Das Sommerinterview mit BR-Taxifahrer Isaak Cissé (61)

... und do bin i dahoam

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Taxifahrer Isaak Cissé (61) mit der tz-Bairisch-Ausgabe

Isaak Cissé (61), geboren im Senegal, lebt seit fast 40 Jahren in München. Seit 1983 fährt er Taxi. Und seit einigen Jahren kommentiert er beim BR das Sportgeschehen - im allerbreitesten Bairisch. Das Sommerinterview führen wir in seinem Lieblingscafé, der Bäckerei Kistenpfennig, in der Leopoldstraße.

Herr Cissé, fahren Sie bald in Manchester Taxi?

Isaak Cissé: Wegam Schweinsteiger?

Exakt. 

Cissé: Nein.

Gar nicht traurig, dass er weg ist?

Isaak Cissé chauffierte auch Bastian Schweinsteiger

Cissé: Doch! Menschlich is des brutal schad! Ich kenne ihn persönlich: sehr sympathisch, sehr bodenständig. Sportlich kann ich’s verstehen. Er ist 31 Jahre alt und Kapitän der Nationalelf - da darf er nicht auf der Bank sitzen! Und der Pep hätte ihn oft auf die Bank gesetzt.

Muss Pep Guardiola weg?

Cissé: Nein.

Hört man aber oft zurzeit.

Cissé: Die Leute sind total verbissen, die denken, wir müssen alles gewinnen. Aber die anderen können auch Fußball spielen, wir haben’s nicht erfunden.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für den FC Bayern?

Cissé: Das kam Anfang der 70er-Jahre, als Bayern dreimal in Folge den Landesmeister-Pokal gewonnen hat. Die Endspiele liefen bei uns im Senegal im Fernsehen. Das waren Straßenfeger! Jeden Sonntag um 19 Uhr - kein Mensch auf der Straße. Alle waren scharf darauf, die Bayern zu sehen.

Alle Senegalesen waren heiß auf deutschen Fußball?

Cissé:Nicht nur das. Auch Der Alte und Der Kommissar liefen bei uns! Auf französisch …

Wer waren Ihre Helden?

Cissé: Beckenbauer habe ich geliebt, ach was: angehimmelt. Diese Eleganz! Der hat sich nie anstrengen müssen.

Der beste Fußballer aller Zeiten?

Cissé: Klar, es gab die schwarzen Perlen Pelé und Eusebio. Für mich war’s aber der Beckenbauer.

Wegen ihm gingen Sie nach Deutschland?

Cissé: Ja. Ich war verrückt nach der Bundesliga. Mein Vater wohnte in Paris, aber für mich kam nur Deutschland in Frage. Darum hab ich bereits im Senegal angefangen, Deutsch zu lernen. Ich habe mich bei einem Kurs angemeldet, die Professorin kam aus Dresden.

Sie hatten also mal einen Ossi-Dialekt?

Cissé: Zum Glück ned! Die hod Hochdeitsch gsprocha.

Jetzt jedenfalls reden Sie Bairisch … 

Cissé: Freilich! Das konnte die Professorin gar nicht fassen. Als wir uns Jahre später wiedertrafen, hat sie sich wahnsinnig amüsiert: „Was ist bloß aus dir geworden?“

Ein waschechter Bayer?

Cissé: Mit Freunden ging es 1976 aber erst mal nach Frankfurt. Ich wollte aber nach München. Irgendwann haben meine Freunde nachgegeben: „Dann fahren wir halt ein paar Tage nach München. Damit du Ruhe gibst!“ Mir war klar: Wenn ich mal in München bin - dann bleib ich da.

Aber Ihren Dialekt haben Sie nicht aus München, da redet doch kaum mehr einer Bairisch …

Cissé: Ich war viel unterwegs - Oberbayern, Niederbayern. Zuerst war ich schon geschockt. Sag amoi: Wo bin ich denn hier gelandet? Jemand hat mich dann aufgeklärt: Du bist nicht mehr in Deutschland - du bist jetzt in Bayern.

Willkommen im Paradies!

Cissé: Ich war so wissbegierig. Wie oft haben wir Ledergürtel und Holzelefanten in den Kneipen im Umland verkauft … Die perfekte Schule.

Eine harte Schule … 

Cissé: Ich hab aber auch viel gelesen: Ludwig Thoma, Oskar Maria Graf, Ludwig Ganghofer. Dazu Kassetten von Fredl Fesl, Karl Valentin, Liesl Karlstadt, Ida Schumacher. Wenn man das hört, lernt ma vui! Außerdem war ich zwölf Jahre mit einer Niederbayerin verheiratet.

Das hilft unter Umständen.

Cissé: Bairisch ist eine wunderschöne Sprache, die schönste in Deutschland! Bairisch ist die Stenographie der deutschen Sprache: Man red wenig, aber sogt  vui!

Schön gesagt.

Cissé: Ja, aber das war’s noch nicht. Bairisch eignet sich hervorragend zum Schimpfen.

Ein Beispiel, bitte?

Cissé: Vor ein paar Tagen hat mich hier im Café ein Mann blöd angeredet. Ich saß gerade beim Mittagessen, da beugte er sich zu mir und sagte: „Was du da frisst, das sind unsere Steuergelder, du Schmarotzer!“

Wie bitte?

Isaak Cissé mit tz-Reporter Tobias Scharnagl im Taxi

Cissé: Dem bin ich hinterher und hab ihn gefragt: Host du jemals wos fia mi bezahlt, du Drecksau? Wennst des nommal sogst, dann kriagst so a Fotzn, dass d’ di darennst!

