tz-Serie: Münchner und ihr Liebesleben

Sadomaso: Fesselnde Lust für Anfänger

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„Sexbox“-Chefin Angela Maurer mit Peitsche.

München - Die Münchner und ihr Liebesleben werden in der aktuellen tz-Serie untersucht. Dieses Mal geht es um das Thema Sadomaso. Wie der Einstieg klappt und wo es Treffpunkte in der Landeshauptstadt gibt:

Auf einem zehn Zentimeter hohen Podest mitten im Sexshop kniet Inipi (24, Szenename) in Jeans und Kapuzenpulli. Ihr Ehemann Strangelove (33) ist genauso brav gekleidet. Als der SM-Profi kräftig mit dem Holzpaddel auf den Hintern der Liebsten schlägt, richten sich fünf neugierige Augenpaare im Sitzkreis auf ihn.

Im Erotikgeschäft „Sexbox – over18store“ in der Sendlinger Gaißacherstraße steht am heutigen Samstagnachmittag SM für Einsteiger auf dem Programm. Betreiberin Angela Maurer hat diesen Workshop für bis zu sechs Paare 2008 ins Leben gerufen. „Seit dem Erfolg von Shades of Grey ist die Nachfrage so groß, dass er jede Woche stattfindet.“

Hauen lernen im Workshop „SM für Einsteiger“: Der Kursleiter und seine Frau zeigen in der „Sexbox“ in Sendling, welche Körperteile für Schläge geeignet sind.

Auch die Tankstellenbetreiber Harry und Silke (beide 46), die seit 20 Jahren zusammen sind, sind vom Roman inspiriert worden: „Immer Blümchensex wird auf Dauer langweilig. Aber irgendwie haben wir uns erst durch das Buch getraut, das Thema SM offen anzusprechen“, erzählt die blonde Frau mit dunkel glitzernden Fingernägeln. Beide haben im Vorfeld schon ein wenig herumexperimentiert. „Aber wir wollten Tipps von einem Profi. Denn wenn man zum Beispiel bei den Schlagtechniken etwas verkehrt macht oder sich verletzt, dann verliert man gleich am Anfang die Lust.“ Verletzungen will der Kursleiter bei den sogenannten „Sessions“ unbedingt vermeiden: „Die SM-Praktiken bei Shades of Grey sind zum Teil ziemlich riskant. Der Roman ist eben Pornographie, kein SM-Ratgeber.“

Das Thema Sicherheit nimmt deshalb beim vierstündigen Kurs einen großen Raum ein (siehe unten). Strangelove will Lust machen. „Wieso essen manche Leute freiwillig Chillis, obwohl einem danach der ganze Rachen brennt? Der eine mag es eben etwas intensiver, der andere nicht. Wichtig ist nur, dass jeder das machen kann, was ihm Spaß macht.“

Schon in der Theorie haben die Anfänger großen Spaß. Ein Mann verheddert sich bei einem Einsteiger-Knoten für Fesselspiele – die Frauen lachen ihn aus. Als der Kursleiter verschiedene Klemmen zur Ansicht im Sitzkreis herumgibt, fangen plötzlich Teilnehmer an aufzuschreien, weil der Partner ihm oder ihr das Ohr oder den Finger einklemmt. Eine Teilnehmerin bekommt einen kleinen Schreck: Sie kriegt die Klemmschere nicht mehr von der Hand herunter. Kein Wunder: Das ist auch eine Arterienklemme aus der Medizin!

„Viele Dinge, mit denen man wehtun kann, kommen aus der Medizin“, sagt der Kursleiter verschmitzt – und präsentiert das sogenannte Wartenberg-Rad aus der Neurologie: ein Rädchen mit kleinen Zacken, das man über die Haut rollen kann. Fesselnde Lust und Doktorspielchen – die Münchner kommen auf den Geschmack.

Als Susanne Wendel (40) in der Luft hängt, nur von ein paar Seilen gehalten, schlägt ihr Herz bis zum Hals. „Das Gefühl der Hingabe, der Kontrollverlust gibt den Kick“, sagt die Münchnerin. „Obwohl man solch ein Hängebondage nur ein paar Minuten aushält.“

Die Münchnerin Susanne Wendel (40) hat SM ausprobiert.

In ihrem kürzlich erschienenen Buch gesundgevögelt spricht die studierte Ökotrophologin, die sich durch Bücher und Gesundheits-Vorträge einen Namen gemacht hat, über ihre sexuelle Forschungsreise. Seit 2005 begibt sie sich in Swingerclubs, probiert Tantra aus und sammelt eben auch Sadomaso-Erfahrungen. „Das bewusste Ausleben sexueller Fantasien kann die Seele heilen, und das kann auch Sadomaso sein. SM ist nicht abartig oder krank. Im Gegenteil: Alles, was wir unterdrücken, macht uns Druck.“ Susanne Wendel will mit einem Vorurteil aufräumen: „Sadomasochisten gehen auch nicht gerne zum Zahnarzt. Ich selber bin sowieso nicht scharf auf Schmerzen. Aber fesseln und Augen verbinden lassen fand ich spannend – einfach die Sinne ausschalten und komplett abschalten“, erzählt sie der tz. „Das war für mich als Kon­trollmensch bei normalem Sex häufig schwer.“Also macht sie sich auf zu ihrer ersten SM-Party in den mittlerweile geschlossenen Münchner SM-Club KittyCat in der Domagkstraße – und bekommt erst mal einen „Kulturschock“. „Das war alles so intensiv. Die laute Musik, das abgefahrene Ambiente, die Leute in den verrückten Outfits: Da wird ein Mann im Dienstmädchenkostüm ausgepeitscht, nebenan ein Männerrücken mit heißem Wachs beträufelt …“ Susanne Wendel schaut erst mal nur zu.

