Menschen leben hier, im Gebiet liegt auch der Tierpark, und weiter oben an der Grünwalder Straße sind die Löwen. Der TSV 1860, dessen Trainingsplatz ebenso zum Inspektionsbereich gehört wie der des FC Bayern in der Säbener Straße und das Grünwalder Stadion, wo es am 6. August zum Derby der Regionalliga-Teams kommt. Da heißt es aufpassen. Zwischen Bayern und Sechzgern geht’s ja manchmal zu wie vorm Haus am Ring. Da kracht’s auch oft.

Die Insel im Meer der Autos

Die Gräben werden immer tiefer zwischen der Kirche und der Gläubigen. Die Arbeiten für die Tieferlegung der Heckenstallerstraße fordern Opfer, die alte Fußgängerbrücke über den Ring haben sie vor drei Jahren abgerissen. Nun müssen die Menschen aus dem Süden Sendlings über die Baustelle pilgern, wenn sie ihre Pfarrei erreichen wollen.

St. Thomas Morus, die Kirche, die erst nach dem Ring kam.

Kirchenpfleger Herbert Meilinger im Kirchenschiff von St. Thomas Morus. Das katholische Gotteshaus an der Heckenstallerstraße wurde 1965 gebaut

Erbaut wurde das Gotteshaus nach den Plänen von Architekt Karl Jantsch 1965, drei Jahre nach Eröffnung der Heckenstallerstraße. Nachbar Herbert Meilinger kann sich gut erinnern, er ist ein Kind Mittersendlings und heute Kirchenpfleger. Er ist 59, wohnt in der Heckenstaller 123. Schräg gegenüber. Beim Richtfest der Kirche war er zwölf Jahre alt, das war im Juni 1966, kurz vor der Fußball-WM in England. An den englischen Namenspatron Thomas Morus erinnert das geschwungene Dach, es soll ein Schiff darstellen. Wegen England als Insel im Meer.

Der Hauptraum der Kirche ist schlicht und modern. Meilinger sagt, dass Franz Josef Strauß auch oft da war. Strauß lebte ab 1969 mit seiner Familie nebenan im Gemeindegebiet. Inzwischen bildet Thomas Morus einen Kirchenverband zusammen mit St. Achaz, kurz vor der Plinganserstraße. 2015 sind Tunnel und Fahrbahntrog an der Heckenstaller fertig. Dann können sie hier Hosianna singen. Im Sendlinger Schiff, am Ring vor Anker. Und auch vor Meilingers Haus ist die Baustelle dann weg. Er wird drei Kreuzzeichen schlagen.

Mit Bergblick auf dem Tunnel

Das Ehepaar Kunz auf seinem Balkon: Im Hintergrund das Heizkraftwerk Süd

Traumhaft, der Bergblick bei Fernsicht vom Balkon. Das Alpen-Panorama und direkt stangerlgrad im Süden die Benediktenwand. Einer von mehr als 1000 Gipfeln, die Peter Kunz (74) und seine Frau Heide (73) schon bestiegen haben. Das passionierte Bergsteiger-Ehepaar, das täglich gut im Training steht. Mit den 90 Stufen im Treppenhaus, hoch hinauf zu ihrer Wohnung. Schäftlarn-/Ecke Brudermühlstraße. Direkt am Ring.

Laut ist es hier nur noch selten. Wenn, dann bei Ostwind, wenn der Lärm von der Isarbrücke bläst, von den Autos, kurz bevor sie in den Tunnel fahren.

2014 werden es 50 Jahre, dass die beiden in München leben. Peter Kunz kam der Arbeit wegen aus Frankfurt hierher, er war Ingenieur bei Siemens. Sieben Jahre lebten er und Heide in der Isartalstraße, dann wurde das Wohnhaus abgerissen, als Ersatz bekamen sie diese Wohnung angeboten. „Wir waren jung“, sagt Peter Kunz, „da denkst du nicht dran, ob das Drumherum stört, ob es hier laut ist.“ Das merkten sie dann aber recht bald, als sie 1971 hier einzogen. Denn der Mittlere Ring führte hier bis zum Tunnelbau 1988 über eine Hochbrücke, direkt unter dem Fenster. So fuhren die Laster fast am Schlafzimmer vorbei. Angenehme Nachtruhe.

Zum Glück kam der Brudermühltunnel – und damit die Optimierung der Wohnlage. „Besser könnte es nicht sein“, sagt Heide Kunz. „Wir gehen aus der Tür und sind im Grünen. Englischer Garten, Flaucher, Tierpark, alles gut erreichbar, ohne dass wir durch die Stadt müssen. Der Freizeitwert ist extrem hoch.“ Und die Ruhe auch. Der Wind kam an diesem Tag aus Westen.

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Historische Fotos: So sah der Mittlere Ring früher aus

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Rubriklistenbild: © Judith Häusler

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