Und dann?

Cissé: Dann hat er nix mehr gesagt.

Passiert Ihnen das öfter?

Cissé: Ja. Es haben schon Leute die Tür zum Taxi aufgemacht und gesagt: „Um Gottes Willen, a Neger! Mit dem fahr ma ned …“

Ihre Antwort?

Cissé: „Dann nehmen S’ bitte das nächste Taxi.“ Was soll man da sagen? Da braucht man eine Kuhhaut oder viel Humor - ich hab beides.

Trotzdem macht Ihnen Taxifahren Spaß?

Cissé: Ja. Ich hab keinen Druck, kann aufstehen, wann ich mag, kann aufhören, wann ich mag. Ich kann mich zwei, drei Stunden hinhocken zum Ratschen - so wie jetzt. Außerdem lernt man viele Prominente kennen: den Schweinsteiger, den Beckenbauer, den Gottschalk, den Jauch.

Ein Promi-Taxi also?

Cissé: Nein. Ich fahr auch die Oma ins Krankenhaus oder Frau Müller zum Bäcker.

Ihre liebste Anekdote?

Cissé: Eine alte Frau - um die 90 Jahre alt - rief mich an. Sie müsse nach Grünwald ins Krankenhaus. Was ich für ein Kennzeichen hätte, fragte sie, damit sie mich erkennen könne. Ich sagte: „Da brauchen Sie kein Kennzeichen, da kommt ein Schwarzer.“ Sie sagte ganz überrascht: „Hören Sie, was Sie für eine Partei wählen, ist mir ganz egal. Hauptsache, Sie kennen sich in München aus.“ Herrlich.

Stichwort München: Was lieben Sie an der Stadt?

Cissé: München ist schön, sauber und sicher. Die Mädels gehen mitten in der Nacht alleine heim - kein Problem. In Paris oder London traut sich das niemand. Und das Umland ist an Schönheit nicht zu überbieten.

Fühlen Sie sich gut aufgehoben hier?

Cissé: Ich werde und wurde fast überall gut empfangen. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, habe Bairisch gelernt, mich integriert. Das honorieren die Leute.

Was ist Heimat für Sie?

Cissé: Ich wohne seit fast 40 Jahren in München. Das ist meine Heimat - und der Senegal auch. Jedes mal, wenn ich dort bin, langt es mir wieder nach zwei Wochen. Dann mag ich zurück.

Zurück zu Bier und Leberkas?

Cissé: Naa, i bin Moslem. Koa Bier, koan Leberkas. Aber so is’ ned: Es gibt Landsleit, die saufen wia die Löcher! So wie überall eben. Mir fehlt eher die Sauberkeit, die Pünktlichkeit, die Zucht, die Ordnung.

Apropos: Bald ist wieder Wiesn …

Cissé: Früher war das ein Spaß. Heute nicht mehr, ich war seit sieben Jahren nicht mehr dort. Die Menschenmassen - da fühl ich mich nicht wohl.

Trotzdem: Als Taxifahrer ist das doch ein Riesengeschäft …

Cissé: Klar, aber auch ein Riesenärger. Die Bsuffana! Der oane kimmt eini und hod koa Geld. Der andre stinkt wia d’ Sau. Und der andre hod in sei Lederhosn gsoacht.

Auch das ist München.

Cissé: Alles schon passiert.

Bleiben wir beim Leder: Wo schauen Sie am liebsten Fußball?

Cissé: Zu Hause. Da hab’ ich einen großen Flachbildfernseher. Oft kommen Landsleute von mir vorbei, auch Flüchtlinge. Meine Frau kocht, und dann schauen wir zusammen. Bayern-Fans und Bayern-Gegner.

Die haben kein Hausverbot?

Cissé: Nein. Als Bayern-Fan bin ich eigentlich immer auf der sicheren Seite. Und dann red i saubläd daher!

Cisses Sommer-Tipps:

Mein absoluter Herzens-Tipp: die Allianz Arena. Hier kann man dem besten Verein der Welt zuschauen: dem FC Bayern München! In letzter Zeit habe ich das ein wenig vernachlässigt - diese Saison geh ich aber wieder öfter ins Stadion!

Wo kann man schöner Schlendern als in der Leopoldstraße? Kaffeetrinken in den hübschen Cafés, die noch hübscheren Mädchen beobachten - wunderbar.

Mit meiner Frau und den Kindern fahre ich gerne an den Starnberger See. Wenn’s so heiß ist wie in der letzten Zeit, bin ich froh, dem stickigen Taxi-Alltag mal zu entkommen. Außerdem kann man da gut spazieren gehen!

 

Ein Blick ins Fotoalbum:

Cisses Lieblingsgast: Monika Gruber

Als Taxifahrer kennt man nicht nur die Stadt wie seine Westentasche - man kennt auch Gott und die Welt. Immer wieder erkennt Cissé plötzlich ein bekanntes Gesicht in seinem Rückspiegel: Ob Fußballer Bastian Schweinsteiger, TV-Legende Thomas Gottschalk oder den Kaiser Franz höchstpersönlich - Cissé fährt sie alle. Sein Lieblingsfahrgast allerdings ist die Kabarettistin Monika Gruber. Oder wie Cissé sagt: „Die Gruaberin!“

Tobias Scharnagl

Alle bisherigen tz-Sommerinterviews 2015 finden Sie hier.

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