Münchens First Lady im tz-Sommergespräch

Petra Reiter: Das spritzigste Interview des Jahres

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Wasser marsch: Petra Reiter an ihrem Lieblingsort an der Isar unter der Tierparkbrücke in Thalkirchen.

München - In der Sommerzeit haben die Menschen mal ein bisschen Luft für ausführliche Gespräche, die es in der normalen Hektik des Alltags kaum bis selten gibt. Die tz hat dies genutzt und viele interessante Personen für die neue Sommerinterview-Serie gewinnen können. Den Anfang macht Münchens First Lady.

Frauen und Männer, die an ihren Lieblingsplätzen oder an ungewöhnlichen Orten mit uns über ungewöhnliche Dinge sprechen – und nicht immer über die Rolle, die sie in der Öffentlichkeit einnehmen. Freuen Sie sich auf spannende Einblicke in das Leben der Frau des Oberbürgermeisters, in die große Musik- und Fahrradleidenschaft des Flughafenchefs. Erfahren Sie unter anderem, wie die ARD-Wetterfee leidet, wenn sie schlechte Vorhersagen machen muss. Wir wünschen Ihnen viel Spaß dabei – und eine schöne Urlaubszeit mit Ihrer tz!

Petra Reiter: Mehr als ein Anhängsel des Oberbürgermeisters

Sie ist seit 15 Monaten die First Lady von München, die Frau des Oberbürgermeisters der drittgrößten Metropole Deutschlands und der Stadt mit dem größten Volksfest der Welt. Doch eigentlich ist Petra Reiter (52) etwas ganz anderes (geblieben): einfach Petra Reiter. Sie hat zwar für ihren Mann Dieter (56) den Job als Abteilungsleiterin in einer Buchhaltung an den Nagel gehängt und arbeitet dort jetzt nur noch in Teilzeit. Doch ansonsten ist sie alles andere als ein Anhängsel des neuen München-Chefs. Sie hat ihre Rolle für sich neu definiert und füllt diese mit großer Leidenschaft und Freude aus, wie sie beim Sommerinterview schildert. Wir treffen uns auf einem Stein am Isarstrand unter der Tierparkbrücke. Und das aus gutem Grund ...

Da sind wir zum Sommerinterview mit der Frau des Oberbürgermeisters also unter der Tierparkbrücke gelandet!

Petra Reiter: Ja, das ist einer meiner Lieblingsorte. Auf diesen Steinen kann ich wunderbar entspannen und nachdenken. Es ist dieses Eck hier, mit dem ich von Kindheit an verbunden bin.

Klingt nach großen und spannenden Abenteuern an der Isar!

Reiter: Ja, wenn wir damals ein paar Mark in der Tasche hatten, gingen wir in den Tierpark. War es weniger, reichte es halt nur für den Eintritt ins Bad Maria Einsiedel. Und wenn wir gar nichts hatten, was relativ häufig vorkam, waren wir hier an der Isar. Da habe ich auch schwimmen gelernt, wenn auch nicht ganz freiwillig.

Wie kam es dazu?

Reiter: Ich war elf Jahre alt und wie so oft mit meinen Freundinnen hier. Die Isar führte mehr Wasser, war daher tiefer als sonst und ich konnte plötzlich nicht mehr stehen. Na ja, dann habe ich ganz automatisch begonnen zu paddeln und bin so, zwar nicht stilgerecht, aber relativ erfolgreich geschwommen. Als ich den Schock überwunden hatte, war ich richtig froh und habe es daheim gleich meinen Eltern erzählt.

Apropos Freundinnen: Hat sich im Verhältnis zu Ihren „Mädels“ etwas verändert, seit Sie die Frau des OB sind?

Reiter: Zum Glück nicht. Aber Fakt ist: Wenn ich jetzt als First Lady viele Menschen kennenlerne, ergeben sich dadurch nicht automatisch viele neue, enge Freundschaften.

Sie sind zwölf Jahre verheiratet und waren zuvor lange ein Paar. Doch wie hat sich Ihre Beziehung verändert, seit Sie nicht mehr als Buchhaltungs-Abteilungsleiterin und Wirtschaftsreferent, sondern als Oberbürgermeister-Paar durchs Münchner Leben gehen?

