tz-Serie: Reiche Stadt - arme Stadt

OB: Die Schere klafft zu weit auseinander

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OB Christian Ude bezeichnet sein 200-Quadratmeter-Domizil als persönlichen Luxus.

München - Stadt der Kontraste: Der Wohlstand ist ausgeprägt, doch auch jede Menge Bedürftige leben in München. Die neue tz-Serie schaut nach ganz oben und nach ganz unten. Den Auftaklt macht ein Interview mit OB Ude.

Vor Edelboutiquen parken Luxuskarossen, dazwischen kauert ein Bettler: In der Maximilianstraße wird der Kontrast zwischen Wohlstand und Bedürftigkeit besonders sichtbar. Erst kürzlich hat Oberbürgermeister Christian Ude (66) auf das Problem hingewiesen, dass die Schere zwischen Arm und Reich in München immer weiter auseinanderklafft. Das hat die tz zum Anlass genommen, in einer neuen Serie mal genauer nach ganz oben und ganz unten zu schauen. Zum Auftakt: das OB-Interview zur Stadt der Gegensätze.

Die Schere klafft zu weit auseinander

Herr Ude, München gilt bei vielen als Weltstadt mit Herz. Und dann sagt ausgerechnet der Oberbürgermeister, dass es hier eine „Spaltung der Stadtgesellschaft in preistreibenden Reichtum und ohnmächtige Armut“ gibt! 

Alltag in der Stadt: Die Münchner Luxusgesellschaft feiert edle Partys mit Schampus und Porsche.

Christian Ude (66/SPD): Ja, meine Aussage im Oktober im Stadtrat hat viele überrascht. In München ist der Kontrast zwischen Arm und Reich besonders sichtbar. Aber damit mich niemand falsch versteht: Ich halte das nicht für eine Münchner Besonderheit, sondern für eine internationale Entwicklung, die mit der Entfesselung der Finanzmärkte, aberwitzigen Vergütungen und Prämien, Spitzengehältern und Abfindungshöhen auf der einen Seite zu tun hat. Und mit der Prekarisierung, also der Zunahme von Arbeitsplätzen mit zu geringer Einkommenssicherheit, auf der anderen Seite.

„Mehr Ausreißer nach oben“

Und wie zeigt sich das in München?

Ude: So viele Bettler wie heute hat es hier vor zehn Jahren nicht gegeben. In München gibt es zwar weniger Ausreißer nach unten als etwa in Gelsenkirchen oder Berlin, aber dafür mehr Ausreißer nach oben.

Also mehr Reiche. Wieso?

Ude: Einmal wegen der Hemmungslosigkeit der oberen Zehntausend, die sich immer mehr unter den Nagel reißen. Es gibt ja Managergehälter, die kein Mensch mehr begreift. Und wenn eine Stadt wie München glücklicherweise mehr als eine Handvoll Dax-Unternehmen bei sich zu Hause hat, dann gibt es auch mehrere Dutzend dieser Managergehälter. Und wenn mehrere Millionäre und Milliardäre in einer Stadt leben, dann gibt es hier auch mehr Gewinne und Zinseinnahmen als anderswo.

„Meine Wohnung ist mein Luxus“

Und die Millionäre scheinen manchmal nicht zu wissen, wohin mit ihrem Geld: Auf der Maximilianstraße gibt es etwa Uhren für an die 100 000 Euro oder Handys für fast 5000!

Ude: Ich habe mich immer schon gewundert, was Uhren kosten können – wo es auch um fünf Uhr nur fünf Uhr sein kann. Warum man dafür fünfstellige Beträge ausgibt, ist mir unerklärlich.

Waren Sie selbst schon einmal in der Maximilianstraße beim Shoppen?

Ude: Zum Einkaufen war ich in der Maximilianstraße nicht. Ich habe dort befreundete Galeristen, wo ich die Vernissagen besuche. Zu Dallmayr gehe ich gelegentlich, aber da ist vor allem die Nähe zum Rathaus ausschlaggebend.

Was ist dann für Sie Luxus? 

