Ich wurde im Heim vom Pater missbraucht

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Gertrud T. besucht für die tz den Schreckensort ihrer Jugend, das Magnusheim. Aber das Haus betreten – das würde sie nie mehr.

Im Traum hört sie manchmal das Brechen des Stockes. Dann ist der Schmerz wieder da: die brennenden Striemen auf dem Rücken, blutunterlaufene Schwellungen in kleinen Kinderhänden.

Dazu die quälende Erkenntnis: Keiner hilft dir. Du bist allein …

50 Jahre lang hat die mittlerweile pensionierte städtische Angestellte Gertrud T. (63, ­Name geändert) versucht, ihre traumatische Kindheit in einem katholischen Heim für „schwachsinnige Mädchen“ zu verdrängen. Ein tz-Bericht über die Schicksale deutscher Heimkinder ließ alle Dämme brechen. Auch Gertrud T. war ein Heimkind, verbrachte ihre Kinder- und Jugendzeit in einer katholischen Anstalt nahe Buchloe. Als sie sieben war, bekam sie ihre Nummer, wurde „Heimkind 203“. Der Albtraum begann, der sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zieht.

Gertrud kam 1945 zur Welt, wuchs mit vier Geschwistern in der Landsberger Provinz auf. Trudis kleine Welt war in Ordnung – bis sie an Hirnhautentzündung erkrankte: „Ich überlebte. Aber ich war fast taub. Das hat keiner gemerkt.“ Weil sie kaum noch etwas hörte, wollte sie auch nicht mehr sprechen. Familie und Lehrer verloren bald die Geduld: „Ich galt als dumm, verstockt und schwer erziehbar.“

Und so wurde eines Tages im Jahr 1952 Trudis Koffer gepackt. Kein Spielzeug, kein Kuscheltier. Kein Abschiedskuss von Mama. Erst die erwachsene Gertrud begriff den Hintergrund: „Meine Mutter hat sich nie verziehen, dass ich das Ergebnis eines Seitensprungs mit einem Koch war. Sie konnte mich nicht lieben und wollte mich loswerden.“

Jemand vom Jugendamt lieferte Trudi im Magnusheim in Holzhausen bei Buchloe ab. Das unheimliche Gemäuer, die weiß gestärkten Hauben der strengen Ordensschwestern, der unerbittliche Geist von Zucht und Ordnung – all das ängstigte das Kind. Und dann der riesige Schlafsaal: dicht an dicht die Betten. Kein Schrank, kein Tisch, kein Nachtkasterl. „Ich bekam meine Nummer 203. Ab da gab es Trudi nicht mehr.“

In der ersten Nacht weinte sich Heimkind 203 die Augen aus: „Ich hatte furchtbares Heimweh. Ich wartete. Aber es kam keiner, um mich zu holen.“ Ihre Tage begannen um 6 Uhr mit dem Kirchgang vor dem Frühstück. Zum Zähneputzen gab es Salz, zum Waschen kaltes Wasser. Wehe dem, der das Bettzeug nicht stramm zog mit eingeschlagenen Ecken. Gleich am ersten Morgen machte Trudi Bekanntschaft mit dem Stecken.

Vormittags Schule, nachmittags Drill und harte Arbeit. Hunderte Male brachte Trudi das Linoleum in den langen Gängen bis zur Erschöpfung auf Hochglanz: „Das Klack-Klack-Geräusch des Stiels vergesse ich nie.“

Einige Mädchen bekamen Pakete von daheim: „Die kauften sich mit Schokolade bei den Nonnen frei.“ Trudi gehörte nie zu den Glücklichen. Als sie ein Stück Schokolade stahl, wurde sie einen Tag lang in eine dunkle Besenkammer gesperrt. Dabei musste sie ständig wiederholen: „Der Teufel war in mir! Der Teufel war in mir!“

Eines Abends trat eine Nonne an Trudis Bett, belästigte das Kind mit ihren harten Händen und hielt ihm dabei den Mund zu. „Auch Pater B. befriedigte sich mehrfach an uns.“ Ein einziges Mal vertraute sich Nummer 203 einer Nonne an: „Sie sagte: Das hat Dir der Teufel eingeredet, du Lügnerin!“ Und wieder kam der Stock.

Danach wagte sie keine Gegenwehr mehr. Selbst als erwachsene Frau schaffte es Gertrud T. nie, sich gegen sexuelle Übergriffe von Männern zu wehren: „Ich war zum perfekten Opfer erzogen worden.“

Eine Freundin fand sie nie: „Jeder musste sehen, wie er allein durchkam.“ Wohl jedoch erinnert sie sich an ein Mädchen, mit dem sie im Schlafsaal im zweiten Stock am offenen Fenster stand: „Wir wollten sterben. Wir waren so verzweifelt.“ Doch sie sprangen nicht: „Wir hatten Angst vor der Strafe, wenn wir überlebt hätten.“ Im Mai 1962 wurde der unglückliche, pummelige Backfisch mit der Hochfrisur in ein Kinderheim am Ammersee verfrachtet und dort als kostenloses Hausmädchen ausgenutzt.

Eines Tages lief Gertrud davon, warf sich völlig unaufgeklärt dem falschen Mann in die Arme. Mit 17 war sie schwanger, heiratete einen anderen. Die Ehe war eine Katastrophe. Sie ließ sich scheiden, putzte nach der Arbeit noch Treppenhäuser. Sie hat ihre fünf Kinder zu liebenswürdigen, starken Erwachsenen herangezogen. Nicht immer ohne Konflikte: „Als sie kleiner waren, habe ich sie zuweilen geschlagen. Einmal sogar mit dem Kleiderbügel. Ich hatte mich nicht mehr im Griff, und dafür schäme ich mich sehr. Ich habe mich bei den Kindern entschuldigt. Sie haben mir verziehen.“ Viele frühere Heimkinder berichten von solchen Ausrastern.

Gertrud T. lebt heute von ihrer kleinen Rente. Sie hat einen Freund, ist eine liebevolle Oma. Sie spart für einen Computer: „Ich möchte im Internet ein wenig forschen.“ Inzwischen hat sie ihren Frieden gemacht mit der 2002 verstorbenen Mutter – nicht jedoch mit ihrem Schicksal: „Warum ich? Das habe ich mich so oft gefragt.“

Für die tz besuchte sie noch einmal das Heimgelände in Holzhausen. Das Haus, den Teich, die Kirche gibt es noch. Gertrud weinte. Niemals würde sie das Heim noch einmal betreten: „Ich würde in Panik davonrennen.“ Und fügt lächelnd an: „Aber heute dürfte ich das ja, nicht wahr?“

Dorita Plange

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