tz-Sommerinterview

Flughafenchef Dr. Michael Kerkloh (62) ist völlig losgelöst

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Michael Kerkloh testet im Besucherpark die neue Towerrutsche persönlich.

München - Im heutigen tz-Sommerinterview erklärt Flughafen-Chef Dr. Michael Kerkloh (62), wieso er mit einer bayerischen Blaskapelle weltweit die Herzen erobern kann – und wieso er sich in der Heimat bei der 3. Startbahn so schwertut.

Herr Kerkloh, wohin ging Ihre erste Flugreise?

Flughafen-Chef Michael Kerkloh traf sich im Besucherpark-Restaurant Tante Ju’s mit den tz-Lokalchefs Sebastian Arbinger (li.) und Stefan Dorner.

Dr. Michael Kerkloh: Das weiß ich noch sehr genau. Ich habe drei Monate an einer englischen Schule verbracht, in der Nähe von Birmingham. So wie man sich das vorstellt – mit Schul-Uniform und Boardinghaus. Bei der Hinreise war ich noch geschätzte 24 Stunden unterwegs. Aber zurück ging’s dann mit dem Flugzeug von Birmingham über London nach Düsseldorf. „Very bumpy“ würde man im Luftfahrtjargon sagen, es gab ziemlich viel Wind. Das war 1968.

Das waren wilde Jahre!

Kerkloh: Das waren vor allem ganz wichtige Jahre in der Pop- und Rockmusik! Dass ich damals dort sein durfte, ich als Bub aus der tiefen westfälischen Provinz, war genial. Dort herrschte ein ganz anderer Musikhype als bei uns. Ich habe massenhaft Singles gekauft, die habe ich auch heute noch alle. Zerfledderte Cover, aber echte Raritäten.

Die Musik lässt Sie ja bis heute nicht los. Sie spielen u.a. mit OB Dieter Reiter in der Band Next Generation. Wie voll ist der Terminkalender?

Kerkloh: Wir werden als Nächstes bei der Langen Nacht der Museen am 17. Oktober im Planetarium auftreten. Zum Proben treffen wir uns einmal im Monat im Deutschen Museum.

Wie viel Playback steckt in Ihren Auftritten?

Kerkloh:  Gar keins! Aber deshalb klingt das auch manchmal entsprechend schief. Im Moment arbeiten wir uns gerade am Song-Katalog von Creedence Clearwater Revival ab.

Auch so eine Band aus den späten 60er-Jahren…

Kerkloh:  Nicht, dass Sie meinen, ich bin ein Oldie-Fan. Nein, ich höre auch aktuelle Sachen. Ich gehe jetzt nächste Woche übrigens mit meinem Sohn auf ein Festival in England.

Da schließt sich der Kreis!

Den nächsten Gig mit Next Generation gibt es am 17. Oktober.

Kerkloh:  Das ist tatsächlich so. Das Festival wird nämlich von einer Band veranstaltet, die damals groß geworden ist: Fairport Convention. Die haben die traditionelle englische Folk-Musik aufgegriffen und verstärkt. Da sind wir dann auch gar nicht weit von meiner damaligen Schule entfernt. Ich schätze mal, dass noch viele andere in meinem Alter da sein werden. Nach dem Motto: Zurück aus der Gruft.

Ihre England-Affinität in allen Ehren: Aber wie viele Länder haben Sie schon bereist in Ihrer Karriere?

Kerkloh: Ich schätze, das sind so zwischen 80 und 100.

Darf der Flughafen-Chef eigentlich während der Sommerferien Urlaub machen?

Kerkloh: Wenn die anderen weg sind, bin ich gern zu Hause. Aber wenn ich dann reise, greife ich gern auf mein Netzwerk als Flughafenchef zurück. In den 20 Jahren (13 Jahre München, davor sieben Jahre Hamburg; Anm. d. Red.) haben sich viele Kontakte entwickelt. Einige davon sind wirklich Freunde geworden. Meine Kollegin in Austin/Texas hat mir zum Beispiel mal geholfen, ein Ticket für das legendäre South by Southwest Festival zu bekommen. Im Gegenzug bekam sie eine Einladung zum Oktoberfest. Ich hab’ da ja immer was zu bieten, die Wiesn ist ein großer Trumpf!

Immer wieder die Musik: Stellten Sie sich nie die Frage, Ihr Hobby zum Beruf zu machen?

