Todes-Drama um Münchner Professor

tz in Venedig: Wenn die Gondolieri Trauer tragen

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Die Gondolieri sind wütend über die Zustände auf dem Canal Grande - und erschüttert ob des Schicksals von Professor V.

München/Venedig - Das schreckliche Gondel-Drama auf dem Canal Grande: Noch immer erschüttert der Tod des Münchner Uni-Professors die Menschen in Deutschland und in Italien. Die tz hat die Unfallstelle besucht.

Die Löwen-Fahne der Stadt auf Halbmast. Zwei Sträuße Blumen, die Sonnenblumen welk von der August-Hitze. Ein kleiner, pinker Turnschuh, wie ihn dreijährige Mädchen lieben. Eine Quietscheentchen-Figur, sie hat einen Helm auf. Venezianer haben ein Mahnmal für das Unfall-Drama errichtet.

Der Schuh blieb bei der Rettung liegen, er gehört tatsächlich dem dreijährigen Mädchen aus München. Ihr Papa, der LMU-Professor (50), hat sein Leben auf einer Gondel verloren, weil er seine kleine Tochter rettete und dabei selbst einen tödlichen Stoß eines Vaporetto-Wasserbusses erlitt. Ehefrau und Mama Gundula und die beiden älteren Söhne blieben unverletzt. Die Nachbarn sind erschüttert, die Gondolieri tragen Trauer. Die tz besucht die Unfallstelle.

„Halt durch, halt durch“, schreit die Ehefrau

Der Kellner Ignazio Zoppeddu (59) hat alles mit ansehen müssen. Er serviert nur wenige Meter daneben im Ristorante Saraceno mit den Tischen am Ufer. Es scheint wieder einmal brutal eng zugegangen sein auf dem Canal Grande. „Da kamen drei oder vier Vaporetti unter der Rialto-Brücke durch – und die Gondel“, erzählt er der tz. Die Gondel habe direkt vor dem Steg gestanden, als einer der Wasserbusse bei einem Manöver dagegen knallte. Am anderen Ufer sind gleich mehrere Haltestellen.

„Der Vater hat seine Tochter noch weggerissen“, berichtet der Kellner. Darum bekommt der Professor wohl die volle Wucht des Wasserbusses ab. Sitzend sei er zusammengesackt, die Gondel sei sogar 50 Meter weitergefahren, erzählt Zoppeddu. Schreie in der Luft. „Papa, Papa“, klingt die Kleine dem Kellner noch in den Ohren. „Halt durch, halt durch“, schreit die Ehefrau und stützt seinen Kopf. Vogel hat es nicht geschafft. Die Söhne sind geschockt.

Zwei Tage nach dem Unglück geht die Aufarbeitung weiter: Der Staatsanwalt ermittelt gegen den Vaporetto-Fahrer Emanuele Venerando, der genau wie Gondoliere Stefano P. (26) unter Schock steht. Die Fahrer klagen über lebensgefährliche Umstände auf dem Kanal. „Mörder, Mörder“, riefen sie den Gondolieri nach.

Unter der Rialto-Brücke geht es zu wie am Stachus: Nicht nur viele Wasserbusse befördern Tausende Touristen vom Bahnhof zum Markusplatz, private Boote, Taxis, Mietfahrzeuge, Schiffe von Feuerwehr und anderen Behörden kreuzen und queren die Wasserstraße scheinbar ohne Ordnung, die Fahrer hupen und schreien sich an. Dazwischen schaukeln die Gondeln, so wie Motorroller Laster umkurven. Italienischer Verkehr – auf dem Wasser, ohne Bremse. Wenn die Wasserbusse an den Haltestellen anlanden, geht ein Ruck durch die Passagiere und das Holz am Steg heult vor Knarzen auf.

Immer mehr Stege ragen weit in den Kanal hinein und verengen die Wasserstraße immer weiter, beschweren sich die 425 Gondolieri. Jedes Restaurant brauche einen Steg als Attraktion und die Gondeln könnten kaum noch ausweichen.

Die Touristen bekommen inzwischen nicht mehr viel mit von dem Unglück – und sollen es wohl auch nicht. Direkt am Unglückssteg liegt ein beliebter Foto-Punkt, weil man dort die ganze Rialto-Brücke hinten aufs Bild bekommt. Vier Burschen aus Bamberg bemerken das Mahnmal gar nicht. Drei Frauen in abgerissenen schwarzen Kleidern halten inne. Es sind wohl Bettlerinnen.