Reiter: Ja, natürlich ist es anders. Wenn wir jetzt gemeinsam Einkaufen gehen, dauert das eben länger. Mein Mann nimmt sich immer Zeit, wenn jemand mit ihm reden will. Das gilt für freundlichen Zuspruch genauso wie für Kritik oder Sorgen. Das gehört jetzt einfach dazu.

Hand aufs Herz: Gab’s schon einmal eine Situation, in der Sie gedacht haben am Samstagmorgen: „Mensch, früher ist er am Freitag heimgekommen und wir hatten jedes Wochenende für uns!“

Reiter: Nein, solche Situationen hatten wir noch nicht. Aber fragen Sie mich mal in ein paar Jahren wieder. Ich bin überrascht, wie viele Dinge ich hautnah miterleben darf. Mein Mann hängt mich thematisch nicht ab, weil wir viel über die aktuellen Ereignisse sprechen.

Sind Sie sein engster strategischer Berater, die Stütze im Hintergrund?

Reiter: Wir reden über viele Dinge, die ihn und die Stadt bewegen. Aber mein Mann ruft mich nicht mittags an und fragt: „Wie würdest Du dies oder jenes entscheiden?“ Dafür bin ich auch nicht der Typ Frau. Wir haben uns da beide ein Stück Selbstständigkeit bewahrt.

Haben Sie Ihre Eltern schon früh zu dieser Selbstständigkeit erzogen?

Reiter: Mein Vater war bei der Landesversicherungsanstalt und hat Renten berechnet. Und meine Mama hatte einen Führerschein und war auch berufstätig – als Sekretärin bei Siemens. Das war ungewöhnlich in dieser Zeit. Mein zwei Jahre jüngerer Bruder und ich waren zwar keine Schlüsselkinder. Aber manchmal sind wir auch ziemlich dankbar gewesen, dass eine Nachbarin daheim war.

In der SPD hat sich Dieter Reiter intern als Kandidat durchgesetzt und später auch bei der Wahl die Gunst der Münchner mehrheitlich erobert. Doch wie sah eigentlich die familieninterne Entscheidungsfindung aus?

Reiter: Gute Frage! Mein Mann hat vorher schon mit unseren drei Kindern geredet und abgeklopft, wie die Mama denn dazu stehen könnte zu dieser OB-Geschichte. Hinter meinem Rücken ...

Und dann?

Reiter: … dann war ich zunächst grantig. Ich hab’ nicht gleich juhu geschrien. Aber es war schon richtig, auch mit unseren Kindern zu reden. Denn diese Entscheidung betraf ja die ganze Familie, auch wenn die Kinder alle erwachsen sind.

Irgendwann hat er aber auch Sie überzeugt. Wo war das?

Reiter: Wir waren mit einem befreundeten Ehepaar in Dänemark. Im Nachhinein war das kein schöner Urlaub, wir konnten nicht abschalten. Doch am Ende stand der Entschluss – der schließlich in der Familie einstimmig ausfiel!

Nun haben Sie ja in Ihre junge Ehe beide relativ kleine Kinder im Vorschulalter mitgebracht. Ihr Mann Tochter Daniela – und Sie Martina und Tobias. Wie haben die drei zusammengefunden?

Reiter: Ein Pressefotograf hat meinen Mann mal gefragt, welches von den Kindern eigentlich wem gehöre. Seine Antwort war klar: „Wenn das für mich keine Rolle spielt, dann sollte es Ihnen auch egal sein!“ Das trifft es eigentlich perfekt. So sind die Kinder auch aufgewachsen.

Die Reiters waren in den 80er-Jahren also Pioniere des heutigen Patchworks!

Reiter: Das mit den Patchwork-Familien hört sich oft so einfach an, es steckt aber viel Arbeit dahinter. Es gibt auf einmal zwei Mamas, zwei Papas – und die doppelte Anzahl an Großeltern. Und jeder meint natürlich, er habe das Recht mitzureden. Was ja im Prinzip schon irgendwie zutrifft. Am Anfang ist die Abstimmung schwierig, aber wenn man konsequent bleibt, Regeln aufstellt und beachtet, sich gegenseitig respektiert, dann kommt auch etwas Gutes dabei heraus.

Und mit Ihrer Großfamilie geht es heuer wieder nach St. Peter-Ording an die Nordsee in den Urlaub!

Reiter: Genau. Da sind mehr oder weniger alle dabei: Großeltern, Kinder und Enkel. Das ist ein Kommen und Gehen – und alles ganz entspannt.