Ude: Ich finde, zu einer freiheitlichen Gesellschaft gehört, dass das jeder selber entscheiden darf. Ich bin zum Beispiel ein extrem geiziger Mensch, was das Auto angeht. Das war ich schon als Student, da habe ich 300 Mark für einen gebrauchten VW Käfer der Bundespost ausgegeben – ein giftgelbes Auto, aber es war mir wurscht, Hauptsache billig. Und jetzt habe ich für den bevorstehenden Ruhestand vorgesorgt und meine Frau gebeten, ein Auto zu kaufen. Es ist natürlich ein Kleinwagen herausgekommen, weil wir überhaupt nicht einsehen, dafür viel Geld auszugeben. Für das Wohnen hingegen schon. Wir haben beide einen Arbeitsraum und ich gebe zu, unsere Wohnung ist für zwei Menschen sehr groß.

„Man darf nicht scheinheilig sein“

Was heißt groß?

Ude: Es kommt an die 200 Quadratmeter ran. Das ist natürlich Luxus – dafür kann ich aber in meinem Kleinwagen kaum jemanden mitnehmen. Aber das muss jemand selber entscheiden dürfen, wofür man sein Geld ausgibt. Man kann ja Menschen, die viel verdienen, das nicht pauschal zum Vorwurf machen. Wir wollen, dass auch gut verdienende, steuerzahlende Menschen in dieser Stadt wohnen.

 …oder dass sie hier Urlaub machen. Was halten Sie von den sogenannten Luxustouristen, die immer mehr nach München kommen?

Ude: Da muss man wirklich ehrlich sein und sagen: Das kommt auch der Stadt zugute. In den Krankenhäusern werde ich immer auch gefragt, was denn die Stadt unternimmt, damit mehr Scheichs sich hier operieren lassen. Da soll man nicht scheinheilig sein.

Aber gleichzeitig kommen auch immer mehr Arme aus dem Ausland in die Landeshauptstadt!

Ude: Die Zuwanderung ist ein Problem, das bei den Kommunen ankommt. Aber es ist ganz offensichtlich, was falsch läuft. Die Herkunftsländer nehmen nicht einmal die EU-Mittel in Anspruch, die ihnen angeboten sind. Das zweite ist, dass auch die Bundesrepublik nicht alle Mittel in Brüssel abruft, die für Eingliederungshilfen und Sprachintegration bereitgestellt werden. Diese Mittel könnte man gezielt den Städten zugute kommen lassen, die mehr oder weniger zufällig Hauptzielorte der Zuwanderung sind.

Und was kann die Politik generell gegen die wachsende Armut tun?

Ude: Für mich ist der gesetzliche Mindestlohn eine der Hauptforderungen. Außerdem sage ich seit einem Vierteljahrhundert: Man muss den Mietanstieg begrenzen, und man muss der Altbauspekulation einen Riegel vorschieben.

Dieses Thema hat Sie ja auch erst kürzlich wieder beschäftigt. Als eine Schwabinger 79-Quadratmeter-Wohnung in Ihrer Nachbarschaft für 1,1 Millionen Euro verhökert wurde, nannten Sie das in der tz „Immobilien-Wahnsinn“.

Ude: Hätte es schon länger einen landesgesetzlichen Riegel gegeben, der der Altbauspekulation vorgeschoben wird, dann hätten wir nicht so viel Gentrifizierung in den letzten zwei Jahrzehnten hinnehmen müssen. All die heiklen Miet-Themen werden jetzt erst vom Freistaat in Angriff genommen – im Jahr 2014!

„München muss zusammenhalten“

Aber auch die Stadt hat Luxusbauten wie The Seven den Weg bereitet. In dem Wohnturm kostet das teuerste Penthouse 20 Millionen Euro!

