tz-Sommerinterview

Violinist Beckmann spricht über die Suche nach dem perfekten Ton

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Hannes Beckmann mit seiner Violine.

München - Violinist Hannes Beckmann lebt seit seinen Studentenjahren im Münchner Bahnhofsviertel. Im tz-Sommerinterview spricht er darüber, wie es sich über die Zeit verändert hat.

In dieser Ausgabe des tz-Sommerinterviews sprechen wir mit dem Violinisten Hannes Beckmann, der mit der Band Sinto in den 70er-Jahren Münchner Musikgeschichte schrieb.

Der Geiger lebt seit seinen Studentenjahren im Bahnhofsviertel und hat über die Orientalisierung seiner Umgebung mit der Orchesterkomposition Canto Migrando eine Hymne geschrieben. Mit dem gleichen Hintergrund entstand auch seine aktuelle Formation, die Bahnhofskapelle, mit der Hannes Beckmann am 23. und 24. August in der Unterfahrt auftritt. Aus besonderem Grund: Maestro Beckmann feiert seinen 65. Geburtstag.

Eine besondere Freude, denn der Musiker sprang vor 15 Jahren dem Krebstod von der Schippe.

Es gibt ein Projekt mit dem Titel „Wie ein traumhaftes Solo – aus der Erfahrung eines geheilten Krebspatienten“.

tz-Reporter Antonio Seidemann mit dem Violinisten.

Hannes Beckmann: Das war ein Manuskript, das ich aufgelegt habe, nachdem die ersten Ängste mit dem Krebs ausgestanden waren. Ich beschreibe darin, dass etwas laufen muss wie ein traumhaftes Solo. Ich habe mich seit meiner Schulzeit viel mit griechischer Philosophie auseinandergesetzt. Es gibt eine Stelle bei Plato, da holt Sokrates aus einem unbedarften Menschen eine komplizierte arithmetische Gleichung heraus. Im sogenannten sokratischen Dialog. Der Ausgangspunkt ist, dass jede Lösung vorhanden ist, jeder Ton besteht, jedes Tor, das geschlossen wurde, gibt es bereits. Man kommt manchmal zu so einem Punkt, an dem dir alles gelingt. Das ist das traumhafte Solo. Und das ist der schöne Ton.

Der schöne Ton, das klingt wirklich schön.

Beckmann: Als ich in den 70er-Jahren hier einzog, hatte ich viel Kontakt zu den Sinti und Roma in München. Vor allem im legendären Billardclub an der Goethestraße. Dort habe ich Häns’che Schubert und Dany Weiss getroffen. Schubert hatte noch immer die KZ-Nummer eintätowiert. Er war ja auch Geiger, technisch vielleicht nicht der allerbeste, aber er sagte eines Tages zu mir: Aber Hannes, ich spiele doch auch schöne Töne? Darum geht es mir noch heute, ich suche immer nach dem schönen Ton. Ich habe ihn oft gefunden, aber ich suche ihn immer wieder.

Ist man süchtig nach dem schönen Ton?

Beckmann: Man sucht ihn immer wieder, man forscht, man will ihn unbedingt finden. Es ist kein Phantom. Ich habe ihn ja oft gefunden, aber ich suche ihn immer wieder. Der schöne Ton, das ist die einfache Linie. Da geht es nicht um Schnelligkeit, sondern um die beste Verbindung in der Musik von A nach B

Sie haben in Düsseldorf Musik studiert.

Beckmann: Ja, ich war dort am Konservatorium. In München habe ich dann Jura und Musikwissenschaft studiert. In Belgrad bin ich Professor geworden und erhielt später einen Lehrauftrag hier an der Musikhochschule.

Wie war es, als Konservatoriums-Musiker auf die Spielweise der Sinti zu treffen?

Beckmann: Das war eine Offenbarung, als ich von Düsseldorf hierher kam. Im Lokal La Cumbia zum Beispiel bin ich auf den Gitarristen Pery dos Santos getroffen. Mit ihm, mit Charles Campbell und Edir dos Santos hatte ich die Band Sinto. Pery ist leider schon lange tot, auch Campbell. Edir und ich spielen immer noch zusammen.

Sind Sie damals gleich ins Banhofsviertel gezogen?

Beckmann: Ja, ich bin 1973 in dieses Haus gezogen.

Wie haben Sie die Veränderungen im Viertel miterlebt?

Beckmann: Ich habe die ganze Orientalisierung im Viertel mitgemacht. Ich habe eine große Orchestersuite darüber geschrieben, das Canto Migrando. Unten in der Kneipe haben Tunesier getrommelt, das habe ich bis in die Wohnung ­gehört und gedacht: Mensch, das wäre doch was! Zur gleichen Zeit habe ich meinen Job an der Hochschule angetreten, hatte also zum ersten Mal die Chance, Geiger heranzubilden, die bei so einem Projekt mitspielen konnten. Ich habe es ja mit vielen Top-Orchestern probiert, aber das klappt nicht.