Kerkloh:  Vor der Entscheidung stand ich tatsächlich mal, allerdings eher in die klassische Richtung. Aber um das zu schaffen, hätte ich richtig üben müssen (lacht). Simpel gesagt: Ich war einfach nicht gut genug.

Trifft man Sie auch manchmal in Münchner Clubs?

Kerkloh:  Ich habe das Atomic Café sehr geliebt. Eigentlich wollte ich zum Free & Easy Festival im Backstage, aber das habe ich leider nicht geschafft. Bei meinen vielen Abendterminen fehlt leider oft die Zeit für die Kür. Und im Gegensatz zu den jungen Partypeople muss ich ja morgens gleich wieder fit sein. Ich kann mich nicht in den Tag reinschleichen.

Haben Sie eigentlich einen Pilotenschein?

Kerkloh: Nein, ganz ehrlich: Das war früher viel zu teuer. Und ich kam ja auch erst mit 35 in die Branche. Da stellte sich die Frage gar nicht mehr. Auch wenn ich mich schon ganz früh in meinem Leben für Verkehr und Infrastruktur begeisterte. Ich habe zum Beispiel mit 14 eine Radtour von Ahlen nach Frankfurt gemacht. 250 Kilometer! Meine zwei Klassenkameraden und ich wollten die ganzen Züge und den Flughafen sehen. Wir waren zweieinhalb Wochen weg – heute wäre das unvorstellbar. Die Eltern würden durchdrehen.

Klingt nach großem Abenteuer!

Kerkloh: Ja, mir wurde auch mein ganzes Geld geklaut! Dabei hatte ich mir alles für einen Rundflug über Frankfurt aufgespart. Zum Glück gaben mir die Herbergs-Eltern die 30 Mark. Dafür musste ich aber eine ganze Woche spülen helfen und Betten machen.

Sind Sie heute auch noch der Aktiv-Urlauber?

Kerkloh: Ich kann sicherlich keine drei Wochen am Strand liegen, aber drei Tage schon. Dafür sind die jeweiligen Länder doch viel zu interessant. Ich interessiere mich ja auch für Kunst, Städtebau, Architektur. Dieses Jahr verbringe ich privat eine Woche in Panama. Und eine Dienstreise geht nach Irkutsk in Sibirien, da arbeiten wir an einer neuen Flugverbindung nach München.

Was sind Ihre Argumente?

Kerkloh: Bayern. Das ist das deutsche Aushängeschild. Das Bild, das Angela Merkel beim G7-Gipfel gezeigt hat mit Obama auf der Bank, ist genau das, was die Menschen auf der ganzen Welt im Kopf haben. Heile Welt, Berge und die Menschen haben Trachten an.

Mia san mia!

Kerkloh:  Ja, aber das ist eine neuere Entwicklung. Das würden die Münchner so gar nicht sagen, das ist ja jetzt über den FC Bayern so gekommen und ist auch ein bisschen großkotzig. Aber ganz generell sind die Bilder, die in den USA und im Ausland mit Deutschland assoziiert werden, von der Bilderwelt Bayerns geprägt – und nicht etwa von Hamburg. Was da höchstens noch rankommt, ist Berlin mit dem Brandenburger Tor. Wenn ich früher mit Otto Wiesheu (ehemaliger bayerischer Wirtschaftsminister; Anm. d. Red.) unterwegs war, in China zum Beispiel, dann musste ich nur eines machen …

Wir sind gespannt!

Kerkloh: Wir mussten nur eine Blaskapelle mitbringen und es standen uns alle Türen offen. Da müssen wir nicht viel machen, die Menschen liegen uns zu Füßen. Und es stimmt ja auch: Brauchtum ist immer zeitgemäß und cool. Tracht sieht klasse aus und ein Dirndl macht jede Frau noch schöner!

Hat der Westfale Kerkloh auch eine Lederhose?

Kerkloh: Ja sicher!

Jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie hätten damals statt Gitarre ein Blasinstrument gelernt: Sie könnten alles im Alleingang erledigen!

Kerkloh: Puh, ja stimmt (lacht). Hab ich aber leider nicht, außer Blockflöte. Aber Blasmusik ist wirklich wunderschön – und sie bietet so viele Möglichkeiten, sie zu entwickeln. Schauen Sie sich nur LaBrassBanda an!

Sie sind ein Fan davon?

Kerkloh: Ja, wirklich. Die sind richtig gut. Genauso wie Moop Mama. Wenn diese Bands spielen und ich Zeit habe, gehe ich hin. Oder die CubaBoarischen, die auf Crossover machen – das ist großartig. Oder Gstanzl, die sind wunderbar.