Ude: Bei The Seven hatten wir keine andere Wahl: Ein Heizkraftwerk lässt sich nicht in preisgünstigen Wohnraum verwandeln. Da hätte der Steuerzahler Aber-Millionen investieren müssen, damit dann ein paar Sozialmieter privilegiert wohnen. Das macht keinen Sinn. Und Sie brauchen ja nur die andere Straßenseite zu nehmen: Da errichtet die Stadt Sozialwohnungen, weil es da mit vertretbarem Aufwand möglich ist. In den allermeisten Fällen geht es bei Gentrifizierung um rein privatwirtschaftliche Vorgänge, da gibt es zur Stunde überhaupt keine Handhabe für die Kommune.

Lassen wir uns in die Zukunft blicken. Gibt es in 50 Jahren in München nur noch Arm und Reich? 

Ude: Bei der Einkommens- und Wirtschaftsentwicklung mache ich mir eher bei Städten wie Berlin Sorgen. In München sehe ich allerdings die Gefahr, dass der soziale Zusammenhalt auseinandergerissen wird, wenn er nicht politisch immer wieder gegen Widerstände durchgesetzt wird. Wie damals bei der Erhöhung der Sozialhilfe, wo die Opposition anfangs völlig dagegen war. In Wahrheit ist es auch für die Besserverdienenden, für die Gwabbelten, Großkopferten – wie immer man sie nennen will – bedeutsam, dass niemand unter die Räder kommt, und sich jeder München leisten kann.

Warum?

Ude: In einer Stadt, in der viele ihr Leben aussichtslos finden, nimmt die Kriminalität sprunghaft zu. Und eine Stadt, die sich Krankenschwestern und Altenpfleger nicht mehr leisten können, hat dann auch für Begüterte keine Dienstleistungskultur mehr, in der man sich wohlfühlt. Die Oberschicht darf sich nicht rücksichtslos durchsetzen.

Stichwort sozialer Zusammenhalt: Was kann der einzelne Bürger tun?

Ude: Soziale Ungerechtigkeit muss politisch bekämpft werden. Aber dann können selbstverständlich auch Normalbürger einen wichtigen Beitrag leisten. Zum Beispiel die eigene drohende Einsamkeit im Alter bekämpfen, indem man mit Ausländerkindern in der Nachbarschaft Hausaufgaben macht. Oder man kann sich um alte Menschen kümmern. Das gehört übrigens auch zur fairen München-Beurteilung dazu: Die Spendebereitschaft ist gigantisch, ebenso die Leistungen von Sponsoren und Stiftungen. Es gibt viele leuchtende Beispiele in der Stadt – was auch kürzlich die Freiwilligenmesse gezeigt hat –, an denen sich andere noch ein Beispiel nehmen können.

„Die Neigung, anzugeben“

Also ist München gar nicht mehr so Schickimicki wie sein Ruf?

Ude: Schickimicki ist kein heutiges Phänomen – denken Sie nur an die Blütezeit der Playboys. Aber die Neigung, anzugeben, gibt’s immer noch. Was ich am widerlichsten finde: Wenn in einem Bierzelt sich junge Leute eine 3 Liter-Champagner-Flasche kaufen, um damit einfach nur Nachbartische nass zu machen. Ein Münchner, den ich dabei erwischen würde, den würde ich richtig runterputzen, was er sich dabei denkt und ob er nicht den nächsten Tausender für wohltätige Zwecke stiften will. Das ist kein Münchner Brauchtum, das sind Leute, die die Münchner Bühne in Anspruch nehmen, um sich vermeintlich großartig zu inszenieren. Dabei zeigen sie nur, wie blöd sie sind.