Hier spricht der Chef-Gondoliere:

Am Wochenende war es Wut, jetzt ist es Trauer: „Kein Gondoliere hat sich vorstellen können, dass einmal so etwas passiert“, sagt Aldo Reato (57), Präsident der Gondolieri-Gewerkschaft, der tz. Der große Mann steht seit 20 Jahren auf dem Boot und stochert nach Worten. „Das berührt mich sehr. In Gedanken sind wir bei der Familie, vor allem bei dem Mädchen. Unser Mitgefühl gilt auch den Freunden.“

Reato war am Samstag außerhalb der Stadt unterwegs. Nach dem Unfall aber eilte er sofort zurück – Beistand, Fragen, Beratungen mit seinen Kollegen. Den Lenker der Unglücksgondel, Stefano P., hat er noch gar nicht sprechen können. „Er ist bei seiner Familie“, sagt Reato. „Er steht völlig unter Schock.“ 26 Jahre ist er erst alt, aber er hat alle Kurse absolviert, alle Prüfungen bestanden für diesen jahrhundertealten, stolzen Beruf. Er war kein „Ersatzmann“, wie die Anfänger hier heißen.

Wütend hat der Gewerkschaftsboss noch am Wochenende geredet. „Das war ein Tod mit Ansage!“, sagte der der Lokalzeitung Il Gazzettino. „Ich sage es seit Monaten: Es ist riskant geworden auf dem Canal Grande.“ Ein Kollege war am Sonntag gar mit einem Banner unterwegs: „Gondelfahrt = Lebensgefahr“ stand darauf. Früher habe es hier zwei Stege für zwei Linien der Vaporetto-Wasserbusse gegeben, sagt Reato. Jetzt habe sich alles verdreifacht! „Zu viele Boote, zu viele Linien.“ Und italienische Zeitungen rechnen vor, dass heute rund 3500 Boote am Tag fahren, während es noch vor drei Jahren 1000 weniger waren.

50 Gondeln mit 150 Gondolieri versammelten sich am Sonntag an der Unglücksstelle vor der weltberühmten Rialto-Brücke, um innezuhalten – drei Stunden lang. Es gab eine Schweigeminute für den verstorbenen Professor, ein Pfarrer war auch dabei. „Wir fühlen uns der Familie nah“, sagt Gewerkschafter Aldo Reato, der Montag nur schon wieder aufs Boot stieg, um sich zu beruhigen. Und mit seinem Ärger vom Vortag steht er fast hilflos da: „Es gibt doch Regeln. Es würde reichen, wenn sie eingehalten würden.“ Dienstag wollen sich die Gondolieri zur Krisensitzung treffen.

Unglücksfahrer Stefano P.: "Er wollte sie küssen"

Es sollte ein Zeichen seiner Liebe sein – doch der Tod kam ihm zuvor! Kurz vor dem schweren Gondelunfall am Samstagmittag in Venedig wollte der Münchner Jura-Professor Joachim V. seiner Frau Gundula einen besonderen Moment schenken – einen Schnappschuss für die Ewigkeit.

„Der Professor wollte seine Frau unter der Rialto-Brücke küssen, weil dies Glück bringt“, sagt Stefano P., der die Unglücksgondel auf dem Canal Grande steuerte. Jetzt spricht der wichtigste Zeuge des Horror-Unfalls!

Über seinen Anwalt ließ der Gondoliere in der italienischen Zeitung Corriere della Sera schildern, wie er die Momente kurz vor dem Zusammenstoß des Wassertaxis mit seiner Gondel erlebte. Offenbar äußerte Joachim V. bereits vor dem Unglück Unbehagen über den starken Verkehr auf dem Canal Grande. Zu seiner Familie soll er laut P. gesagt haben: „In dem Gewirr und bei der Geschwindigkeit, mit der die Vaporetti unterwegs sind, würde ich niemals ein Boot steuern wollen.“ Videoaufnahmen der Verkehrswacht ergeben am Tag nach dem Unglück: Fünf städtische Wassertaxis waren zeitgleich an der Rialto-Brücke unterwegs.

Inzwischen tauchte auch ein Foto auf, das wenige Sekunden nach dem Unfall aufgenommen wurden. Es dokumentiert eine Szene des Schreckens: Zu sehen sind die beiden Buben von Joachim V. Starr vor Schreck blicken sie nach rechts und sehen, wie ihre verzweifelte Mutter den Nacken des schwer verletzten Vaters hält. „Halt durch, halt durch“, ruft sie Augenzeugen zufolge. Aber es ist zu spät: Sein Kopf kippt nach hinten, er wird bewusstlos. Vor den Augen seiner Kinder – und vor denen Hunderter Touristen. Zufällig ist ein Rettungssanitäter in der Nähe, der Erste Hilfe leistet. Doch V. verstirbt noch während der Ankunft in der Klinik.

Von Trauer gezeichnet, soll seine Frau Gundula Montag die Überführung seiner Leiche beim deutschen Konsulat in Venedig organisiert haben. Die Familie ist inzwischen aus Italien abgereist.

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David Costanzo / Andreas Thieme

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