Der Alt-OB über sein Leben als Pensionär

tz-Sommerinterview: Käpt’n Ude auf Entdecker-Tour

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Anker hoch und Schotten dicht: Christian Ude hat jetzt auch Zeit für Schiffsreisen in die Ferne.

München - 21 Jahre lang leitete Christian Ude die Geschicke der Landeshauptstadt. Im tz-Sommerinterview sprachen wir mit ihm über seine Zeit als Pensionär, Kabarettauftritte - und viele, viele Reisen.

Heute reden wir mit Christian Ude (67), der seit Mai 2014 nicht mehr Münchner OB, sondern Pensionär ist. Der Mann hat also durchgehend Urlaub, möchte man meinen – dennoch ist es nicht einfacher geworden, einen Termin bei ihm zu bekommen. Ganz früher war er rasender SZ-Reporter, dann umtriebiger Mieteranwalt, zuletzt 21 Jahre viel beschäftigtes Stadtoberhaupt – dass so einer das Wort Ruhestand zu wörtlich nehmen könnte, war auch nicht zu erwarten. Die tz traf Ude im Biergarten Hirschau, den er wegen seiner Gemütlichkeit schätzt.

Wie groß war denn das Loch, in das Sie gefallen sind, nachdem Sie nach 20 Jahren plötzlich nicht mehr OB waren?

Christian Ude, Altoberbürgermeister: Das schwarze Loch ist eine reine Erfindung von Journalisten, die sich offensichtlich nicht vorstellen können, dass ein Leben ohne Bürgerversammlungen über Hundekot auch sehr schön sein kann. Meine Erfahrung ist: Ich kann nach wie vor alles machen, was mir immer schon Spaß gemacht hat – Vorträge halten und Diskussionen leiten, Wahlkampf machen, Aufsätze veröffentlichen, in Zeitungen schreiben, Kabarett veranstalten. Ich muss aber nichts machen, das ich nicht mag. Fabelhaft!

Aber es wird doch etwas fehlen, vielleicht das Dienstauto und der Fahrer?

Ude: Das Auto ist mir wurscht, da reicht mir mein winziges vollkommen. Aber die Abwesenheit eines Fahrers ist tatsächlich eine echte Entbehrung: Immer muss man den Weg rausfinden und ins Navi eingeben. Dann sucht man einen Parkplatz und weiß am nächsten Tag nicht mehr, wo der ist. Die zweite Beschwernis liegt in der Beschaffung von Informationen: Früher habe ich einfach morgens in einer Mitarbeiterrunde gesagt, was ich alles brauche, und um zehn Uhr waren die Informationen da.

Keine Wehmut, wenn ein anderer auf der Wiesn anzapft?

Ude: Gar nicht. Sowohl die Wiesn als auch die Meisterfeier kann ich jetzt aus der Distanz genießen. Beide Themen sind übrigens Klassiker in meinem Soloprogramm.

Wie oft stehen Sie auf der Bühne?

Ude: So oft, dass es noch Spaß macht und nicht in Stress ausartet. Ich habe zwei- bis dreimal im Monat den Doppelten Ude mit meinem Nockherberg-Double Uli Bauer und zwei bis drei Lesungen und Soloauftritte. Größere Formate sind seltener, zum Beispiel Ude and Friends. Das ist ein Konzertabend mit Kabarettbeiträgen im Prinzregententheater. Das nächste Mal am 5. November. Eine Besonderheit kommt im Dezember dazu: nämlich „Der Blechschaden und Christian Ude auf Tournee“. Das sind die Blechbläser der Münchner Philharmoniker mit einem Weihnachtskonzert der besonderen Art. Gestartet wird in der Philharmonie mit 2000 Leuten, und dann geht es in alle größeren Städte Bayerns. Ich habe zwar schon Statistenrollen in Filmen gespielt, aber mit einer Künstlergruppe auf Tournee gehen, das war mir noch nie vergönnt!

Haben Sie auch eine Rolle in den musikalischen Darbietungen von Blechschaden?

Ude: Auf einen solchen Beitrag habe ich natürlich bestanden, den werde ich an der Triangel geben. Die ist bekanntlich das wichtigste Instrument im Orchester.

Wir sprachen vorhin über Lesungen, ist denn auch mal wieder ein Buch zu erwarten? Rächt es sich jetzt, dass sie schon vor 20 Jahren Ihre "verfrühten Memoiren geschrieben" haben?

Christian Ude beim Sommerinterview mit tz-Redakteurin Barbara Wimmer in der Hirschau.

Ude: Ja, das Memoirenthema, die große Versuchung für ältere Politiker, habe ich ja schon beim Amtsantritt erledigt. Da ist nichts zu befürchten. Aber es wird noch mal eine Sammlung von Satiretexten geben, die noch in diesem Jahr erscheint. Außerdem arbeite ich mit einem Coautor an einem sehr ernsthaften Buchprojekt. Das ist aber erst fürs nächste Jahr geplant.

Darf man schon etwas über das Thema wissen?

Ude: Es befasst sich mit der neuen Ratlosigkeit und den Orientierungsproblemen auf unserem Kontinent.

Wie sieht ein normaler Pensionistentag aus?

Ude: Ich fahre viel mit dem Fahrrad herum, weil ich es wirklich liebe, die Stadt auf diese Weise zu erleben. Es ist auch ein bisschen Bewegung, ohne sich wirklich anstrengen zu müssen. Es gibt aber auch viele Ausflüge, die ich organisiere oder begleite, zum Beispiel durch Bayern ...

Um das während des Wahlkampfs 2013 gewonnene Wissen anzuwenden?