Was ist das Problem?  Beckmann: Die Phrasierung. Die können einfach nicht swingen oder rhythmisch spielen, wie es da verlangt ist.

Es gibt Leute, die behaupten, dass nur Schwarze einen Blues spielen können …  Beckmann: Bullshit!

Gibt es auch Leute, die sagen, nur Roma können Sinti-Musik spielen?

Beckmann: Auch Blödsinn. Meine Güte! Der Franzose Stéphane Grappelli war einer der ersten und bekanntesten europäischen Jazzmusiker zusammen mit Django Reinhardt. Grappelli war der Motor. So ein Blödsinn!

Das ärgert Sie

Beckmann: Ich kann auch mit der Bezeichnung europäischer Jazz nichts anfangen. Langweiler-Jazz, das gibt es. Sie haben jahrelang viel Energie in die Jazz Initiative München und das Münchner Jazz-Festival gesteckt.

Ist es bitter, dass es verschwunden ist? 

Beckmann: Als ich meine Krebskarriere gestartet habe, konnte ich keinen Sinn mehr darin erkennen, mich kämpfend in den J.I.M.-Dschungel zu begeben. Dann bin ich an die Hochschule gegangen und habe ein neues Feld für mich aufgemacht, das fruchtbarer war. Mit jungen Leuten etwas zu machen, das ist interessant. Das hat auch die Bahnhofskapelle hier belebt.

Die Jazz-Szene hat sich gewandelt. Haben die alten Kollegen noch Kontakt?  Beckmann: Alte Kollegen gibt es nicht mehr viele. Was die Münchner Szene früher ausgemacht hat, war ihre Internationalität. Die finde ich nicht unbedingt mehr so gegeben. Mich haben immer Einflüsse von außen interessiert – und ethnische Musik. Das waren für mich die Motoren.

Sie sind auch nicht unbedingt ein „klassischer“ Jazzer …

Beckmann: Überhaupt nicht. Die Jazzpolizei hat mich immer im Visier gehabt. Ich denke dass wir bei J.I.M., das heißt ich, Wolfgang Schmid und Klaus Kreuzeder, die Szene schon offener gemacht haben.

Wenn Sie an ihre gut 40 Jahre umspannende Karriere zurückdenken, an welches Projekt erinnern Sie sich am liebsten?

Beckmann: Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich nach einem Masterplan gehandelt. Das war aber gar nicht so. Ich habe das gemacht, was ich gerade machen wollte. Es ergab sich eins aus dem anderen. Hätte ich Sinto früher nicht gemacht, hätte ich später Canto Migrando mit großem Orchester nicht machen können.

Ist die Band Sinto der Ausgangspunkt für alles?

Beckmann: Ganz klar. Sie haben auch Passionsmusik geschrieben, etwa das Projekt Kreuzwegsta­tionen.

Wie religiös sind Sie?

Beckmann: Ich bin nicht unbedingt religiös. Es interessiert mich alles eher vom humanistischen oder philosophischen Standpunkt aus. Transzendalität finde ich interessant, und die lässt sich mit Musik gut ausdrücken.

Und wenn es nicht um Musik geht, wie verbringen Sie die Tage?

Beckmann: Ich bin nach wie vor ein totaler Nachtmensch. Ich gehen nach wie vor gerne auf Konzerte, oft in der Unterfahrt. Mit meiner Frau bin ich allerdings so oft es geht in Tirol in den Bergen. Da habe ich meine Outdoor-Aktivitäten. Das ist auch einer der wenigen Gründe, für die ich gerne früh aufstehe: eine Berg- oder eine Skitour.

Sie sind auch in Tirol aufgewachsen, nicht wahr?  Beckmann: Ja, ich bin zwar in Bielefeld geboren, aber in Tirol aufgewachsen. Meine Mutter wurde in Innsbruck geboren. Später waren wir in Düsseldorf. Aber das war für mich eine derartige Plastikstadt! Ich wollte irgendwohin, wo ich näher an den Bergen bin, um Skifahren und Bergsteigen zu können. Deshalb bin ich eigentlich nach München gekommen.

Beckmanns Sommertipps

1. Hannes Beckmann ist ein Nachtmensch, wie er selbst gerne zugibt. Früh aufstehen ist nicht sein Ding, außer: Bei schönem Wetter hält auch ihn nichts im Bett – da muss er hinaus und hinauf in die Berge.

2. Der Geiger ist selbst schon in allen Münchner Jazzclubs aufgetreten. Viele gibt es heute gar nicht mehr, die Unterfahrt hat das Sterben der Jazzbühnen aber überlebt. Hier sieht man Beckmann oft beim Konzertbesuch.

Antonio Seidemann

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