Wie schnell wird aus dem OB da ein Urlauber, der auch mal ohne Handy auskommt?

Reiter: Er sagt immer: „Gell, das Handy lass ma dahoam und den Laptop nehm ma gar ned mit.“

Das klingt jetzt aber irgendwie, als würde das nur die halbe Geschichte sein!

Reiter: (lacht) Jaja, das kann ich Ihnen vorher schon sagen: Er hält sich nicht daran! Selbstverständlich hat er wieder alles dabei und zehn Minuten vor der Abfahrt sagt er dann: „Mitnehmen kann ich es ja – ich muss ja nicht ständig reinschauen.“ Gut, dass wir da an der Küste so schlechten Empfang haben. Am zweiten oder dritten Tag wird sein Schimpfen darüber langsam weniger. Dann merke ich: Jetzt kann er mal loslassen.

Wie schnell kommt er nach einem anstrengenden Tag im Alltagstrubel des Rathauses runter?

Reiter: Das kann er ganz gut. Er braucht relativ wenig Schlaf. Und wenn er sich hinlegt, dann schläft er auch ziemlich schnell. Nach sechs Stunden ist er dann meist wieder fit für den bevorstehenden Tag.

Ausschlafen ist ja nicht nur wegen des OB-Jobs schwierig, sondern auch deshalb, weil im Urlaub gleich drei Enkelkinder dabei sind!

Reiter: Das stimmt, die Zwillinge sind fünf Jahre und die Kleine ist zehn Monate alt. Wir genießen es immer, wenn wir sie bei uns haben!

Erzählen Sie! Wie ist er denn, der Opa Dieter?

Reiter: Mein Mann ist ein strenger Vater gewesen ...

Ich kann mir aus eigener Erfahrung denken, was jetzt kommt!

Reiter: Die Enkelkinder dürfen dafür jetzt alles, alles. Eine hat sich mal in den Vorhang eingedreht, bis alles runtergekracht ist – mitsamt der Stange. Seine Reaktion war: „Hauptsache, es ist nichts passiert!“

Vom Opa wieder zur Oma: Sie engagieren sich nebenher auch als Patin für Flüchtlingskinder!

Reiter: Stimmt, aber dieses „Kind“ ist schon 27 Jahre alt. Die Frau kam schwanger aus Somalia nach München, hat aus Angst und Not ihre Familie und zwei Kinder dort zurückgelassen. Es war eine sehr gefährliche Flucht. Jetzt ist sie glücklich hier gelandet, sie redet Deutsch und grüßt auf Bairisch. Ich freue mich sehr, wenn ich helfen kann, Menschen hier zu integrieren. Jetzt ist daraus eine Freundschaft entstanden, genauso wie mit dem Patenkind, das zuvor aus dem Irak geflohen ist.

Sie helfen also Menschen als Patin ins Leben, ferner sind Sie in der Sterbebegleitung aktiv. Welch krasser Gegensatz!

Reiter: Ja, ich habe im Christophorus-Hospiz eine entsprechende Ausbildung gemacht. Über kurz oder lang könnte es auch bei uns Gesetze geben, die die aktive Sterbehilfe regeln. Da ist es umso wichtiger, dass es Ehrenamtliche gibt, die sagen: „Schaut her, Sterbebegleitung ist doch auch ein Lösungsweg, eine echte Hilfe!“

Sie sagen also ganz klar Nein zur aktiven Sterbehilfe?

Reiter: Ich kann Menschen grundsätzlich verstehen, die dies für sich beanspruchen möchten. Aber ich möchte nicht diejenige sein, die das für jemand anders entscheiden muss, weil er es selbst nicht mehr kann. Diese Verantwortung möchte ich nicht auf mich nehmen.

Es ist eine schwierige Frage, wann ein Leben vom Leiden her unwürdig ist für jemanden!

Reiter: Ich habe Sterbebegleitung bei einer 87-Jährigen geleistet. Der Frau wurde bereits der Magen entnommen, sie musste durch eine Sonde ernährt werden und konnte nicht mehr richtig reden und atmen. Aber immer, wenn ich sie besucht habe, hat sie mir mit letzter Kraft gesagt: „Mir geht es gut!“ Und dann hat sie ihren Magnolienbaum angelächelt, der sie sehr erfreut hat. Ich glaube nicht, dass irgendjemand das Recht hat zu sagen: „Das reicht nicht mehr zum Leben!“

Zum Schluss noch einmal zurück mitten ins Leben der First Lady: Wie sieht Ihre persönliche Zwischenbilanz nach 15 Monaten aus?

