U-Bahn-Brutalo Serkan A.: Kampf um seine Abschiebung

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Serkan A.

München - Das Kreisverwaltungsreferat kennt kein Pardon: Serkan A., einer der beiden U-Bahn-Brutalos vom Arabellapark, soll München nach seinem Zwangsaufenthalt hinter schwedischen Gardinen sofort verlassen.

 Obwohl der 24-jährige Türke wegen versuchten Mordes noch viele Jahre im Knast sitzen muss, bereitet die Ausländerbehörde schon jetzt seine Ausweisung vor. „Wir wollen, dass seine Ausweisung rechtskräftig ist, wenn seine Haftentlassung ansteht“, sagt Claudia Vollmer, Leiterin der Münchner Ausländerbehörde.

tz-Stichwort: Das Verbrechen

Sie qualmten provokativ in der U-Bahn. Es war der Abend des 20. Dezember 2007, als Rentner Bruno N. die beiden Burschen auf der Fahrt zum Arabellapark ansprach: „In der U-Bahn wird nicht geraucht!“ Dafür rächten sich Serkan A. (damals 21) und Spyridon L. (18) grausam: Im Zwischengeschoss schlugen sie Bruno N. von hinten nieder, traten und schlugen vor laufender Überwachungskamera auf ihn ein. „Hier wurde die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers ausgenutzt“, stellte Richter Reinhold Baier beim Urteil gegen die Schläger im Juli 2008 fest. Spyridon nahm dann Anlauf, um mit voller Wucht gegen den Kopf des Opfers zu treten. Das Urteil: 12 Jahre für Serkan, achteinhalb Jahre Jugendstrafe für Spyridon.

Doch Serkan A. klagte vorm Verwaltungsgericht gegen die Verfügung. Serkan A. ließ sich am Mittwoch persönlich aus der Haft ins Gericht führen, wo seine Familie sowie seine Freundin samt der gemeinsamen Tochter ihn in Empfang nahmen. An Schuldeinsicht scheint es Serkan zu mangeln. „Eine Auseinandersetzung mit der Straftat ist nicht erkennbar“, zitierte der Vorsitzende Richter einen Bericht aus der Justizvollzugsanstalt Straubing. In diesem Knast für Schwerverbrecher fällt Serkan A. offenbar regelmäßig unangenehm auf, die Beamten beschreiben ihn als „unverschämt und unzuverlässig“. Wegen Verstößen gegen die Gefängnisordnung musste er mehrfach in Arrest, einmal sogar neun Tage lang. In diesem Fall hatte er sich von anderen Gefangenen Schmerzpillen besorgt – das ist verboten. Dennoch fühlt sich Serkan A. im Recht. Schließlich habe er Schmerzen gehabt, erklärte er. In dem Bericht der JVA-Leitung heißt es weiter: „Er versucht, andere übers Ohr zu hauen.“ Serkan A. brauste vor Gericht auf: „Schwachsinn!“

Videokameras filmten die brutale Tat

Einen Beruf hatte Serkan A. vor seiner Tat am 20. Dezember 2007 nicht gelernt. Auch im Knast schaffte er es bisher nicht, eine Berufsausbildung zu machen. Der Türke sagt zwar, er würde gerne Maler werden. Aber: „Die wollen von mir einen Hauptschulabschluss.“ Doch beim Eignungstest für diese Prüfung fiel er durch. Man habe ihm gesagt, er könnte ja nächstes Jahr wieder kommen. Die rechtlichen Lage für eine Ausweisung ist dennoch schwierig, wie das Gericht ausführte. Denn türkische Staatsbürger genießen ähnliche Privilegien wie EU-Bürger. Demnach wären einer Abschiebung ganz enge juristische Grenzen gesetzt. Deshalb begründet die Stadt ihren Beschluss mit einem Tatbestand, der vor dem Gesetz als Abschiebegrund gilt: Serkan sei eine „erhebliche Gefahr für die Sicherheit und Ordnung“. Ein Urteil lag am Mittwoch noch nicht vor.

Bei Serkans Komplizen Spyridon L. (achteinhalb Jahre Jugendstrafe wegen versuchten Mordes) ist die Sache einfacher: Er geht nach seiner Haftentlassung freiwillig nach Griechenland zurück. In diesem Fall könnte eine rechtliche Klausel greifen, nach der die Strafe halbiert würde. Er dürfte dann allerdings vorerst nicht wieder nach Deutschland zurückkehren. Seinen Abschied habe Spyridon der Behörde gegenüber akzeptiert, so Claudia Vollmer vom Ausländeramt. Er wird vom Knast direkt nach Griechenland gebracht.

E. Unfried

Mehmet: Heute ganz brav in der Türkei

Als Serienstraftäter hatte Muhlis A. (heute 26), damals „Mehmet“ genannt, für unzählige Schlagzeilen gesorgt. Schon im strafunmündigen Alter unter 14 hatte er 60 Straftaten begangen: Körperverletzungen, Einbrüche, Diebstähle, Erpressungen, Raubüberfälle. 1998 hatte er als 14-Jähriger einen Mitschüler krankenhausreif geschlagen und den Bewusstlosen ausgeraubt. Das Jugendschöffengericht verurteilte ihn deshalb zu 12 Monaten Haft. Diese Strafe trat er nicht an, weil das Kreisverwaltungsreferat seine Ausweisung verfügte. Er wurde in die Türkei abschoben, was für internationales Aufsehen sorgte.

Der Ausweisung folgte ein jahrelanger Prozesskrieg. Muhlis’ Anwalt Alexander Eberth erstritt schließlich vor dem Verwaltungsgerichtshof seine Rückkehr. Auch das Bundesverwaltungsgericht erklärte später die Abschiebung für rechtswidrig. Muhlis A. kehrte 2002 zurück und konnte seinen Hauptschulabschluss nachholen. Er wurde jedoch rückfällig. Weil er seine Eltern bedroht, verprügelt und um Geld erpresst hatte, wurde er 2005 zu 18 Monaten Haft verurteilt. Um nicht in den Knast zu müssen, flüchtete er in die Türkei. Er musste dort seinen Militärdienst ableisten und konnte sich mit Hilfe von Verwandten eine Existenz aufbauen. Er habe westlich von Istanbul ein Sportstudio aufgebaut, sagt Alexander Eberth, der noch gelegentlich Kontakt zu ihm pflegt. „Er hat mir ein paar Fotos geschickt, wie er wohlgenährt vor einem Schreibtisch sitzt.“

Gab es Ärger mit der türkischen Justiz? Davon wisse er nichts, sagt Eberth, der Muhlis A. für resozialisiert hält. Will er wieder nach München? Eberth: „Mir hat er gesagt, dass er nicht mehr nach Deutschland möchte.“

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