Ude: Ja, da habe ich in der Tat interessante Dinge erfahren. Ich hätte nie in Neumarkt in der Oberpfalz ein modernes Museum vermutet, oder Riesenfestivals in Bamberg oder grandiose Kulturereignisse in Würzburg.

Wann geht’s nach Mykonos?

Ude: Mykonos besuchen wir natürlich nicht im Sommer, sondern davor und danach – und zwar jeweils für einen Monat. Vorher machen wir aber noch eine zweiwöchige Flusskreuzfahrt auf der Donau, von Passau aus bis buchstäblich ins Schwarze Meer und zurück. Das ist für mich eine reine Entdeckungsreise, weil wir noch nie in diesen Balkanländern waren. In Ungarn zuletzt als Schüler, und in Rumänien und Bulgarien noch nie.

Befassen Sie sich mit aktueller Stadtpolitik?

Ude: Nicht öffentlich. Für mich wichtig ist mein Engagement in sozialen Stiftungen und im Verein zur Beratung und Unterstützung von Opfern von rechter Gewalt. Dafür, so fürchte ich, könnte es in nächster Zeit wachsenden Bedarf geben. Außerdem befasse mich intensiv mit der Entwicklung in Griechenland, in der Türkei und in China. Derzeit bereite ich wieder einen Kurs bei der Volkshochschule vor, der im Herbstsemester am 27. Oktober anfängt. Da möchte ich wieder hochkarätige Gäste aus allen Parteien zu politisch interessanten Gesprächen einladen. In meinem letzten Kurs waren sogar Peter Gauweiler und Theo Waigel dabei. Das ist für die Kursteilnehmer Information aus erster Hand, fernab vom politischen Tagesgeschäft.

Hätte man sich dafür schon einschreiben müssen?

Ude: Nein, man kann sich noch einschreiben oder auch einen einzelnen Abend buchen.

Was hat es mit Ihrem Engagement in Istanbul auf sich?

Ude: Diese Beratertätigkeit in der Kommune Maltepe begeistert mich sehr: Dort wird nicht eine neue Messe geplant, sondern auch eine Deutsch-Türkische Konferenz mit Kommunalpolitikern aus beiden Ländern, die eine Städtepartnerschaft unterhalten – das sind immerhin 180 Partnerschaften!

München ist aber nicht dabei.

Ude: München hat keine türkische Partnerstadt, aber die Stelle für Internationale Beziehungen macht bei der Konferenz mit.

Für Herbst hat Staatspräsident Erdogan Neuwahlen angesetzt.

Ude: Ja, die werden wenige Tage nach dieser Konferenz stattfinden. Unser Ziel ist, die deutsch-türkische Freundschaft, die angesichts der vielen Türken in Deutschland eigentlich eine pure Selbstverständlichkeit sein muss, zu verteidigen gegen islamistische Anschläge oder islamischen Radikalismus einerseits und gegen Fremdenfeindlichkeit und Abgrenzungsstrategien andererseits. Da freut mich, dass in beiden Ländern Bürgermeister aller Parteien mitmachen.

Wie kamen Sie zu dieser Aufgabe?

Ude: Der dortige Bürgermeister Ali Kilic, den ich seit seiner Kindheit kenne, ist in diesen Fragen extrem aufgeschlossen und aktiv, weil er 25 Jahre als Journalist in München gelebt und gearbeitet hat. Er hat auch die Deutsch-Türkische Freundschaftsföderation mitbegründet, die sowohl in Deutschland als auch in der Türkei viele Menschen und Institutionen ausgezeichnet hat, die sich um den Austausch kümmern.

Ist Ihre Frau Edith froh, dass Sie jetzt öfter daheim sind, oder eher genervt?

Ude: Dass wir jetzt mehr Zeit für Gemeinsamkeiten haben, genießt sie sehr. Verschleißerscheinungen wegen zu häufiger Anwesenheit gibt es bisher nicht. Sie war vielmehr genervt, als es 2012 hieß, es könne noch länger dauern. Umso respektabler fand ich, dass sie entgegen ihrer persönlichen Bedürfnislage im Landtagswahlkampf aktiv mitgeholfen hat.

Hier würde sich eine Frage nach der Bayern-SPD anbieten, aber wir wollen nicht zu politisch werden.

Ude: Und es gehört ja auch zu den unschätzbaren Privilegien eines Pensionisten, dass er sich nicht zu allen Themen äußern muss.

Christian Udes Sommer-Tipps:

Entlang der Isar nach Norden radeln. Richtung Freising. Das ist landschaftlich so reizvoll. Dort fühlt man sich wie an einem wilden Fluss, der durch die freie Natur fließt. Die Heerscharen sind ja Richtung Süden unterwegs. Das Gleiche gilt hier für den Biergarten Hirschau im Nordteil des Englischen Gartens. Es ist ruhig und gemütlich, während 100 Meter weiter südlich das Leben tobt.

Eine Floßfahrt auf der Isar von Wolfratshausen zur Floßlände. Angezapft wird mit dem Beil!

Ich bin ein Jazzliebhaber und schätze sowohl die Prager Jazzer in der Waldwirtschaft Großhesselohe wie auch den Jazz mit Joe Kienemann, den man im Biergarten in der Hirschau immer wieder hören kann. Im Herbst empfehle ich Jenny Evans mit ihrem Peter-Kreuder-Abend am 24. Oktober im Silbersaal des Deutschen Theaters.

Barbara Wimmer

Alle bisherigen tz-Sommerinterviews 2015 finden Sie hier.

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