Reiter: Ich habe meine berufliche Arbeitszeit deutlich reduziert, bin nur noch ein bis zwei Tage pro Woche im Büro. Dafür sind viele neue Aufgaben hinzugekommen. Ich habe im Rahmen meines ehrenamtlichen Engagements viele Termine und Gespräche und begleite meinen Mann öfter bei Abend- oder Wochenendveranstaltungen. Das macht mir Freude. Und wenn es mir gelingt, das ein oder andere soziale Projekt zu unterstützen, weiß ich, dass sich der Einsatz auch lohnt.

Die Dänemark-Entscheidung war also vollkommen richtig?

Reiter: Auf alle Fälle. Für meinen Mann ist sein großer Lebenstraum wahr geworden. Und für mich persönlich war das kein Schritt zurück, sondern eine Bereicherung, die nicht größer sein könnte. Manchmal, wenn wir irgendwo bei einer schönen Veranstaltung sind, ertappe ich mich, dass ich mich immer noch frage: „Ist das alles real?“ Jedenfalls ist unsere Entwicklung und unser Leben in dieser Rolle für uns beide sicher kein Grund abzuheben. Wir bleiben mit beiden Beinen auf dem Boden. Aber ab und zu genießen darf man es schon. Und das tun wir auch.

Petra Reiters Sommertipps

  • Eisdiele Ballabeni,

Theresienstraße 46,

80333 München

(Vorsicht: Suchtgefahr!)

  • Filmvergnügen unter freiem Himmel: Kino, Mond & Sterne. Bis 6. September möglich auf der Seebühne im Westpark.
  • Petras Sommersalat

Zutaten:

1/2 Wassermelone

250 g Schafskäse

1/2 Bund Frühlingszwiebeln

1 Limette

Kürbiskerne

Olivenöl

Zubereitung:

Wassermelone in Stücke schneiden, Käse in Würfel schneiden, geschnittene Frühlingszwiebeln dazugeben und angeröstete Kürbiskerne unterheben. Den Saft der Limette mit dem Olivenöl vermengen und über den Salat geben. Umrühren, fertig!

Weitere tolle Interviewpartner für die tz-Sommergespräche

  • Der Entertainer: Maxi Arland (34) ist als Sänger und Moderator so richtig durchgestartet.
  • Der Flughafenchef: Michael Kerkloh (61) verrät im Interview, dass nicht Fliegen, sondern Musik und Radeln seine großen Leidenschaften sind.
  • Die Wetterfee: Die charmante Wetter-Moderatorin Claudia Kleinert (45) sorgt in der ARD dafür, dass wir selbst trübe Tage als einigermaßen erträglich annehmen. Fürs Interview will sie entweder an den Flaucher oder ins Bad Maria Einsiedel.
  • Der Löwe im Exil: Benny Lauth (34) ist einer der wenigen, der sich zuletzt Kultstatus erkämpft hat. Leider ist er nicht mehr in Reihen von 1860.
  • Der Grantler der Nation: Gerhard Polt (73) ist Kabarettist, Filmemacher, Schauspieler und vor allem: eines der größten lebenden Originale im Freistaat. Wir treffen ihn daheim am Schliersee.
  • Die Mutter aus Leidenschaft: In der tz-Weihnachtsausgabe hat uns Maria B. (50) gezeigt, wie sie ihren Alltag mit zwölf Kindern meistert. Im Sommerinterview kriegt sie eine Pause: Wir reden garantiert nicht über Kinder!
  • Der Blaublüter: Prinz Leopold von Bayern (72) ist der Ur-Ur-Enkel von König Ludwig I. - er spricht mit uns über sein weltliches Leben und seine Leidenschaft für schnelle Autos.
  • Der rasende Ordnungshüter: Polizei-Vizepräsident Robert Kopp (56) düst ab nach Rosenheim - der passionierte Motorradfahrer wird dort Chef des Präsidiums Oberbayern Süd

Stefan Dorner

 

Alle bisherigen tz-Sommerinterviews 2015 finden Sie hier.

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