tz-Sommerinterview

Toni Hofreiter hat Sehnsucht nach mehr Grün

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Toni Hofreiter erzählt im tz-Sommerinterview von seiner Schulzeit in München.

München - Toni Hofreiter spricht im tz-Sommerinterview über seine Liebe zur Natur. Außerdem erzählt er, wie er sich bei einem Überfall in Südamerika selbst verteidigte.

Sie waren früher als Biologe viel in der Natur – fehlt Ihnen das, jetzt als Abgeordneter?

Hofreiter:Das fehlt mir schon. Aber manchmal gelingt es, das in die Politik zu integrieren: So machen wir vom Grünen-Kreisverband jedes Jahr eine Wanderung entlang der renaturierten Isar von Schäftlarn aus. Das ist wahnsinnig schön. Und ab und zu nehme ich mir auch die Zeit, im Kaisergebirge wandern zu gehen. Ganz ohne Natur und Berge – des geht ned.

Zunehmende Gewalt gegen Flüchtlingsheime, der Syrien-Krieg, die Griechenland-Krise: Können Sie sich angesichts all dieser Probleme im Urlaub richtig entspannen?

Hofreiter: Die heftigen Probleme beschäftigen mich natürlich auch in der Freizeit. Aber da helfen die Berge: Das Beste zum Abschalten ist ein paar Tage wandern. Vor einiger Zeit war ich in Korsika zu Fuß unterwegs. Da kriegt man zumindest für kurze Zeit den Kopf frei. Aber auch in den Bergen sieht man die Verschandelung mit Liften und die zurückgehenden Gletscher.

Holt einen nicht auch da die Politik ein? 

Hofreiter: Ja, vor allem als Naturwissenschaftler fällt einem das auf. Man sieht die Veränderungen, die die Klima-Krise auslöst – auch bei uns in den Alpen. Ich war Biodiversitätsforscher. Da hat man einen anderen Blick auf die Artenverluste.

Sie waren als Schüler am Asam-Gymnasium in München. Was waren da so die Lieblingsorte, an die man in Freistunden hingegangen ist?

Hofreiter: In Giesing direkt in der Umgebung. Aber wo ich in München immer am liebsten hingegangen und auch heute noch gerne bin, das ist die Isar. Auch der Englische Garten ist wunderschön: Gerade vor einer Woche war ich mal wieder im Eisbach baden.

Nach der Schule haben Sie an der LMU Botanik studiert und über die Inkalilie Bomarea, eine Pflanzengruppe, die in Lateinamerika vorkommt, promoviert. Zieht es Sie auch heute noch nach Südamerika?

Toni Hofreiter ist gerne in der Natur.

Hofreiter: Ich war schon länger nicht mehr da. Früher war ich oft dort unterwegs. Als ich Anfang des Jahrtausends promovierte, gab es dort extrem unsichere Gebiete. 2001 wurde ich auf einer Expedition in Peru in der Nähe von Ayacucho überfallen. Ich war allein unterwegs, um Pflanzen zu sammeln. Plötzlich wurde ich von einer Reihe von Männern mit Gewehren umzingelt, die glaubten, mir meine Kameras und andere Dinge abnehmen zu können. Ich hatte schon früher die Erfahrung gemacht, dass man in solchen Situationen bestimmt und selbstbewusst auftreten muss. Wir gerieten in eine heftige Debatte. Ich hatte ein größeres Messer dabei. Das half wohl, dass wir uns glücklicherweise letztlich friedlich trennten.

Hilft es, bestimmt und selbstbewusst aufzutreten, auch in der Politik? 

Hofreiter: Da kommt es nicht so oft vor, dass man mit einer Waffe bedroht wird. Aber natürlich, Selbstbewusstsein hilft überall, auch in der Politik.

Sie machen ja im Gespräch einen sehr ruhigen Eindruck. Aber bei Ihren Reden im Bundestag können Sie ganz schön temperamentvoll werden. Was regt Sie denn so richtig auf?

Hofreiter: Zum Beispiel die Maut-Pläne von Alexander Dobrindt (CSU). Da habe ich mich im Bundestag schon sehr über den offensichtlichen Quatsch aufgeregt, den er erzählt hat! Herr Dobrindt hat da wieder gemeint: „Warum sollen wir keine Maut einführen dürfen, wenn die Österreicher es doch auch tun?“ Aber Fakt ist doch, dass in Österreich auch die Österreicher Maut bezahlen müssen. Herr Dobrindt sollte die Lkw- Maut ausweiten. Aber eine Maut nur für die „Ausländer“ – das geht nicht.

In der Politik geht es oft irrational zu, siehe Griechenland-Rettung. Regt Sie das als Naturwissenschaftler auf?