Bei den nächsten SM-Party-Besuchen traut sich die Gesundheitsexpertin dann schon mehr, probiert alles Mögliche aus und stellt fest, dass „manches viel besser ist als in der Fantasie und anderes eher langweilig“. Jeder müsse für sich selbst herausfinden, was er mag und was nicht. „Mir den Hintern versohlen zu lassen, ist nicht mein Ding – das finde ich eher albern.“ Für andere dagegen sei Schlagen das größte. „Es ist erwiesen, dass die Endorphine, die der Körper bei Schmerzen ausschüttet, in der richtigen Dosierung berauschend wirken. Das hat nichts mit draufhauen zu tun – es braucht viel Übung und Feingefühl dessen, der die Schmerzen zufügt.“

Im Sommer 2010 erlebt Wendel ihr „absolutes sexuelles Highlight“ – sie trifft einen Mann vom SM-Stammtisch. „Er beherrschte verschiedene Fesseltechniken und wusste genau, was er wie verschnüren musste, damit ich ohne jegliche sexuelle Aktivität zu einem intensiven Höhepunkt kommen konnte. So etwas war mir zuvor noch nie passiert!“ Wendel erklärt den intensiven Orgasmus so: „Kurz vor dem Höhepunkt spannt man den Körper instinktiv an – diese Spannung wird durch die Fesselung verstärkt. In Japan zum Beispiel hat Bondage eine lange Tradition.“

Wendel will, dass Sadomaso weder tabuisiert noch klischeehaft gesehen wird. „SM ist viel mehr als Schmerz, es gibt auch die psychologische Ebene: das Spiel zwischen dominantem und unterlegenem Part.“ Ihr Tipp: SM langsam und spielerisch begegnen – und auch mal mit Humor. „Wenn ich daran denke, wie hilflos ich war, als ich das erste Mal einem Mann den Hintern versohlen sollte: Meine Schläge waren ihm viel zu lasch, das war für ihn wie ein Kitzeln … Oder wie wenig erotisch es ist, wenn die Hände beim Fesseln einschlafen …“

Susanne Wendel hat vor sechs Wochen einen Sohn bekommen und gerade wenig Zeit für sexuelle Experimente. „Aber ich werde mich wieder mit SM beschäftigen oder Teile davon ins Liebesspiel einbauen.“ Denn die Gesundheitsexpertin hat in der sexuellen Vielfältigkeit ein ungewöhnliches, aber effektives Entspannungs-Rezept gefunden: „SM befreit von psychischem Druck – und macht so Körper und Seele gesund!“

Mehr Infos erhalten Sie unter www.susanne-wendel.de und www.gesundgevoegelt.de

Tipps in München

Die übliche Form der Zusammenkunft von SM-Anhängern sind Stammtische. In München gibt es etliche davon. Orte und Termine finden Sie übers Internet, etwa über die Seiten www.bdsm-muenchen.de oder www.smigo.de. Einsteiger können zum Beispiel den Treff jeden ersten Mittwoch im Monat in der Villa Flora (Hansastr. 44) nutzen (nähere Infos erhalten Sie über www.smigo.de/smalltalk).

Literatur-Tipps: Sabine und Wolf Deunan: Ein bisschen härter ist viel besser (9,90 Euro); Arne Hoffmann: Fessle mich! Der SM-Ratgeber für alle Fans von „Shades of Grey“ (14,99 Euro); Matthias T. J. Grimme: Das SM-Handbuch (21,50 Euro); Claudia Varrin: Die Kunst der weiblichen Unterwerfung: Eine Anleitung für Einsteiger (9,90 Euro)

Partys: Es gibt sexy Veranstaltungsreihen in der Landeshauptstadt, zum Beispiel „SubRosaDictum“ (www.subrosadictum.de) oder „Club Bizarre“ (www.n1clubbizarre.de).

SM-Profi „Strangelove“: So klappt der Einstieg

Schlagen: Man kann den Partner übers Knie legen und den Hintern mit der Hand versohlen. Der Hintern ist robust, und meistens tut einem selber die Hand weh, bevor es zu viel wird. Außerdem kann man Zielen üben.

Rollenspiel: Man kann sich vom Partner nach eigenen ­Anweisungen verwöhnen lassen. Einerseits wird man dadurch genau so verwöhnt, wie man es will. Auf der anderen Seite ist man gezwungen, wirklich das Ruder in die Hand zu nehmen. Der Partner lernt die dienende Rolle.

Fesselspiele: Ich empfehle Manschetten. Die Verletzungsgefahr ist geringer als bei Handschellen, und die Hand­habung ist einfacher als bei Seilen oder Tüchern.

Tipps: Einigen Sie sich auf ein Codewort, um jederzeit abbrechen zu können. Hilfreich ist der Ampelcode (grün=gut so, weiter, gelb= nicht so heftig, rot=abbrechen)

Knochen und Gelenke beim Schlagen aussparen!

Tiefes Durchatmen macht den Schmerz leichter.

Keine Gel- oder Bienenwachskerzen für Spiele verwenden. Das Wachs wird zu heiß! Vorheriges Einölen erleichtert das Entfernen des Wachses.

Durch eine Augenbinde wird die Rollenverteilung leichter.

nba

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