Was die neuen Züge können

tz-Werksbesuch: Wiener bauen unsere neue U-Bahn

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So sieht die neue U-Bahn aus - lackiert mit den typischen Münchner Farben blau und grau

Wien - Kein Schmäh! In einem Wiener Werk werden die neuen Münchner U-Bahnen gebaut. Schon 2013 sollen die ersten in Betrieb gehen. Die tz hat sich umgesehen.

MVG-Chef Herbert König streicht über die schiefergrauen Leisten und tastet sich langsam zum Münchner Kindl vor: „Das ist unsere neue U-Bahn! Heute treten wir den Beweis an, dass hier etwas passiert.“

Werksbesuch in Wien! Die Siemens-Mitarbeiter sind derzeit eifrig am Schrauben und Schweißen, damit der 185-Millionen-Auftrag – die größte Investition in der Münchner U-Bahn-Geschichte – pünktlich abgewickelt werden kann. Denn der Zeitplan für die 21 neuen Züge ist sportlich: Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2013 sollen schon die ersten vier durch den Tunnel sausen und damit den Zwei-Minuten-Takt auf der Linie 2 zwischen Hauptbahnhof und Kolumbusplatz ermöglichen. Anschließend soll bis 2015 jeden Monat ein weiterer Zug vom neuen Typ C2 folgen – und damit den Generationswechsel einleiten. „14 sind als Ersatz für die ersten Modelle aus dem Jahr 1971 geplant“, sagt König.

Auch wenn das Design den jüngsten Münchner U-Bahnen angepasst ist: In punkto Ausstattung und Technik liegen jedoch Welten dazwischen! Die neuen Züge werden …

… durch farbige Lichtkanten beim Einstieg und durch breitere Türen sicherer.

… mit 90 km/h Höchstgeschwindigkeit rund 10 km/h schneller.

… durch neue LED-Leuchten moderner und energieeffizienter.

… mit ausschließlich gepolsterten Plätzen bequemer.

… durch Fahrgast-TV informativer.

… und mit einer Kapazität von 940 statt bisher 912 Passagieren vermutlich auch voller.

MVG-Chef Herbert König (rechts) erklärt tz-Reporter Sebastian Arbinger das Design

Dass hinter den tristen Toren die modernsten U-Bahnen der Welt produziert werden, sieht man dem Werk im Stadtteil Simmering wahrlich nicht an. Doch der Standort hat Tradition: „Vor 160 Jahren hat hier unser erster Reisezug-Waggon das Gelände verlassen“, sagt Sandra Gott-Karlbauer, Chefin der Sparte Urban Transport bei Siemens. Die Österreicherin lebte selbst sechs Jahre in München und scheint mit König & Co. enge Kontaktpflege zu betreiben: Denn erst vor wenigen Tagen gab die MVG den Wienern auch den Zuschlag für acht neue Avenio-Trambahnen. Bei den U-Bahnen hat die Powerfrau eine Option für 23 weitere herausgeschlagen. Das Gesamtvolumen dann: 550 Millionen Euro!

Die MVG-Männer sind derweil angetan von der Akribie der Österreicher. Und davon, dass sie „den Produktionsprozess so eng begleiten“ können, wie der Münchner U- Bahnchef Günter Pedall sagt. Tatsächlich wird auf den 76 000 Quadratmetern nichts dem Zufall überlassen. Was vorab im 3D-Modell penibel geplant wurde, setzen die 1200 Mitarbeiter rund um die Uhr in die Realität um. Fehler? Strengstens Verboten!

Trotz vieler automatisierter Arbeitsabläufe müssen die 1200 Siemens-Beschäftigten oft selbst Hand anlegen

„Wir setzen auch Roboter ein. Aber da muss die Einstellung genau passen. Wenn was schiefgeht, ist das katastrophal“, erklärt Werkleiter Robert Bauer in sympathischem Wienerisch. Überhaupt verwenden die Österreicher eine Menge Herzblut auf ihr Produkt: Wenn wichtige Fertigungsschritte geschafft sind, wird schon mal ein Frühstück für alle in den Werkshallen aufgetischt. Selbst die Weihnachtsfeier findet zwischen den halbfertigen Zügen für Warschau, Oslo und München statt.

14 Monate bleiben jetzt noch. Zeit für die Feinarbeit – und einen aufwendigen Abnahmeprozess. Denn ein ähnliches Debakel wie zuletzt mit den Vario-Trambahnen, die aus Berlin kamen, darf sich die MVG nicht mehr leisten. „Wir reichen schon jetzt alle möglichen Dokumente ein. Aber die Behörde (Regierung von Oberbayern; die Red.) verlangt enorm viel. Das haben wir noch nie erlebt“, sagt Pedall.

Wenn schließlich alle Unwägbarkeiten ausgeräumt und die Produktionsabläufe perfektioniert sind, übergeben die Wiener an ihre Kollegen im Allacher Schwesterwerk, wo ab dem siebten Zug jeweils die finalen Arbeiten erfolgen sollen.

Und von hier haben es die neuen U-Bahnen ja dann nicht mehr weit zu den insgesamt 100 Kilometer Schienen im Münchner Untergrund.

Sebastian Arbinger

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