Hofreiter: Im Fall von Griechenland regt mich die Irrationalität weniger auf – sie macht mir vielmehr Sorgen. Denn hier hat die Irrationalität ein Maß angenommen, das die EU in ihren Grundfesten erschüttert und neuen Nationalismus hervorbringt. Für mich ist die EU trotz all ihrer Fehler und Defizite eines der wertvollsten politischen Projekte, die wir hier in Europa haben. Sie sichert uns nicht nur Frieden, sondern auch Wohlstand und Freizügigkeit. Ich kann mich noch erinnern, als wir als Jugendliche mit dem VW-Bus nach Österreich gefahren sind und jedes Mal an der Grenze gefilzt wurden. Das zeigt doch, was wir im persönlichen Leben gewonnen haben.

Jetzt gibt es ein weiteres Hilfspaket. Aber erkennen Sie auch ein Konzept, wie Griechenland dabei wieder auf die Beine geholfen werden soll?

Hofreiter: Die griechische Wirtschaft ist um 25 Prozent eingebrochen. Es gibt eine Jugendarbeitslosigkeit von fast 60 Prozent. Das zeigt doch, dass die ersten beiden Programme ihr Ziel verfehlt haben. Keine der Seiten traut sich, die Wahrheit zu sagen: Die griechische Regierung hat sich nicht getraut zu sagen, dass Korruption und Mängel in der Verwaltung eine Mitschuld an der Misere tragen. Und die anderen EU-Regierungen trauen sich nicht zuzugeben, dass ein Teil des Geldes nicht zurückgezahlt werden kann. Ich kann nur hoffen, dass das dritte Hilfspaket eine wirkliche Unterstützung für Griechenland wird.

Jetzt gab es den Vorschlag des künftigen ifo-Präsidenten Fuest, einen Soli für Griechenland zu erheben. Wäre das eine ehrliche Lösung?

Hofreiter: Ehrlich von Merkel und Schäuble wäre es, sich am IWF zu orientieren: Der sagt, dass es ohne eine Schuldenerleichterung nicht gehen wird. Das wäre ein kluger Weg, um Griechenland den Weg aus der Krise zu ermöglichen. Denn derzeit wird Griechenland durch die Schuldenrückzahlungen erdrückt. Das kann nicht im Interesse der Gläubiger sein.

Reicht das? Muss nicht zusätzlich eine Art Marshall-Plan her, damit die griechische Wirtschaft wieder auf die Beine kommt? 

Toni Hofreiter mit tz-Politikchef Klaus Rimpel.

Hofreiter: Ja, wir Grünen schlagen hierfür einen Green New Deal vor, also eine Wirtschaftsförderung für Erneuerbare Energien. In Griechenland werden gigantische Summen ausgegeben, um die Inseln mit alten Dieselgeneratoren oder Öl-Kraftwerken mit Strom zu versorgen. Aber gerade die griechischen Inseln haben zuverlässig Wind und Sonne. Ihre Stromversorgung könnte problemlos auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Wenn Griechenland auf diese Weise Öl- und Gasimporte sparen könnte, hätte es eine ausgeglichenere Handelsbilanz ohne neue Schulden. Auch im Bereich nachhaltiger Tourismus und hochwertige Landschaft könnte viel investiert werden. Das sind Wirtschaftsbereiche, wo Positives entstehen kann.

SPD-Mann Torsten Albig hält es für überflüssig, dass seine Partei einen eigenen Kanzler-Kandidaten aufstellt, weil er so zufrieden mit CDU-Frau Angela Merkel ist. Wie finden Sie das?

Hofreiter: Es wäre total grotesk, schon zwei Jahre vor der Bundestagswahl aufzugeben. Aber das ist Sache der SPD. Da wollen wir keine strategischen Ratschläge geben.

Müssen dann wenigstens die Grünen mit einem Kanzlerkandidaten zeigen, dass Merkel nicht „alternativlos“ ist? Hofreiter: (lacht) Die SPD ist die zweite große Partei, die müssen ran. Es täte der Demokratie nicht gut, wenn die SPD einfach erklären würde, das war’s schon.

Toni Hofreiters Sommertipps

1. Wandern im Zahmen Kaiser. Mit dem Zug nach Kufstein, von dort auf die Vorderkaiserfeldenhütte und die Aussicht auf das Inntal genießen. Besonders schön: der Sonnenuntergang von der Hüttenterrasse.

2. Früh aufstehen und die morgendliche frische Luft bei einem leckeren Tee und einem guten Buch genießen.

3. Kaltes Gemüserisotto. Ist schnell und einfach gemacht: Reis kochen, Gemüse klein schneiden und zusammenmischen. Mit Salz, Pfeffer, Zitronensaft und Öl abschmecken und vor dem Servieren Parmesan drüberreiben.

Alle bisherigen tz-Sommerinterviews finden Sie hier.

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