Interview: Nina Bautz, Christina Meyer

München-Fakten

  • München liegt auf Platz 12 der weltweiten Hitliste der Millionäre (Untersuchung vom Forschungsunternehmen Wealthinsight, Mai 2013). Bei der Zahl der Multimillionäre landet die Landeshauptstadt auf Platz 17. Bei den Listen sind übrigens nicht mal Dubai, Monaco oder Moskau unter den Top 20.
  • Während 2005 noch 158 460 Münchner als arm galten, waren es 2010 schon 203 800 (Armutsbericht 2011). In der Landeshauptstadt des Freistaats gilt zum Beispiel als arm: ein Einpersonenhaushalt mit weniger als 1000 Euro zur Verfügung, oder ein Haushalt mit zwei Erwachsenen und einem Kind unter 1800 Euro.
  • Zum Jahresende 2011 haben 120 000 Münchner Unterstützung von Stadt oder Staat bekommen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander, wie der aktuelle Armutsbericht beweist: So verfügt das Fünftel der Bevölkerung mit den höchsten Löhnen und Gehältern inzwischen über 46 Prozent des monatlichen Gesamteinkommens (vor fünf Jahren 36 Prozent) und hat damit nahezu sechs Mal so viel Einkommen wie das Fünftel der Bevölkerung mit den niedrigsten Einkommen.
  • München ist, bezogen auf die Lebenshaltungskosten, die teuerste Stadt in Deutschland – laut Datendienstleister statista folgen dahinter der Landkreis München und erst dann Frankfurt am Main.
  • Mietpreis-Explosion: Im Frühjahr 2005 lag der durchschnittliche Quadratmeterpreis bei Neubauwohnungen noch bei elf Euro, im Frühjahr 2013 schließlich bei 15,70 Euro (Quelle: IVD Süd).
  • Mietpreis-Spitzenreiter: Bei einer Neuvermietung kostete der Quadratmeter im Schnitt 12,19 Euro – deutschlandweiter Spitzenwert! In der günstigsten Stadt (Salzgitter) zahlt der Mieter 5,16 Euro (Mietpreis-Ranking von Immobilien Scout24).

Das lesen Sie ab Montag:

  • 23 Prozent aller Deutschland-Touristen geben ihr Geld in München aus. Das toppt keine andere Stadt. Von den Russen sind es sogar 48 Prozent, die München als Shopping-Ort wählen. Laut Global Blue Shopping-Barometer gab jeder Tourist 2013 im Schnitt 1708 Euro für Schmuck und Uhren aus.
  • Bei Zigarren Zechbauer gibt es eine Zigarre, die mit 24 Karat Blattgold umwickelt ist: Sie kostet 120 Euro. Der teuerste Wein bei Dallmayr kostet satte 2650 Euro.
  • Im Pfandleihhaus von Thomas Käfer in der Bayerstraße werden jährlich etwa 30 000 Gegenstände von Münchnern abgegeben, die einen finanziellen Engpass haben – Tendenz steigend.
  • Im Diakonia-Gebrauchtwaren-Kaufhaus in der Dachauer Straße steigt die Zahl der verkauften Gebrauchtwaren-Artikel stetig – vergangenes Jahr waren es 2 802 756. Aber auch die Spendenbereitschaft ist groß: Bei der allgemeinen Kleiderannahme der Diakonia sind vergangenes Jahr 520 Tonnen zusammengekommen.
  • In München gibt es immer mehr Obdachlose. Eine Übergangslösung für sie sind städtische Unterkünfte wie das Männerwohnheim in der Pilgersheimer Straße: Allein im vergangenen Jahr haben hier 1800 Männer Zuflucht gesucht. Die 180 Betten sind fast immer voll belegt.
  • In den fünf Jahren, in denen Open Med, die anonyme Praxis für Patienten ohne Krankenversicherung, in München existiert, hat sich die Zahl der Patienten vervierfacht: 2013 kamen 600 Patienten zur Behandlung und knapp 2000 zur Beratung.
  • Die Franziskanermönche bieten im Kloster im Lehel eine Suppenküche für Bedürftige an: Werktags von 11 bis 13 Uhr geben sie im Speisesaal Kaffee, Tee, Brote und eine heiße Suppe aus. 70 Menschen kommen täglich – Tendenz steigend.
  • Für viele arme Menschen ist das Haustier ein Seelentröster. Die Tiertafel München unterstützt über 500 in Not geratene Tierhalter. Alleine zur Futterausgabe jeden zweiten Samstag kommen 150 bis 200 Menschen in das alte Stellwerkshäuschen in der Implerstraße 1 und holen sich Nahrung für ihr vierbeinigen Freunde ab.

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