Die Gstanzl-Sänger nehmen aber die Obrigkeit gerne ins Visier. Da hätte der Flughafenchef gute Chancen, dass er drankommt!

Kerkloh: Das macht ja nix! Das ist eine Kunstform, das ist ja HipHop von früher. Diese Spontaneität in Versform ist einfach super.

Wenn Sie jetzt dann privat wegfliegen: Wie bucht der Flughafenchef eigentlich seinen Flug?

Kerkloh: Im Internet, ich kenne mich ja ein bisschen aus und finde schon den Richtigen.

Trotz Sommerinterview: Wir müssen Sie nach der 3. Startbahn fragen. Wann geben Sie auf?

Für die dritte Startbahn hofft Kerkloh, dass es bald das Startsignal gibt.

Kerkloh: Nie! Wir lesen es doch beinahe täglich: München wird wachsen. Und in den nächsten 15 Jahren werden in Deutschland laut einer Prognose die Fluggastzahlen um 50 Prozent ansteigen. Aber wir leben jetzt noch von der Substanz unserer Eltern und Großeltern. Deshalb müssen wir Vorsorge treffen, damit die Generation nach uns was davon hat. Nicht nur digital ist wichtig, analog genauso. Und dazu gehören nun mal ein gutes Schienennetz und eine zusätzliche Startbahn. Alle, die in München Jobs haben, leben davon. Weil sich auf Grund der guten Infrastruktur die Unternehmen angesiedelt haben. Aber das ist bei den Digital Natives völlig in Vergessenheit geraten. Ich als weiser, alter Mann schüttle darüber manchmal den Kopf.

Aber vier Kilometer Betonwüste sind nicht gerade ein sexy Projekt! 

Kerkloh: Da haben Sie recht. Aber die Startbahn ist unheimlich platzsparend. Zum Vergleich: Wenn Sie eine Bahnstrecke nach Berlin bauen, brauchen Sie eine Fläche, die um ein Vielfaches so groß ist. Und dann kommen Sie „nur“ nach Berlin. Mit der Startbahn zu über 200 Städten weltweit. Für die Kosten würden wir ja sogar selbst aufkommen! Und natürlich muss das alles so grün wie möglich sein. Das ist die Anforderung des 21. Jahrhunderts.

Sie reden sich ja gerade richtig in Rage!

Kerkloh: Wir sind ja der FC Bayern der Flughäfen …

Stopp: Sind Sie auch Bayern-Fan?

Kerkloh: Nein, ich bin Dortmund-Fan. Aber das liegt daran, dass ich dort groß geworden bin. Aber zurück zu meinem Beispiel. Uns schlägt man jetzt ernsthaft vor: Ach, jetzt wart ihr so lange Champions-League-Sieger – aber Europa League ist doch auch schön. Die Spieler sind dann nicht so teuer, ist auch weniger Stress. Übertragen heißt das: Braucht der FC Bayern einen neuen Ribéry oder Vidal? Seid doch mit dem zufrieden, was ihr habt! Ich sage: kein Problem, hat aber Auswirkungen.

2018 läuft Ihr Vertrag aus: Was macht Michael Kerkloh im Januar 2019?

Kerkloh: Ausschlafen (lacht). Ob mein Vertrag noch mal verlängert wird, hängt auch ein bisschen davon ab, wie sich das Ganze hier entwickelt.

Wird es bis dahin eine Entscheidung geben in Sachen Startbahn?

Kerkloh: Ja, die ist dann gefallen.

Und ist im Januar 2019 Jürgen Klopp Trainer des FC Bayern?

Kerkloh: Wahrscheinlich schon nicht mehr …

Kerklohs Sommertipps

1. Der Theatron-Musiksommer mit seinen freien Konzerten (noch bis 23.8.) im Olympiapark! Diese Anlage ist für mich immer noch eines der architektonischen Glanzlichter Münchens.

2. Ein ausgedehnter Stadt-Spaziergang, den ich gerne mit einer Brotzeit im Wirtshaus in der Au ausklingen lasse.

3. Und dann ist da noch das Open-Air-Kino in der Tumblingerstraße 29, ein echtes Sommervergnügen! Ich mag die Vorstellungen im Viehhof (läuft noch bis 16. August). Da kann man übrigens auch unseren Flughafen im Vorprogramm sehen.

Sebastian Arbinger/Stefan Dorner

Alle bisherigen tz-Sommerinterviews 2015 finden Sie hier.

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